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Urlaubs- und Alltagsmobilität: Die schlimmen Folgen der deutschen Reiselust

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CO2 und co.: Die Klimabilanz des Reisens Fotos
DPA

Die deutsche Reiselust hat schwerwiegende Folgen für das Klima - das gilt besonders fürs Fliegen. Wissenschaftler haben es ausgerechnet: Selbst wenige Flugreisen fallen so stark ins Gewicht wie alle Autofahrten zusammen.

Ja gut, der Titel ist weg: Deutschland ist nicht mehr Reiseweltmeister, dieser Titel gebührt mittlerweile den Chinesen. Doch die Deutschen sind noch immer extrem gern unterwegs. Laut einer Statistik der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen haben sie im vergangenen Jahr für mehr als 70 Millionen Urlaubsreisen mal eben 62 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt. Kurz-, Geschäfts- und sonstige Reisen noch nicht einmal mitgerechnet.

Doch welche Folgen haben die deutsche Reiselust und die Alltagsmobilität für das Klima? Mit dieser Frage haben sich nun Forscher des Center for International Climate and Environmental Research (Cicero) im norwegischen Oslo und des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) im österreichischen Laxenburg befasst. Im Fachmagazin "Environmental Science & Policy" rechnen die Autoren Borgar Aamaas, Jens Borken-Kleefeld und Glen Peters vor, dass vor allem Autofahrten und Flugreisen der Deutschen für die negativen Klimafolgen verantwortlich sind.

Die Wissenschaftler berücksichtigen nicht nur den Effekt der ausgestoßenen Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan, sondern zum Beispiel auch Ruß oder Stickoxide. Die Studie basiert auf Emissionsdaten der einzelnen Verkehrsträger. Diese Informationen wurden mit einer Befragung von 50.000 deutschen Haushalten gekoppelt.

Nicht nur Urlaubstrips in ferne Länder wurden berücksichtigt, sondern auch der Weg zur Arbeit oder zum Bäcker um die Ecke. So erklärt sich die hohe Zahl von durchschnittlich 1250 "Reisen" pro Jahr, bei denen im Schnitt 22.400 Kilometer zusammenkommen.

Die Forscher unterteilten die Befragten nach ihrem Einkommen in insgesamt fünf verschiedene Gruppen. Dabei zeigte sich: Top-Verdiener mit mehr als 4600 Euro Haushaltsnettoeinkommen reisten sieben Prozent mehr als der Durchschnitt, Mitglieder der ärmsten Gruppe vierzehn Prozent weniger.

Bei den Klimafolgen lagen Reich und Arm deutlich weiter auseinander: Hier hatten die Begüterten 88 Prozent mehr Einfluss als der Mittelwert. Die Geringverdiener lagen 46 Prozent unter dem Durchschnitt. Das lässt sich vor allem mit den Flugreisen erklären. Im Schnitt reiste man in der höchsten Einkommensgruppe 6,6 Mal pro Jahr mit dem Flieger, in der niedrigsten nur 0,6 Mal.

"Es geht nicht darum, dem Einzelnen seinen Urlaub zu vermiesen"

Bei Flugreisen werden oft große Entfernungen zurückgelegt - und so kommt pro Trip einiges an Schadstoffen zusammen. Denn die Jets produzieren nicht nur Kohlendioxid, das in hohen Atmosphärenschichten besonders stark wirkt. Stickoxide stoßen außerdem chemische Reaktionen an, die den Treibhauseffekt verstärken. Dazu lassen die Abgase der Flugzeuge auch Wolken entstehen, die Wärmestrahlung wieder zur Erde reflektieren.

"Nur zwei Flugreisen machen so viel aus wie alle Autofahrten eines durchschnittlichen Haushalts zusammengenommen", sagt Co-Autor Jens Borken-Kleefeld vom IIASA. Konkret heißt das: Der Lufttransport ist für 45 Prozent der Klimafolgen verantwortlich, der Verkehr auf der Straße für 46 Prozent. Zum Vergleich: Öffentliche Verkehrsmittel kommen auf sechs Prozent.

"Die Preise sind extrem verlockend fürs Fliegen und setzen die falschen Signale", sagt Borken-Kleefeld. Hier müsse die Politik handeln - zum Beispiel durch Besteuerung von Flugbenzin und eine Stärkung des Emissionshandels, der bisher nur innerhalb Europas gilt. "Es geht nicht darum, dem Einzelnen seinen Urlaub zu vermiesen. Die Politik muss ihre Stellschrauben nutzen", so der Forscher.

Öfter mal zu Hause bleiben

Klar, die Luftfahrt will ihre Ökobilanz verbessern - und experimentiert daher unter anderem mit Biotreibstoffen. Außerdem soll der Spritverbrauch neuer Modelle weiter sinken. Doch gleichzeitig nimmt der Luftverkehr stetig zu. Auf der Straße zeigt sich ein ähnliches Bild - auch weil eine im Schnitt immer älter werdende Gesellschaft viele Wege lieber bequem im Auto zurücklegen will.

Die Forscher präsentieren in ihrem Aufsatz Ideen, wie sich die Klimawirkung der Reisen verbessern ließe. "Wir wollten ausschließlich Aspekte der Verhaltensänderung berücksichtigen", sagt Borken-Kleefeld - auch weil die Umsetzung technischer Verbesserungen zu stark von den politischen Rahmenbedingungen abhänge.

Die Wissenschaftler schlagen vor, sich vor allem auf die Mittelklasse und ihre Nutzung von Flugzeugen und Autos zu konzentrieren. Denn in diesem Bereich falle die größte Klimawirkung an. Als eine mögliche Option schlagen die Wissenschaftler vor: öfter mal zu Hause bleiben. Die größte Wirkung ließe sich durch den Verzicht auf Ausflüge in der Freizeit erreichen, gerade bei Fernreisen. Der Umstieg von Kurzstreckenfluggästen unter 800 Kilometern auf die Bahn brächte dagegen vergleichsweise wenig ein - auch weil Geschäftsreisende auf Kurzstrecken keine Zeit für den Zug hätten.

Beide Maßnahmen, Verzicht auf Freizeittrips und den Umstieg auf die Bahn, schätzen die Wissenschaftler als "sehr ambitioniert" beziehungsweise "ambitioniert" ein. Weniger schwierig zu vermitteln sei dagegen bei kurzen Strecken der Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn, Fahrrad oder den Fußmarsch. Und auch mit etwas Planung im Haushalt ließe sich etwas fürs Klima tun: Wer statt fünfmal in der Woche nur zweimal zum Einkaufen fährt, verbessert seine persönliche Klimabilanz um sieben Prozent.

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