Flusswasser-Studie: Deutsche koksen ungeahnte Mengen

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Erstmals haben Forscher das Wasser deutscher Flüsse in einer umfangreichen Studie auf Kokainspuren untersucht. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Deutschen weit mehr Kokain konsumieren als bisher vermutet - allein am Rhein jährlich im Wert von 1,6 Milliarden Euro.

Hamburg - Zwei Wochen lang haben Experten das Wasser großer Flüsse auf chemische Spuren von Kokainkonsum geprüft. Erste Analysen lassen vermuten, dass die bisher gültigen Statistiken den Koks-Verbrauch der Deutschen deutlich unterschätzen.

Kokain: Konsum in Deutschland bisher unterschätzt
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Kokain: Konsum in Deutschland bisher unterschätzt

Anhand der Konzentrationen des Kokain-Abbauprodukts Benzoylecgonin können Forscher auf die konsumierte Menge der Droge schließen. Die Analysen des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP), die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegen, zeigen: Die Deutschen lieben das weiße Pulver offenbar mehr, als Suchtexperten geahnt haben.

Für besonders aufschlussreich halten die Nürnberger Forscher die Analyse des Rheinwassers. Knapp 11 Tonnen reines Kokain pro Jahr verbrauchen demnach allein die rund 38,5 Millionen Menschen, deren Abwässer der Rhein bei Düsseldorf enthält. Tag für Tag schwappen dort die Abbauprodukte von rund 30 Kilogramm reinem Kokain von der Toilette in Richtung Klärwerk. Straßenwert: rund 4,5 Millionen Euro. Pro Jahr kommt so allein an dieser Stelle die ungeheure Summe von 1,64 Milliarden Euro zusammen.

Die Bundesregierung und die Europäische Union gehen in aktuellen Veröffentlichungen davon aus, dass 0,8 Prozent der 18- bis 59-jährigen Deutschen, mithin rund 400.000 Menschen, mindestens einmal im Jahr koksen. Doch angesichts der Konsummengen, die die Chemiker des IBMP anhand ihrer Wasseranalyse hochgerechnet haben, scheint klar: Die aktuellen Statistiken zeichnen ein zu rosiges Bild.

"Sind die Ergebnisse des IBMP korrekt, dann liegt die tatsächliche Zahl der Kokainkonsumenten offensichtlich deutlich über den bisherigen Annahmen", sagt Roland Simon vom Münchner Institut für Therapieforschung (IFT), das die Bundesregierung und die EU mit den deutschen Kokainkonsum-Statistiken beliefert.

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Kokain: Chemische Analysen zeigen Drogenkonsum

In der Tat ergibt es kaum plausible Resultate, wenn man die bisherige 0,8-Prozent-Quote auf die Messungen der Nürnberger Chemiker anwendet. Von den 38,5 Millionen Menschen, die nach Zahlen der Wasserwirtschaftsämter im Einzugsgebiet des Rheins oberhalb von Düsseldorf leben, sind etwa 23 Millionen zwischen 18 und 59 Jahre alt. Nach den bisherigen Statistiken müssten 0,8 Prozent von ihnen, also 184.000, für einen Kokain-Jahresverbrauch von 11 Tonnen verantwortlich sein.

Das würde bedeuten, dass ein Kokser 60 Gramm pro Jahr oder 164 Milligramm pro Tag reines Kokain verbraucht. Da die übliche Straßenprobe nach Angaben des Bundeskriminalamts aber nur einen Reinheitsgrad von 40 Prozent besitzt, wären für den Durchschnittskokser täglich 411 Milligramm Pulver oder 16 Lines à 25 Milligramm fällig - ein eher unwahrscheinliches Verhalten. Bei Köln haben die Nürnberger Forscher ähnliche, bei Mannheim deutlich höhere Werte gemessen. Anderswo lagen die Benzoylecgonin-Mengen wiederum niedriger.

Die Vereinten Nationen geben im "World Drug Report 2005" auf Basis der bisherigen Schätzungen an, dass der durchschnittliche Kokser in Mittel- und Westeuropa 35 Gramm reines Kokain pro Jahr nimmt. Hochgerechnet anhand der von den Forschern bei Düsseldorf gemessenen Werte bedeutet dies, dass sich nahezu doppelt so viele Menschen wie bisher angenommen dem Koksrausch hingeben würden. Die bisher gültige 0,8-Prozent-Quote für Deutschland müsste revidiert werden.

Offizielle Zahlen basieren auf Umfragen

Die Zahlen zur Verbreitung des Kokainkonsums in Deutschland und anderen Ländern fußen in erster Linie auf Umfragen. Insbesondere starke Drogenkonsumenten seien aber mit dieser Methode nur schwer erreichbar und zeigten "eine Tendenz zur Untertreibung" ihres Konsums, wie das Bundeskriminalamt im "Bundeslagebild Rauschgift 2004" bemerkt. Bei Bevölkerungsumfragen müsse deshalb "mit einer nicht unerheblichen Unterschätzung der tatsächlichen Zahlen gerechnet werden".

Neben Umfragen können Epidemiologen nur auf Zahlen aus Hilfs- und Beratungseinrichtungen sowie Polizeistatistiken zurückgreifen. Doch auch dies ist im Bezug auf Kokain nur begrenzt aussagekräftig: Ein Großteil der Kokainbenutzer besucht nie eine Beratungsstelle oder ein Entziehungsprogramm, auf Kokain zurückzuführende Todesfälle sind selten, und die Polizeistatistiken sind stark abhängig von der aktuellen Aktivität der Ermittler.

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