Kriminalistik: "Manchmal ist zu viel Blut da"

Von Frank Thadeusz

Dem Mörder auf der Spur: In einer Scheune im Taunus analysieren experimentelle Forensiker die Tropfen des Todes. Im Interview erklärt die Institutsleiterin, welche Fehler Täter begehen und warum zahlreiche frühere Mordfälle wieder aufgerollt werden müssen.

Eine Scheune in Usingen im Taunus: Allerlei Zeug vom Baumarkt steht herum, auf dem Boden liegen Blätter mit Blutspritzern. Das ist der Experimentierraum von Deutschlands einzigem spezialisierten Institut für Blutspurenmusteranalyse. Hier empfängt Institutsleiterin Silke Brodbeck, 39, regelmäßig Mediziner und Kriminalisten zur kriminalistischen Blutschau - der Kunst, Blutspuren und -spritzer an Tatorten zu deuten. Auf Anfrage von Kriminalbeamten und Staatsanwaltschaften in ganz Europa rekonstruiert die Forensikerin den Hergang von Verbrechen.

Demnächst wird Brodbeck ins schottische Edinburgh zur Konferenz der International Association of Bloodstain Pattern Analysts reisen. Die Tagung der Blutbeschauer wird in der Szene mit Spannung erwartet: Die Analysemethoden des Fachs sollen genauer werden.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen Ihr Vater nie gesagt: Liebe Tochter, im Blut von Toten rumzuprökeln ist nichts für Mädchen?

Brodbeck: Nein. Mein Vater konnte selbst kein Blut sehen, aber er war sehr für die Gleichberechtigung.

SPIEGEL ONLINE: Sie betreten regelrechte Alptraumszenen, nimmt Sie das nicht sehr mit?

Brodbeck: Sie können nicht arbeiten, wenn Sie immer das ganze Leid dahinter sehen. Das trifft auch auf den Arzt in der Notaufnahme zu, wenn er reanimieren muss. Der darf dabei das Schicksal des Betroffenen auch nicht zu sehr an sich heranlassen. Sie brauchen eine gesunde Distanz.

SPIEGEL ONLINE: Was also hinter den Blutspuren steckt, ob Eifersuchtsdrama oder Raubmord, interessiert Sie nicht?

Brodbeck: Das interessiert mich während meiner Arbeit nicht. Auf der menschlichen Ebene berühren mich manche Fälle, klar. Manches beschäftigt einen auch nach Feierabend. Aber für meine Arbeit ist das nicht wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen ekeln sich vor Blut. Warum haben Sie keine Berührungsängste?

Brodbeck: Ich habe große Achtung vor diesem Wunder der Natur. Blut ist die einzige Flüssigkeit, die ihr Gefäß selbst durch die Gerinnung reparieren kann, wenn es kaputt ist. Bei niedrigem Blutdruck steigt die Zähigkeit, bei hohem Blutdruck nimmt sie wieder ab. Bis heute ist es nicht gelungen, diese einzigartige Flüssigkeit künstlich herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Ihrem Berufsstand wurde mit der amerikanischen TV-Serie Dexter ein Denkmal gesetzt. Die Hauptfigur ist der Bloodsplatter-Analyst Dexter Morgan, der für die Polizei in Miami Morde aufklärt und heimlich selber welche begeht. Sind Sie ein Fan?

Brodbeck: Nein. Fachlich ist die Serie nicht gut validiert. Die Techniken, die zum Einsatz kommen, sind altmodisch. Schnüre zur Berechnung des Blutungsursprungs sollten heute eigentlich nicht mehr zum Einsatz kommen. Mich stört aber auch, dass die Morde, die Dexter selbst begeht, dadurch legitimiert werden, dass sie andere Täter treffen. Das ist nichts anderes als ein Plädoyer für die Todesstrafe. Dexter ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, dass die heutigen Serien immer brutaler werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Brutalität ist doch in der Welt. Sie selbst werden an den Tatorten dauernd damit konfrontiert.

Brodbeck: Die Realität ist oft sogar brutaler als der Film. Ich bin selbst großer Krimileser. Früher ging es jedoch vor allem um das Wesentliche: Wer ist der Täter? Heute wird immer detaillierter beschrieben, wie der Leichenfundort beschaffen war oder der Zustand der Leiche. Im Mittelpunkt steht heutzutage die Brutalität des Mordes und nicht die Klärung der Tat.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn Sie am Tatort ankommen?

Brodbeck: Zuerst gibt es eine Besprechung mit der Polizei. Dabei wird geklärt, welche Fragen aus Ermittlungssicht wichtig sind. Zum Beispiel: Wo können wir DNA des Täters finden? Wurde womöglich der Tatort verändert?

SPIEGEL ONLINE: Wie kann ein Tatort verändert werden?

Brodbeck: Oft werden Möbel verrückt oder Blutspuren mit Reinigungsmitteln weggewischt. Gelegentlich auch mit Farbe übermalt. Es kommt auch vor, dass Täter den Tatort abbrennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erfolgreich sind die Täter beim Beseitigen von Blutspuren?

Brodbeck: Ein Täter kann schon durch Reinigungsprozesse große Flächen von Blut kaputt machen. Die Schwierigkeit liegt für den Täter darin, überhaupt alle Blutspuren zu erfassen. Oft findet man Blut auch an Stellen, die ein Täter gar nicht für wahrscheinlich erachtet.

SPIEGEL ONLINE: Werden an jedem Tatort Blutspurenexperten hinzugezogen?

Brodbeck: Wir kommen an den Tatort, wenn es komplexer wird, zum Beispiel die Klärung eines Tatherganges oder ein als Unfall getarnter Mord.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit bringen Sie an einem Tatort zu?

Brodbeck: In der Regel einige Stunden. Wenn es sehr komplex wird, kann es länger dauern. Das kommt aber sehr selten vor.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sicher, dass Ihnen keine Spuren entgehen? Muss man sich das wie eine Suche nach Ostereiern vorstellen?

Brodbeck: Sie brauchen Genauigkeit, Systematik und ein gutes räumliches Sehvermögen. Und dann müssen sie akkurat sämtliche Flächen untersuchen. Vor allem aber müssen sie wissen, wie sich Blut in der Luft bewegt. Sonst können sie nicht erklären, wie das Muster, das sie an der Wand sehen, entstanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie am Tatort schon Erkenntnisse darüber, wie die Tat abgelaufen sein kann?

Brodbeck: Ich habe einen Eindruck von dem, was passiert ist, wenn ich rausgehe. Bei einem Kampfgeschehen haben sie oftmals größere Areale von Kontaktspuren am Boden, an Wänden, wo auch immer. Man sieht relativ klar vor sich: Das ist ein Bezirk, in dem hat es Aktivität gegeben. Die Gesamtschau aller Spuren findet dann am Schreibtisch statt.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Fälle, zu denen Sie überhaupt nichts sagen konnten?

Brodbeck: Nein. Einschränkungen ergeben sich manchmal, wenn es sich bei den aufgefundenen Flüssigkeitsspuren nicht um Blut handelt. Da kann ich dann auch kein Gutachten schreiben. Manchmal ist auch zu viel Blut da. Wenn sich fünf Spurentypen überlagern, haben sie fast eine Lache. Das schränkt dann die Aussagekraft ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt so was zustande?

Brodbeck: Wenn jemand infolge eines Kampfes auf bereits vorhandenen Spuren zu liegen kommt und auf die Spuren draufblutet. Flüssigkeit auf Flüssigkeit, da gehen oftmals wichtige Daten verloren.

SPIEGEL ONLINE: Die Anfänge der Blutspurenmusteranalyse gehen zurück bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Wenn Sie zurückblicken, wie viel hat sich in den letzen 20, 30 oder 50 Jahren auf diesem Gebiet getan?

Brodbeck: Es haben sich Welten bewegt. Noch vor 20 Jahren hat man Klassifikationen benutzt, die heute schlichtweg falsch sind. Man hatte in den siebziger Jahren die Physik von Schusswaffen direkt übertragen auf das Blut.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das?

Brodbeck: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn sie mit einer Pistole auf eine Oberfläche mit Blut schießen, wird das Blut beschleunigt. Waffenexperten klassifizieren ihre Waffen nach Energien. Dann hat man die Energieleistung der Waffe 1:1 auf das Blut übertragen und festgelegt: Kleine Spritzer entstehen nur durch hohe Einwirkungsenergien, mittlere Spritzer nur durch mittlere Energien und große Spritzer nur durch niedrige Energien. Das ist aber nach heutigen Erkenntnissen falsch. Alle Spritzergrößen können bei allen Formen von Energieeinwirkung entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten doch allerhand Fälle aus den vergangenen Jahrzehnten eigentlich neu begutachtet werden.

Brodbeck: Das ist für einige Fälle richtig. Die kriege ich auch manchmal rein. Es gab schon Fälle, in denen Gutachter aus einem ganz normalen Husten und Nasenbluten ein Kampfgeschehen konstruiert haben. Und dann wird jemand unschuldig angeklagt. Aber das sind seltene Extreme. Gründlichkeit und Fachwissen sind die Grundlagen jeder guten Blutspurenmusteranalyse.

SPIEGEL ONLINE: Solche Gutachten werden dann von vermeintlichen Experten geschrieben?

Brodbeck: Wir haben ganz unterschiedliche Niveaugrade an Qualität unter den Gutachtern. Es gibt einige Kollegen, die gut daran täten, akkurat ihre Wissensbasis zu verbreitern.

SPIEGEL ONLINE: Sehr diplomatisch ausgedrückt...

Brodbeck: Man kann verlangen, dass regelmäßig Fortbildungen wahrgenommen werden. In einem kleinen Fach wie der Blutspurenmusteranalyse sind das die internationalen und interdisziplinären Fachtagungen der Blutspurenmusteranalysten. Die sind wichtig, denn ein fachlich falsches Gutachten kann den Unterschied ausmachen zwischen Verurteilung und Freispruch.

Das Interview führte Frank Thadeusz

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und: Nein!
VPolitologeV 12.10.2012
Aus dem Vortext: "Im Interview erklärt die Institutsleiterin, welche Fehler Täter begehen und warum zahlreiche frühere Mordfälle wieder aufgerollt werden müssen." Aus dem Interview: "SPIEGEL ONLINE: Dann müssten doch allerhand Fälle aus den vergangenen Jahrzehnten eigentlich neu begutachtet werden. Brodbeck: Das ist für einige Fälle richtig. Die kriege ich auch manchmal rein. Es gab schon Fälle, in denen Gutachter aus einem ganz normalen Husten und Nasenbluten ein Kampfgeschehen konstruiert haben. Und dann wird jemand unschuldig angeklagt. Aber das sind seltene Extreme." Wo ist da bitte "zahlreich"? Ich lese da: "einige Fälle" und "seltene Extreme". Was soll das? Das Thema ist interessant genug, da benötigt man keine weitere Dramatisierung!
2. Wenn schon englisch dann bitte richtig...
anaxi 12.10.2012
Zitat von sysopDem Mörder auf der Spur: In einer Scheune im Taunus analysieren experimentelle Forensiker die Tropfen des Todes. Im Interview erklärt die Institutsleiterin, welche Fehler Täter begehen und warum zahlreiche frühere Mordfälle wieder aufgerollt werden müssen. Forensik: Interview über Institut für Blutspurenmusteranalyse - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/forensik-interview-ueber-institut-fuer-blutspurenmusteranalyse-a-860704.html)
Bloodspatter Analyst nicht Bloodsplatter. Musste dennoch schmunzeln...
3. Klare Sprache
sanctum.praeputium 12.10.2012
Sachliche, zutreffende und intelligente Aussagen zum Thema aus verschiedenen Perspektiven. Klärende Worte zu dem Mist, der als Prekariatsunterhaltung aus den USA kommt und das gesellschaftliche Klima verhärtet..
4. Hallo anaxi
ami 12.10.2012
Typisch deutsches Verhalten, so ist es richtig: Blood Spatter Analyst.
5.
Mach999 12.10.2012
Zitat von amiTypisch deutsches Verhalten, so ist es richtig: Blood Spatter Analyst.
Aua, jetzt wird's hanebüchen. Da es sich hier um einen deutschen, nicht um einen englischen Text handelt, und der Begriff als Fremdwort verwendet wird (er steht schließlich nicht in Anführungszeichen), schreibt man ihn bitte zusammen oder mit Bindestrich, genau so wie im Text - nur ohne den Tippfehler mit dem "l". Richtig ist in deutschen Texten: Bloodspatter-Analyst oder besser noch Bloodspatteranalyst. Ich weiß, dass gerade im Beraterkreisen (und ich gehöre selbst dazu) der Unsinn mit der Getrenntschreibung in jeder zweiten Powerpointfolie auftaucht, meistens auch noch inkonsequent. Das macht es aber nicht richtiger.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Tatort
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
Fotostrecke
CSI-Studium: Dreckschuhe im Labor