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Frühmenschen: Kuscheln unter Cousins

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Neandertaler: Ihr Erbgut hinterließ Spuren im Genom moderner Europäer, weiter östlich war das mitunter umgekehrt

Das Erbgut des Neandertalers lebt in modernen Europäern fort. Neue Studien zeigen nun, dass auch im Genom mancher Neandertaler sich "fremde" Gene finden - unsere.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Vor rund sechs Jahren machten Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie weltweit Schlagzeilen mit der Entdeckung, dass in modernen Europäern ein Stückchen Neandertaler weiterlebt.

Durch den Vergleich sequenzierter Gene wiesen sie nach, dass es in einem Zeitfenster vor 47.000 bis 65.000 Jahren zu mehreren Kreuzungen moderner Menschen der Gattung Homo sapiens mit dem Homo neanderthalensis gekommen war.

Es bescherte uns Europäern ein Erbe von Neandertal-Genen, die - je nach Schätzung - heute zwischen einem und fast acht Prozent unseres ganz individuellen Erbguts ausmachen. Insgesamt dürften in der Bevölkerung Europas mehr als 20 Prozent des Neandertal-Genoms erhalten sein. Und ausgerechnet Eigenschaften, die wir als "typisch europäisch" verbuchen, entpuppten sich als typisch Neandertaler - helle Haut, braunes, rotes oder helles Haar, vielleicht auch Sommersprossen?

Das alles warf Fragen auf. Wann ist ein Mensch ein Mensch? Wo kann man, muss man, sollte man Grenzen ziehen? Was ist "primitiv", womit können und sollten wir uns identifizieren? Und wie definieren wir uns überhaupt als Art?

Biologen und Anthropologen holen da recht weit aus: Was "Homo" heißt, ist für sie Mensch. Sie haben kein Problem damit, auch Wesen mit in diese Definition zu fassen, die weder über Sprache, noch über Kultur verfügten und womöglich noch über geringe intellektuelle Fähigkeiten.

Der Neandertaler war uns offensichtlich trotzdem so nah, dass einer gemeinsamen Familienplanung mit ihm nichts im Wege stand. Eine neue, im Fachblatt "Nature" veröffentlichte Studie präsentiert dazu interessante Details. Die Analyse von Funden aus dem mittelasiatischen Altaigebirge hat gezeigt, dass dort vor rund 100.000 Jahren Neandertaler lebten, in deren Erbgut Spuren von Sapiens-Vorfahren steckten. Offenbar hatten sich die zwei Menschenarten gegenseitig befruchtet - und das früher und öfter, als bisher gedacht.

Schauplatz Naher Osten

Mit ziemlicher Sicherheit trafen moderner Mensch und Neandertaler erstmals irgendwo im Gebiet der Levante aufeinander: Letzterer lebte dort schon seit etlichen zehntausend Jahren, Ersterer kam auf seinem Weg aus Afrika heraus quasi zwangsläufig vorbei.

Irgendwo zwischen Libanon und arabischer Halbinsel kam es vor rund 100.000 Jahren dann zur ersten im Genom ablesbaren Vermischung der Arten. Die Sexualkontakte beschränkten sich auf bestimmte Populationen: So finden sich Neandertaler-Gene nur bei Europäern, Denisova-Gene nur bei Asiaten. Und die Spuren unseres Genoms sind nur bei östlichen Neandertalern zu finden - mit westlich lebenden Vertretern scheint diese Vermischung der Arten nicht stattgefunden zu haben.

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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer
Die neue Studie trägt dazu bei, die vermeintliche Eindeutigkeit der Verhältnisse zur Zeit der Einwanderung des modernen Menschen nach Europa weiter zu erschüttern. In weniger als zehn Jahren erfuhren wir nun, dass in nur knapp prähistorischer Zeit möglicherweise drei, vier oder mehr Menschenarten parallel in Eurasien lebten. Und mehr noch: Spuren dieser Kontakte und Beziehungen finden sich bis heute in unserem Genom.

Damit ist eher eine Gleichzeitigkeit und Verwandtschaft beschrieben, als eine Ab- und Erbfolge: Wir sind überlebende Geschwister, keine "Nachfahren" der damaligen Arten. Und ein Teil ihres Genoms lebt in uns fort.

Cousin Neandertaler: der Pionier des Nordens

Seit seiner Entdeckung 1856 und Erstbeschreibung im Jahr darauf hielt man den Neandertaler für einen primitiven Vorfahren des modernen, "eigentlichen" Menschen. Für mehr als einhundert Jahre sah man ihn als einen tumben Keulenschwinger, der am Ende der letzten Eiszeit möglicherweise auch deshalb ausstarb, weil er zu blöd war für eine neue, veränderte Welt. Seine Rehabilitierung erfolgte erst in den letzten Jahrzehnten. Inzwischen gilt als Konsens, dass der Neandertaler cleverer war als lang gedacht und entsprechend zurechtgemacht im heutigen Straßenbild kaum auffallen würde.

Wie wir, der Homo sapiens, war auch der Neandertaler wohl ein direkter Abkömmling des Homo erectus: Aus ihm, der wohl als erster Vertreter der Menschenfamilie Afrika verließ, entwickelten sich im Norden der neanderthalensis und die womöglich eng verwandten Denisova-Menschen, im Süden der sapiens.

Funde der vergangenen Jahre zeigten, dass all diese Arten in Asien und Europa aufeinandertrafen. Das war über den Großteil der Menschheitsentwicklung ganz normal: Meist lebten mehrere Arten Menschen parallel zueinander, und oft in unmittelbarer Nähe. Nicht immer fällt uns in Rückschau die Abgrenzung der einen von der anderen Art leicht. Es sieht so aus, als würden diese Grenzen zunehmend zerfließen.


Zusammengefasst: Forscher wussten bereits, dass der moderne Mensch Homo sapiens Gene des Neandertalers in sich trägt. Doch jetzt ist klar, dass es auch umgekehrt lief. Neandertaler verfügten zum Teil auch über Erbgut des modernen Menschen. Das zeugt von amourösen Kontakten. Irgendwo zwischen Libanon und arabischer Halbinsel trafen beide Gruppen einst aufeinander - und lernten sich auch lieben.

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Umdenkprozess: Die Kunst der Neandertaler

Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.
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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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