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Kunst und Intelligenz: Der Schmuck der Neandertaler

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Umdenkprozess: Die Kunst der Neandertaler Fotos
Luka Mjeda, Zagreb

Bis vor wenigen Jahren sah man Neandertaler als grobe Primitivlinge. Neueste Funde aber zeigen: Sie malten, schminkten und schmückten sich - lange bevor der moderne Mensch nach Europa kam.

Wie intelligent waren die Neandertaler? Über Jahrzehnte ging man davon aus, dass unsere Cousins, deren Erbgut sich zu gut 20 Prozent im europäischen Genom erhalten hat, nicht viel mehr waren als aufrecht gehende Säugetiere. In Anbetracht fehlender Zeugnisse kultureller und technologischer Innovation sprach man ihnen höhere Intelligenz ab. Und was sie schließlich an Fortschritten machten, hätten sie dem modernen Menschen abgeschaut, als der nach Europa kam.

Inzwischen wachsen die Zweifel am Bild vom denkfaulen Verwandten. In den letzten zehn Jahren wurden an mehreren Orten, die einst von Neandertalern bevölkert waren, Gegenstände und Bilder gefunden, die wahrscheinlich von ihnen hinterlassen wurden (siehe Bildergalerie). Im aktuellen Wissenschaftsjournal "PLoS One" veröffentlicht eine amerikanisch-kroatische Forschergruppe um Davorka Radovčič nun eine Studie über Neandertaler-Schmuck aus Raubvogel-Klauen.

Das passt zu anderen Fundberichten der letzten Jahre, laut denen sich Neandertaler geschmückt und geschminkt haben, Bilder auf Fels und Ornamente in Stein ritzten. Das alles würde auf höhere Bewusstseinsebenen hinweisen: Schmuck hat kommunikative Funktionen, für die es abstraktes Denken braucht. Die bewusste Veränderung von Gegenständen ohne unmittelbaren Wert als Werkzeug weist auf symbolisches oder ästhetisches Denken hin. Dass Neandertaler auch Kranke pflegten und Tote bestatteten, weiß man seit Jahrzehnten.

Kurzum: Sie hatten Kultur.

Dazu kommt, dass es inzwischen eindeutige Beweise für eine zeitweise mit uns geteilte Vergangenheit gibt - wir tragen sie in unseren Genen. Genau das aber weckt auch immer wieder Zweifel an Denkfähigkeit und Kreativität der Neandertaler: Manche Experten gehen nach wie vor davon aus, dass Neandertaler technologischen und kulturellen Fortschritt erst durch den Kontakt mit modernen Menschen erfuhren - sie wären demnach reine Nachmacher, aber keine kreativen Geister gewesen.

Der Kontakt mit uns fand in Europa wahrscheinlich vor nicht mehr als 40.000 Jahren statt - im Nahen Osten mögen sich Homo neanderthalensis und sapiens etwas früher begegnet sein. Das aber passt zwar zu vielen der vermeintlich künstlerischen Neandertaler-Zeugnisse, aber längst nicht zu allen.

Federschmuck und Klauen-Ketten

So datierten die Forscher den nun untersuchten Adler-Schmuck auf ein Alter von 130.000 Jahren - und da gab es in Kroatien definitiv noch keinen Homo sapiens.

Was die acht gefundenen Seeadlerklauen als Schmuck zu erkennen gibt, sind bewusst gesetzte Einkerbungen und vielsagende Gebrauchsspuren. Vier der Klauen zeigen Spuren von Einschnitten, drei haben an jeweils gleicher Stelle angebrachte Kerben. Alle acht aber zeigen Abrieb-Spuren, wirken teils poliert - so, als hätte man sie lange Zeit in immer gleicher Position über eine Oberfläche gerieben.

Das waren dann womöglich Brust oder Oberarm, vermuten die Forscher - sie halten die Klauen für Bestandteile einer Kette oder eines Armreifens. An den Schnitten und Kerben wären die Klauen dann einst aneinandergebunden worden.

Für Raubvögel hatten Neandertaler offenbar ein Faible. im Jahr 2011 fanden Forscher in einem Neandertaler-Unterschlupf in Italien 44.000 Jahre alte Vogelknochen von Adlern, Falken und Geiern. Außer ihrem Greifvogel-Charakter haben die vor allem eines gemein: Sie schmecken nicht.

Geschmack fanden die Neandertaler aber offenbar an ihren großen Schwungfedern, die sie herausrissen oder schnitten, um sich damit zu schmücken - oder um Rang und Macht zu symbolisieren? Bei Naturvölkern ist das heute noch so üblich - wie beim Militär in Paradeuniform.

Schminken, ritzen, malen

Neandertalerschmuck anderer Art fanden Forscher 2009 an gleich zwei Orten in Südspanien: Gelochte Herz- und andere Meeresmuscheln. Eine große Jakobsmuschel war teilweise mit orangefarbenen Pigmenten eingefärbt - so, als ob man damit Farbe gerührt oder geschöpft hätte.

Die Farbe produzierten die spanischen Neandertaler offenbar aus roten und gelben Pigmenten, die sie gezielt gesammelt haben müssen. Als besonders schicker Behälter diente offenbar eine farbige Lazarusklapper-Muschel, die wegen ihrer Buntheit und zerklüfteten Oberfläche später, in der Jungsteinzeit, zu einem verbreiteten Zahlungsmittel werden sollte - Neandertaler scheinen da einen ähnlichen Geschmack gehabt zu haben. Die Annahme der Forscher: Die Farben waren nichts anderes als Schminke für möglicherweise großflächige Körperbemalungen.

Einem Neandertaler, der vor 45.000 Jahren in Italien lebte, hatte es hingegen ein Schneckenhaus angetan - und auch das färbte er oder sie rot ein und hängte es auf, wahrscheinlich an einer Tiersehne. Der Fund gilt als besonders sensationell, denn frisch war das Schneckenhaus schon nicht mehr, als es vor 45.000 Jahren mehr als hundert Kilometer von der Höhle entfernt aufgelesen wurde: Das Schneckenhaus ist ein mehrere Millionen Jahre altes, versteinertes Fossil.

Nützlich war daran offensichtlich nichts - der Finder muss es als schön, ungewöhnlich, magisch oder sonstwie besonders empfunden haben.

Umstritten ist dagegen, ob die 2012 gefundenen Wandmalereien in der Höhle von El Castillo, Spanien, von Neandertalern stammen. Die ältesten von ihnen entstanden vor rund 40.000 Jahren und gelten als älteste Höhlenmalereien Europas - dass Neandertaler zumindest an dieser ersten künstlerischen Veränderung der Höhle beteiligt waren, gilt als wahrscheinlich. Spätere, komplexere Tierdarstellungen werden eher modernen Menschen zugeordnet, aber sicher ist auch das nicht.

So, wie auch die Fels-Ritzungen, die man 2014 bei Gibraltar fand, rätselhaft sind: Die 39.000 Jahre alten Felsgravuren stammen von Neandertalern und können als kreuzhafte Symbole gedeutet werden. Sie wurden mit erheblichem Aufwand in einen flach und etwa 40 Zentimeter hoch liegenden Felsen geritzt. Optisch erinnern die an ein Tic-Tac-Toe-Spiel - aber so intelligent waren sie dann wohl doch nicht.

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1.
vox veritas 12.03.2015
"Optisch erinnern die an ein Tic-Tac-Toe-Spiel - aber so intelligent waren sie dann wohl doch nicht." Woher weiß der Artikelschreiber dies?
2. Prozente
Ossifriese 12.03.2015
"...Über Jahrzehnte ging man davon aus, dass unsere Cousins, deren Erbgut sich zu gut 20 Prozent im europäischen Genom erhalten hat,..." Nur mal nachgehakt: stimmt das mit den 20%? Bisher - so ist meine Meinung - waren bestenfalls 4-5% gleich sind...?
3. Wer ist der Affe?
rot 12.03.2015
Ich kann mich noch sehr gut an die Diskussion erinnern, ob der Neandertaler ein echter Mensch sei oder nicht,- die vor der Genom-Sequenzierung stattfand. Vehement wurde damals bestritten,- und selbstverständlich bewiesen,- dass es überhaupt nicht möglich sei, dass sich Neandertaler mit dem H.Sapiens vermischt hätten. Für mich stand immer schon fest, dass Neandertaler den modernen Menschen in ihren Fähigkeiten sehr ähnlicher waren. Wer in der Lage ist, große Treibjagden auf riesige und sehr gefährlich Großtier zu organisieren, muss über Sprache und Sozialsinn verfügen, in der Lage sein zu planen und sinnvoll mit andern abgestimmt zu handeln,- und vor allem muss auch die Fähigkeit da sein vorausschauend das Verhalten von Tieren genau und sicher beurteilen können. Wer in Kleinstgruppen einer sehr feindlichen Umwelt überleben kann, die noch dazu von reichlich z.T. sehr großen Fleischfressern bevölkert ist, muss wirklich clever und sehr couragiert sein sein. Immerhin haben die Neandertaler erheblich länger in Europa gelebt, als der H.Sapiens dies bisher bewerkstelligt hätte. Letzterer verhält sich,- als Gesamtheit betrachte,- nicht besonders intelligent sondern eher irrational, aggressiv (sieh diverse Weltkriege), ist von Wunschdenken und Gier gesteuert Überdies ist er gerade dabei seine Umwelt in ein Industriegelände umzuwandeln und wieder besseres Wissen das Weltklima zu versauen. Allerdings sind die angegebenen 20% Neandertaler-Gene sehr hoch-gegriffen (angeben werden meistens zischen 0.3 bis max. 4%). Vielleicht liegt's ja daran.
4. Artikel zeugt nicht von hoher Intelligenz
peter_gurt 12.03.2015
Die Rückschlüsse die hier fabuliert werden und vor allem die Jahreszahlen die wild hin und her geworfen wurden, stimmen einen schon traurig. Und am Ende wird wieder bekannt, dass alles ein großer Irrtum war, siehe Piltdownman... seufz.
5. Taschentuch reich
cindy2009 12.03.2015
Zitat von peter_gurtDie Rückschlüsse die hier fabuliert werden und vor allem die Jahreszahlen die wild hin und her geworfen wurden, stimmen einen schon traurig. Und am Ende wird wieder bekannt, dass alles ein großer Irrtum war, siehe Piltdownman... seufz.
Naja, 6000 Jahre, Lehm und Rippe sind aber ein noch größerer Irrtum.
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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.
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Frühe Künstler: Rote Hände, blasser Kalk

Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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