Forscher-Kampagne Geburten und Sterbefälle sollen weltweit registriert werden

Millionen Menschen weltweit werden geboren und sterben, ohne dass ihre Existenz je erfasst wird. Wissenschaftler beklagen dies als "Skandal der Unsichtbarkeit" und fordern den Aufbau von Geburts- und Sterberegistern in jedem Land. Davon könne die gesamte Menschheit profitieren.


"Heutzutage werden nur bei einem Drittel der Weltbevölkerung die Daten zu Geburt und Tod genau erfasst", schreibt Richard Horten, Chefredakteur von "The Lancet", in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts. "Zu viele Menschen, vor allem die Armen, werden niemals registriert." Sie würden sterben, ohne dass irgendjemand von ihnen Notiz nehme.

Großmutter und Enkel (in Kenia): "Eine Probe auf die Menschlichkeit"
Getty Images

Großmutter und Enkel (in Kenia): "Eine Probe auf die Menschlichkeit"

Mit einer Serie will das renommierte Medizinjournal über den Status von Melderegistern weltweit und über die Bemühungen berichten, bei jedem Todesfall auch dessen Ursache zu erfassen. "Who counts?" heißt die Artikelreihe - zu deutsch "Wer zählt?".

Horten beklagt eine weltweit bestehende Erfassungslücke: "Keine einzige Uno-Behörde ist dafür verantwortlich, Geburten und Todesfälle zu registrieren". Bei der Kampagne "Who counts?" gehe es auch um den Wert jedes einzelnen Menschenlebens. "Sie stellt unsere Menschlichkeit auf die Probe."

Niemals seien zuverlässige nationale Statistiken gefragter gewesen als heute, schreibt Prasanta Mahapatra vom Institute of Health Systems aus Indien in einem weiteren "Lancet"-Artikel. Nur wenige Entwicklungsländer hätten in den vergangenen 50 Jahren ein eigenes Personenregister aufbauen können. Anstrengungen, die globale Vergleichbarkeit von Daten zu verbessern, habe es nur sporadisch gegeben.

Besonders schlecht sei die Lage in vielen Ländern Afrikas, in Nordkorea und in Osttimur. Diese Länder würden überhaupt keine Daten zur Verfügung stellen. Mahapatra kritisierte jedoch auch die unterschiedliche Qualität der Statistiken der übrigen Länder. "Nicht alle entwickelten Staaten scheinen qualitativ hochwertige Daten zu haben."

In einem weiteren "Lancet"-Artikel weisen Philip Setel von der University of North Carolina und seine Kollegen auf den großen Nutzen umfangreicher Bevölkerungsstatistiken hin. Beispielsweise habe die Zunahme der Zahl der Verkehrstoten in den siebziger Jahren zur Einführung der Anschnallpflicht und zum Verbot des Fahrens unter Alkoholeinfluss geführt. In Indien hätten Geburtsstatistiken enthüllt, dass in großem Maßstab weibliche Föten gezielt abgetrieben werden.

hda



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