Forscherwut Italiener und Franzosen fordern Nobelpreis-Korrektur

Ärger um die Nobelpreise: Ein italienischer Physiker und ein französischer Aids-Forscher seien auf skandalöse Weise übergangen worden, heißt es in deren Ländern. In Italien wird die Kritik sogar vom Nationalen Institut für Kernphysik unterstützt.


Rom/Paris - Italienische Wissenschaftler sind aufgebracht über die Vergabe des Physik-Nobelpreises 2008: Es sei unfair, dass der Physiker Nicola Cabibbo nicht bedacht worden sei, urteilte das Nationale Institut für Kernphysik (INFN). Cabibbo habe die Grundlagen entwickelt, die die japanischen Preisträger Makoto Kobayashi und Toshihide Maskawa lediglich erweitert hätten. Das Resultat war die sogenannte Cabibbo-Kobayashi-Maskawa-Matrix ( CKM-Matrix). "Das 'K' und das 'M' der Formel wurden geehrt, während das 'C' außen vor gelassen wurde", kommentierte die Zeitung "La Repubblica".

"Das ist wirklich bitter", sagte INFN-Präsident Roberto Petronzio. "Kobayashis und Maskawas einziger Verdienst ist es, die Idee von Cabibbo auf vereinfachte Weise generalisiert zu haben." Die beiden Japaner sollen für bahnbrechende Erkenntnisse zur Symmetriebrechung und zur dritten Familie von Quarks den Nobelpreis bekommen, gemeinsam mit dem US-Forscher Yoichiro Nambu. Das hält auch der Ehrenpräsident der italienischen Physikervereinigung, Renato Angelo Ricci, für einen "unglaublichen Skandal". "Cabibbo hat den ersten und wesentlichen Teil der Entdeckung gemacht", sagte Ricci der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera".

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In Frankreich gibt es derweil Ärger wegen des Medizin-Nobelpreises. Wissenschaftler verlangen, dass neben Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi auch deren früherer Mitarbeiter Jean-Claude Chermann bedacht wird. Ein am Dienstag gegründetes Unterstützungskomitee für Chermann ist nach eigenen Angaben bereits beim Nobelkomitee in Stockholm vorstellig geworden. In der Hoffnung, "ein bedauerliches Versäumnis" noch beheben zu können, wiesen Chermanns Anhänger darauf hin, dass er an der Entdeckung des Aids-Erregers HIV ebenso maßgeblich beteiligt gewesen sei wie Montagnier und Barré-Sinoussi.

Chermann habe zusammen mit Barré-Sinoussi in einem Labor gearbeitet, das zur Abteilung von Professor Montagnier am Pariser Institut Pasteur gehört habe, teilte das Komitee mit. Chermann dürfe bei der Preisvergabe nicht einfach übergangen werden. Als Beleg führten seine Anhänger insbesondere eine Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin "Science" an. Im ersten Artikel nach der Entdeckung des Virus im Jahr 1983 seien Barré-Sinoussi und Chermann als Autoren genannt gewesen. Wie bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen üblich, habe Montagnier als ihr Chef erst an dritter Stelle gestanden.

Auch der US-Forscher Robert Gallo, der nach eigener Aussage nachgewiesen hat, dass das HI-Virus tatsächlich die Ursache der Immunschwächekrankheit Aids ist, wurde vom Nobelkomitee nicht erwähnt. Gallo und seine französischen Kollegen hatten mehrere Jahre darüber gestritten, wer das Virus als erster entdeckt hat. Neben Montagnier und Barré-Sinoussi wird im Dezember der deutsche Krebsforscher Harald zur Hausen mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet.

hda/AFP/dpa



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