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Forschung als Waffe: Manipulieren, fälschen, unterdrücken

Die US-Regierung verbiegt die Wahrheit offenbar nicht nur, um Kriege zu rechtfertigen. Ein Parlamentsausschuss untersuchte jetzt, wie Präsident George W. Bush und die Seinen mit der Wissenschaft umgehen - und kam zu skandalträchtigen Ergebnissen.

Bush: Wissenschaftslügen im Dienst der Politik
REUTERS

Bush: Wissenschaftslügen im Dienst der Politik

Der Bericht der Parlamentarier liest sich wie ein Panoptikum von Manipulation, Unterdrückung missliebiger Forschungsergebnisse und offener Fälschung. "Die politische Einmischung der Regierung führte zu irreführenden Aussagen des Präsidenten, ungenauen Auskünften an den Kongress, veränderten Webseiten, unterdrückten Institutsberichten und dem Knebeln von Wissenschaftlern", heißt es in dem 40-seitigen Papier des Minderheitenstabs im Regierungsreform-Komitees des Repräsentantenhauses. Die Manipulationen fänden in vielen Bereichen statt, hätten aber eines gemeinsam: "Die Nutznießer der Verzerrungen sind wichtige Helfer des Präsidenten, unter anderem Konservative und mächtige Industriegruppen."

Dass die Interventionen neben wirtschaftlichen auf ideologischen Interessen dienen, verdeutlichen etwa die bizarren Vorgänge rund um die Sexualmoral. In den Augen des US-Präsidenten und seiner Getreuen gibt es offenbar nur eine akzeptable Verhütungsmethode: keinen Sex zu haben. Um das auch wissenschaftlich zu untermauern, frisierte die Regierung dem Bericht zufolge Statistiken über die Ergebnisse ihrer "Abstinence Only"-Kampagne.

Informationen zur Verhütung unterdrückt

Jugendliche, die dennoch etwas über die Funktionsweise eines Kondoms erfahren wollten, wurden zumindest auf offiziellen Webseiten nicht fündig. Die Bush-Regierung tilgte die Informationen über das Anlegen von Parisern kurzerhand von der Webseite des Centers for Disease Control and Prevention (CDC), immerhin eine Regierungsorganisation.

Abstinenz-Kampagne: "Jungfrau ist kein schmutziges Wort"
AP

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Wer es dennoch nicht lassen kann und beim Sex auch noch unerwünscht schwanger wird, sollte nach dem Willen Washingtons eine Abtreibung besser nicht in Betracht ziehen. Angst wirkt da Wunder, müssen sich Bushs Helfer gedacht haben - und manipulierten die Internetseite einer weiteren Regierungsorganisation, diesmal des Nationalen Krebsinstituts. Dort war dann zu lesen, dass eine Abtreibung Brustkrebs auslösen kann - eine absurde Behauptung, die dem Konsens unter Forschern widerspricht und von der "New York Times" als "ungeheuerliche Verzerrung der Beweislage" gegeißelt wurde.

Auch der Internet-Auftritt des Bildungsministeriums blieb dem Parlamentsbericht zufolge nicht von Bushs Desinformations-Kampagne verschont. In einem Rundbrief wurden die Mitarbeiter des Ministeriums aufgefordert, von der Webseite umgehend alle Materialien zu entfernen, die "nicht mit der Philosophie der Regierung übereinstimmen". Nationale Bildungsorganisationen beschwerten sich ebenso unverzüglich wie erfolglos über Zensur.

Fantastische Vorhersagen zur Raketenabwehr

Im März 2003 behauptete Verteidigungs-Staatssekretär Edward Aldridge vor dem zuständigen Senatsausschuss, bis Ende 2004 stehe ein Raketenabwehr-System bereit, das mit neunzigprozentiger Treffsicherheit aus Korea anfliegende Raketen abschießen könne. Die optimistischsten unabhängigen Wissenschaftler sahen dagegen ein solches Abwehrsystem mindestens zehn Jahre in der Zukunft, viele halten es bis heute für technisch nicht machbar.

Nationale Raketenabwehr: Wilde Übertreibungen der Regierung
AP

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Die amerikanische Ölwirtschaft, in der Bush-Regierung ohnehin bestens repräsentiert, sollte ebenfalls von der Wissenschafts-Fälschung profitieren. So erklärte Innenministerin Gale Norton den Senatoren und Repräsentanten, dass Ölbohrungen in der Arktis die dortigen Karibu-Bestände nicht gefährdeten - obwohl die Wissenschaftler in ihrer eigenen Behörde zuvor das Gegenteil festgestellt hatten.

Selektive Besetzung wissenschaftlicher Gremien

In der Landwirtschaft hält die Regierung Bush dem Bericht zufolge die Interessen der Industrie ebenfalls für wichtiger als den Umweltschutz. Das Landwirtschaftsministerium erließ demnach strenge Regeln, um öffentlich beschäftigte Forscher an der Veröffentlichung von Studien zu hindern, die der Industrie schaden könnten. In einem konkreten Fall wurde einem Mikrobiologen die Bekanntgabe von Forschungsergebnissen untersagt, die auf die Gefahren durch Antibiotika-resistente Bakterien im Mittelwesten der USA hinwiesen.

Die Bush-Regierung bestückte dem Bericht zufolge wissenschaftliche Komitees mit politisch genehmen, wissenschaftlich aber eher ahnungslosen Leuten. In das Gremium zur Aids-Bekämpfung etwa wurde Jerry Thacker berufen - ein Marketingfachmann, der Homosexualität als "Spielart des Todes" und Aids als "Schwulenplage" bezeichnet hatte.

"Rechtskonservative Unterwanderung"

Das Komitee für Regierungsreform im US-Repräsentantenhaus gehört nicht zu den ersten Kritikern von Bushs Umgang mit der Wissenschaft. In der Forschergemeinde regt sich schon länger Unmut über das Wirken Washingtons - nachzulesen in renommierten Magazinen wie "Science", "Nature" oder im "New England Journal of Medicine".

Das Medizin-Fachblatt "The Lancet" etwa prangerte die selektive Besetzung einflussreicher Wissenschafts-Gremien an und warnte vor deren "rechtskonservativen Unterwanderung". "Science" brachte die Praxis der Bush-Regierung mit chirurgischer Präzision auf den Punkt: Politik werde mittlerweile in Bereiche der Wissenschaft injiziert, die "früher einmal immun waren gegen diese Art der Manipulation".

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