Forschung in islamischen Ländern Wissenschaft im Namen Allahs

Jeder fünfte Mensch ist Muslim. Islamische Länder sind aber Schlusslicht in Sachen Forschung. Der Grund: Wissenschaft in islamischen Ländern ist international so bedeutungslos, weil sie nur Mittel zum Zweck ist.

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Islamische Wissenschaftler waren einmal Weltspitze - wenn auch vor tausend Jahren. Als sich das mittelalterliche Europa fest im Griff der Kirche befand, waren es islamische Gelehrte, die das antike wissenschaftliche Erbe der Griechen wiederentdeckten, bewahrten und weiterentwickelten. Vom neunten bis zum 13. Jahrhundert erlebte der Islam eine Blütezeit der Wissenschaften. Doch das Blatt wendete sich: Während Europa sich im Zuge der Aufklärung vom Diktat der Kirche freimachte, gewannen in der islamischen Welt fundamentalistische Strömungen die Oberhand. Der Islam wurde rigider, die auf islamischem Recht basierenden Gesellschaften unfreier. Eine Entwicklung, die bis heute anhält: In Saudi-Arabien ist der dogmatische und konservative wahhabitische Islam Staatsdoktrin.

Der Koran: "Ist er mit der Wissenschaft nicht vereinbar, liegt automatisch die Wissenschaft falsch."
DPA

Der Koran: "Ist er mit der Wissenschaft nicht vereinbar, liegt automatisch die Wissenschaft falsch."

Die wissenschaftliche Bedeutungslosigkeit islamischer Länder, die rund ein Fünftel der gesamten Weltbevölkerung stellen, lässt sich anhand von Statistiken der Weltbank, der Unesco und der US-amerikanischen National Science Foundation über Länder der Organization of the Islamic Conference (OIC) belegen. In der OIC sind 57 islamische Staaten vertreten.

  • 20 dieser 57 Staaten haben in den Jahren 1996 bis 2003 im Schnitt nur 0,34 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Forschung und Entwicklung ausgegeben (der globale Schnitt beträgt 2,36 Prozent)
  • Wissenschaftliche Veröffentlichungen: Der OIC-Schnitt liegt bei 13 pro eine Million Einwohner im Jahr 2003 (Weltschnitt: 137 pro eine Million Einwohner, USA: 666 Veröffentlichungen pro eine Million Einwohner). Von 200.000 erschienenen wissenschaftlichen Artikeln im Jahr 2003 kam die Hälfte aus den USA, ein Drittel aus den Ländern der EU und knapp sieben Prozent aus Japan.
  • Nur 312 der etwa 1800 Universitäten in OIC-Ländern haben wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, 26 in der Türkei, 9 im Iran.
  • 14 der 28 Länder mit den niedrigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungsquoten sind OIC-Staaten.
  • Anzahl der Wissenschaftler in den OIC-Staaten: 500 pro eine Million Einwohner (Japan und Schweden: über 5000 pro eine Million). In den 21 armen OIC-Staaten, die südlich der Sahara liegen: 20 pro eine Million Einwohner.
  • Es gab bislang nur zwei islamische Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften: Abdus Salam (Pakistan, Nobelpreis für Physik 1979) und Ahmed Zewail (Ägypten, Nobelpreis für Chemie 1999).

In manchen Ländern gibt es Fortschritte: Die Türkei hat ihren wissenschaftlichen Output während der letzten zehn Jahre mehr als verzehnfacht, Iran sogar verzwanzigfacht. Die Türkei führt mit 6000 Veröffentlichungen im Jahr 2003 die wissenschaftliche Rangliste der OIC-Staaten an. Auch in der Ausbildung gibt es Verbesserungen: An Pakistans Universitäten studierten im Jahr 2004 über 400.000 Studenten, fast doppelt so viele wie 2001. Studierten 1979 an Irans Universitäten noch 100.000 Studenten, sind es heute zwei Millionen. Die Frauenquote ist mitunter erstaunlich hoch: In Sudan und Pakistan liegt sie bei 50 Prozent, in Iran sind es in den Wissenschafts- und Ingenieursstudiengängen sogar 70 Prozent. An ägyptischen Unis sind 35 Prozent der Studenten weiblich, in Kuwait 67 und in Saudi-Arabien immerhin 27. Doch nach der Uni ist für die Frauen zumeist Endstation - oft haben sie nicht die gesellschaftlichen Freiheiten, ihre akademische Ausbildung auch beruflich umzusetzen.

Wissenschaft ist Mittel zum Zweck

Woran liegt es, dass der wissenschaftliche Ertrag islamischer Länder trotz relativ guter Ausbildungsmöglichkeiten - zumindest in den reichen islamischen Staaten - so gering ist?

Nader Fergany, Direktor des Almishkat Centre for Research in Kairo und federführender Autor des Arab Human Development Report, sieht ein Mentalitätsproblem: Wissenschaft wird in der islamischen Welt nicht als Basis des Wohlstands gesehen. "Die sehr reichen Staaten sind weniger besorgt, denn sie sitzen bequem auf ihren Ölreserven", sagt Fergany. Sie müssen Innovation nicht selbst produzieren, sondern kaufen sie einfach ein. Selbst die wissenschaftlichen Innovationen, die den Ölstaaten von direktem Nutzen wären, wie beispielsweise Petroleum-Technologie, würden überwiegend in den Nicht-Golfstaaten gemacht.

Und: Wissenschaft in den islamischen Ländern ist nicht frei. Wobei es jedoch nicht zwingend politische Freiheit sein muss, um Wissenschaft zu ermöglichen. Das zeigen Iran und Pakistan, aber auch China oder historische Beispiele wie Nazi-Deutschland oder die Sowjetunion. In Iran und Pakistan ist der Islam prominent in der Politik vertreten - dennoch hat Iran seinen wissenschaftlichen Output in den letzten Jahren enorm gesteigert. Es ist auch in ethisch heiklen Wissenschaftsbereichen Vorreiter: Als erstes Land des Nahen Ostens entwickelte es eine menschliche embryonale Stammzelllinie aus überschüssigen Embryonen künstlicher Befruchtung. In Pakistan ließ Präsident Musharraf das Bildungswesen reorganisieren, viele Universitäten neu gründen, Studenten ins Ausland schicken und ausländische Wissenschaftler anwerben.



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