Von Markus Becker
"Viagra", "Bio-Potenzmittel", erforscht an der Charité" - diese Mischung war so brisant, dass vergangene Woche zahlreiche Medien über eine angebliche Sensation aus der renommierten Berliner Klinik berichteten. Der Medizinstudent Olaf Schröder, Leiter der Versuche, hatte in Interviews nicht nur vollmundige Versprechungen über die Wirksamkeit seines Potenzmittels gemacht, sondern auch den Produktnamen "Plantagrar" genannt. Experten und die Charité-Leitung waren nicht amüsiert.
Jetzt gerät Holger Kiesewetter, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin an der Charité, ins Zwielicht. Er ist Schröders Doktorvater, an seinem Institut wurde das Mittelchen erforscht. Die Charité hat inzwischen den Ombudsmann für gute wissenschaftliche Praxis eingeschaltet und ihre Innenrevision eingeschaltet - um sich zu vergewissern, "dass wirtschaftliche Interessenkonflikte offengelegt wurden und keinen Einfluss auf die Studie genommen haben".
Nach Angaben der Charité ist nicht geklärt, woher das Geld für Schröders "Plantagrar"-Studien stammte. Zudem bestätigte die Klinik gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass die zuständige Berliner Aufsichtsbehörde Kiesewetters Institut einen Besuch abgestattet und Dokumente mitgenommen hat.
Der Verdacht der persönlichen Bereicherung, dem die Innenrevision der Charité nun nachgeht, liegt nicht allzu fern. Im "Berliner Kurier", der als erste Zeitung über "Plantagrar" berichtet hat, hieß es, die Berliner Firma Caplab werde das Potenzmittel ab dem Frühjahr 2010 vermarkten. Ein Blick ins Handelsregister offenbart ein interessantes Detail: Geschäftsführer der Caplab GmbH ist Reinhard Latza. Der Mediziner, der im saarländischen St. Ingbert ein Labor betreibt, hat sich im April 2006 habilitiert - an Kiesewetters Institut für Transfusionsmedizin.
Schlagkräftige Verbindung
Die Verbindung zwischen Kiesewetter und Latza beschränkt sich nicht auf die Habilitation. Die beiden tauchten in den vergangenen Jahren oftmals gemeinsam in Erscheinung. Bei einer ganzen Reihe von Forschungsarbeiten arbeiteten sie als Autoren zusammen, Latza ist auf der Website von Kiesewetters Institut als "externer Dozent" aufgeführt. Nach Angaben der Charité war Latza vom 1. Januar 2002 bis 30. Juni 2006 aus Drittmitteln an der Klinik beschäftigt.
Den Verdacht, von der Forschung an der Charité persönlich profitiert zu haben, weisen beide Mediziner zurück. In schriftlichen Stellungnahmen gegenüber SPIEGEL ONLINE bestreiten sie sogar, dass die Caplab GmbH "Plantagrar" überhaupt vermarkten sollte.
Es wäre nicht das erste Mal, dass Kiesewetter ins Zwielicht gerät - sowohl finanziell als auch wissenschaftlich. 1988 etwa fiel sein Name, als der "Stern" über eine Medizinaffäre berichtete. Das Bad Homburger Medizintechnik-Unternehmen Fresenius - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Test-Institut - hatte demnach ranghohe Mediziner und Krankenhäuser in ganz Deutschland großzügig mit fragwürdigen Zahlungen bedacht.
Laut dem Bericht habe sich herausgestellt, dass Kiesewetter - damals leitender Oberarzt am Institut für Transfusionsmedizin der Uniklinik in Homburg an der Saar - dank üppiger Berater- und Vortragshonorare nebst Reisespesen zu den "Großverdienern" unter Fresenius gehörte. Auch zwei Firmen seiner Frau hätten profitiert. Insgesamt seien mehr als 370.000 Mark in die Familienkasse der Kiesewetters geflossen.
Merkwürdig: Die Fresenius AG bestätigte gegenüber dem "Stern" die Zahlung. "Das war eine lohnende Ausgabe für uns", wird Fresenius-Vorstand Gerd Krick zitiert. "Der Mann hat viel für uns getan." Kiesewetter aber bestreitet dies: Sein Anwalt teilte SPIEGEL ONLINE mit, der Professor und seine Frau hätten das Geld nie erhalten.
960.000 Euro Nebeneinkünfte in zwei Jahren
Im Jahr 2004 ging es erneut um Summen, die vermuten lassen, in welchen finanziellen Größenordnungen sich Kiesewetters Aktivitäten bewegen. Nach Urteilen des Berliner Verwaltungsgerichts musste der Professor rund 960.000 Euro an die Charité zahlen. Diese Summe hatte er demnach im Wesentlichen in nur zwei Jahren - von 2002 bis 2003 - eingenommen, indem er diagnostische Leistungen für andere Krankenhäuser und Kliniken in eigenem Namen und auf eigene Rechnung erbracht hatte. Dafür "nutzte er Einrichtungen und Personal des von ihm an der Charité geleiteten Instituts", so das Verwaltungsgericht.
Die Klinik selbst habe nur einen Teil der Einnahmen abbekommen - und das sogar geduldet, wenn auch stillschweigend. 1998 aber widerrief die Charité die Genehmigung für Kiesewetters lukrative Nebentätigkeit. Der Professor klagte. Sein Argument: Leistungen für andere Einrichtungen gehörten nicht zu seinen hauptamtlichen Aufgaben. Während das Verfahren lief, hielt er unbeeindruckt an seiner Abrechnungspraxis fest, wie es in einer Mitteilung des Verwaltungsgerichts heißt. Erst 2004 entschied das Gericht, dass es sehr wohl zu den Pflichten der Charité und ihrer Hochschullehrer gehöre, im Rahmen der Krankenversorgung auch Leistungen für andere Krankenhäuser, Kliniken und niedergelassene Ärzte zu erbringen.
Ob Kiesewetter inzwischen gezahlt hat, wollte die Charité aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht direkt beantworten. Die Klinik erklärte allerdings, dass aus dem fraglichen Zeitpunkt "keine offenen Forderungen an Hochschulprofessoren bestehen". Kiesewetter selbst behauptet, der Vorgang habe so überhaupt nicht stattgefunden: Das Urteil über die 960.000 Euro habe einen ganz anderen Hochschullehrer betroffen, teilte der Professor über seinen Anwalt mit. Soweit Kiesewetter selbst verpflichtet gewesen sei, Einnahmen aus Nebeneinkünften an die Charité zu zahlen, sei dies "vollumfänglich geschehen".
Knoblauch-Studie mit Geruch
Auch Kiesewetters wissenschaftliche Arbeit war immer wieder von kleineren und größeren Auffälligkeiten begleitet. Im Mai 1999 etwa veröffentlichte ein Team unter seiner Leitung eine Studie im Fachblatt "Atherosclerosis", in der von der positiven Wirkung von Knoblauchpräparaten gegen Gefäßverkalkung die Rede war. Finanziert hat die Studie ausgerechnet der Hersteller des Präparats, das Pharmaunternehmen Lichtwer. Unabhängige Fachleute warfen der Untersuchung anschließend schwere Mängel bei der statistischen Auswertung vor.
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