Skandale Soll Forschungsbetrug strafbar werden?

Im angeblich so seriösen Forschungsbetrieb wird immer wieder getrickst, manipuliert und getäuscht. Ein renommierter Mediziner fordert nun, Wissenschaftsbetrug unter Strafe zu stellen. Doch Kollegen sind skeptisch.

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Forschung mit Stammzellen (Archivbild): "Liegt eine Täuschung vor?"
REUTERS

Forschung mit Stammzellen (Archivbild): "Liegt eine Täuschung vor?"


Studie zurückgezogen, Experiment nicht reproduzierbar, Fotos vertauscht - immer neue Skandale erschüttern das Image des sorgfältigen, der Suche nach der Wahrheit verpflichteten Wissenschaftlers. Kürzlich etwa sorgten die aufsehenerregenden Experimente mit Zitronensäure, die Zellen neugeborener Mäuse in eine Art embryonalen Zustand zurückversetzen sollen, für Schlagzeilen. Wenig später geriet die Studie unter Manipulationsverdacht. In einem anderen Fall Anfang Juli zog ein Forschungsmagazin gleich 60 Fachartikel auf einmal zurück.

Der kanadische Kinderarzt Zulfiqar Bhutta fordert nun, Wissenschaftsbetrug unter Strafe zu stellen. "Es ist Zeit, solches Verhalten in dieselbe Kategorie einzuordnen wie andere kriminelle Aktivitäten", schreibt der Co-Direktor des Hospital for Sick Children in Toronto im renommierten "British Medical Journal".

Bhutta verweist auf eine Statistik von zurückgezogenen biomedizinischen Studien: Ihre Zahl habe sich von 2001 bis 2010 verneunzehnfacht. Bis zum Mai 2012 wurden laut der Datenbank PubMed 2047 Fachartikel zurückgezogen. In zwei Dritteln der Fälle sei wissenschaftliches Fehlverhalten die Ursache gewesen.

Wie groß die Auswirkungen von Wissenschaftsbetrug sein können, zeigte ein Fachartikel über angebliche Impfschäden auf besonders krasse Art. Der britische Arzt Andrew Wakefield hatte 1998 im Magazin "The Lancet" über einen Zusammenhang zwischen Kinderimpfungen und Autismus berichtet, der sich später als falsch erwies. In der Folge sanken die Impfquoten in Großbritannien deutlich. "Der Schaden für die weltweite Impfreichweite ist unkalkulierbar", erklärt Bhutta.

Betrug oft schwer nachweisbar

Sollte Forschungsbetrug deshalb in die Strafgesetzbücher aufgenommen werden? Julian Crane von der University of Otago in Neuseeland hält nicht viel von Bhuttas Idee. Eine Kriminalisierung habe keine abschreckende Wirkung und würde das Vertrauen eher untergraben als erhöhen, schreibt er im "British Medical Journal". Rhetorisch fragt er: "Würde das Einschalten der Polizei zu besseren Untersuchungen führen und Schaden verhindern?"

Ähnlich kritisch äußert sich auch Wolfgang Löwer von der Universität Bonn: "Wenn es nicht gerade um ein Plagiat geht, kann die Feststellung eines Betrugs sehr aufwendig sein." Der Jurist kennt die Probleme aus der täglichen Arbeit als Ombudsmann für die Wissenschaft. "Nehmen wir den Schatten auf einer Aufnahme eines bildgebenden Verfahrens: Zeigt sie eine Stammzelle oder nur ein Artefakt?" Das sei nicht immer leicht zu entscheiden. "Liegt dann eine Täuschung vor? Ist diese vorsätzlich? Oder handelt es sich um schlechte Wissenschaft?"

Wenn Wissenschaftsbetrug strafbar sein solle, müsse man den Tatbestand in einer für das Strafrecht genügenden Bestimmtheit formulieren. "Darin sehe ich ein Problem", sagt Löwer. "Wir können nicht einfach sagen: Wer vorsätzlich gegen die Regeln guter Wissenschaftspraxis verstößt, wird mit x Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe in der Höhe y bestraft."

Ein Fall für den Staatsanwalt - auch ohne spezielles Strafrecht

Der Ombudsmann für die Wissenschaft wurde 1999 auf Empfehlung der Kommission Selbstkontrolle in der Wissenschaft von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingerichtet. An die Stelle können sich Wissenschaftler wenden, wenn es um Fragen "guter wissenschaftlicher Praxis" und ihre Verletzung durch wissenschaftliche Unredlichkeit geht.

Schon heute könne bei bestimmten Fällen die Staatsanwaltschaft tätig werden, betont Löwer. "Wenn es um Zweckentfremdung oder Untreue von Forschungsmitteln geht, sprechen wir von Betrug oder Untreue. Dann greift das Strafrecht auch bei Wissenschaftsbetrug." In allen anderen Fällen werden Streitigkeiten innerhalb des Wissenschaftssystems geregelt.

Das Wissenschaftssystem funktioniert nach Einschätzung Löwers "ganz gut, weil die Forscher sich gegenseitig kontrollieren". Als wahr gelte, was reproduziert werden könne. Zudem arbeiteten Wissenschaftler mit den Ergebnissen von Kollegen weiter. "Deshalb fällt auch auf, wenn damit etwas nicht stimmt."

Es kann jedoch auch etwas länger dauern, bis Manipulationen auffallen, wie das Beispiel des südafrikanischen Onkologen Werner Bezwoda zeigt. Er hatte 1995 über verblüffende Heilerfolge bei Brustkrebspatientinnen berichtet. Zahlreiche Ärzte in aller Welt setzten daraufhin die mit einer Knochenmarktransplantation kombinierte, sehr hoch dosierte Chemotherapie ein. Allein in den USA unterzogen sich über 30.000 Frauen der qualvollen Behandlung.

Erst fünf Jahre später, als sich die erhofften Erfolge nicht recht einstellen wollten, forderte das National Cancer Institute in Washington Beweise für Bezwodas Studie. So kam heraus, dass Bezwoda über Alter und Krebsstadien seiner Patientinnen gelogen und manche Fälle sogar frei erfunden hatte. Seine Ergebnisse wurden für null und nichtig erklärt, der Arzt wurde entlassen.

Bei der anfangs erwähnten Impfschäden-Studie von Andrew Wakefield dauerte es volle zwölf Jahre, bis der Artikel vom Fachblatt "Lancet" zurückgezogen wurde. Wakefield bekam daraufhin auch Berufsverbot.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Immanuel_Goldstein 16.07.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSIm angeblich so seriösen Forschungsbetrieb wird immer wieder getrickst, manipuliert und getäuscht. Ein renommierter Mediziner fordert nun, Wissenschaftsbetrug unter Strafe zu stellen. Doch Kollegen sind skeptisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/forschungsskandale-soll-betrug-in-der-wissenschaft-strafbar-werden-a-981025.html
Es würde reichen, wenn Betrüger in der Wissenschaft ihre Wissenschaftlerstelle verlieren würden. Dann gäbe es auf jeden Fall mehr Sorgfalt, denn meistens sind die Betrüger nicht irgendwelche Knechte auf befristeten Zeitverträgen, sondern die unkündbaren Platzhirsche.
ohminus 16.07.2014
2. Ein Kinderarzt?
Das Problem ist doch gerade sehr häufig, dass in der medizinischen Forschung ein Haufen medizinischer Praktiker rumlaufen, die nie vernünftig wissenschaftliches Arbeiten gelernt haben und denen es wichtiger ist, sagen zu können, sie haben etwas, das ihren Patienten hilft, als einen tatsächlichen Erkenntnisgewinn zu erzielen. Es gibt viele gute Forscher unter Medizinern, aber die pure Statistik sollte klar machen, dass es hier ein Problem gibt.
berney 16.07.2014
3. als
Unbeteiligter würde ich mir wahrscheinlich nicht anmaßen, die Grenze zwischen Misserfolg bei Forschung und Betrug zu ziehen. Wenn die Beweise erdrückend sind, sollte eine Strafe aber sein. Fällt sowas dann nicht so oder so unter Veruntreuung von Forschungsgeldern oder ähnlichem?
Immanuel_Goldstein 16.07.2014
4.
Zitat von berneyUnbeteiligter würde ich mir wahrscheinlich nicht anmaßen, die Grenze zwischen Misserfolg bei Forschung und Betrug zu ziehen. Wenn die Beweise erdrückend sind, sollte eine Strafe aber sein. Fällt sowas dann nicht so oder so unter Veruntreuung von Forschungsgeldern oder ähnlichem?
In Deutschland herrscht an staatlichen Universitäten die Freiheit von Forschung und Lehre als Grundprinzip. An sich ist es schon richtig, dass der Staat hier nicht viel zu melden hat. Allerdings sollten die Kontrollgremien gestärkt werden und die Sanktionen in der Tat bei Forschungsbetrug verschärft. Warum soll also der verantwortliche Professor nicht auch mal seinen Hut nehmen müssen, wenn er betrogen hat?
Mac_Beth 16.07.2014
5. Forschungsbetrug strafbar?
Wozu? Jemand der nachweislich Ergebnisse manipuliert oder gefälscht hat, verliert eh ungeheuer an Reputation. Das wiegt schwerer als jede Strafe, die ein "seriöser" Wissenschaftler zu fürchten braucht. Davon abgesehen finde ich das ganze ein wenig dünn. Was ist denn, wenn jemand seine Ergebnisse auch zu einer Glaubensfrage erhebt ("Doch, es ist möglich!"). Religionen haben diese Freiheit doch im Prinzip auch auf Grundlagen mangelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse behauptungen aufstellen zu dürfen. Ein Extrembeispiel wären Kreationisten, die auf Basis angeblicher wissenschaftlicher Untersuchungen behaupten, die Erde wäre nur etliche Tausend Jahre alt, oder die Evolution wäre eine Lüge. Streng genommen müsste das dann auch strafbar sein. Meiner Ansicht nach ist das auch Thema, man muss sich hierbei mit den Extremfällen auseinandersetzen.
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