Fortpflanzung: Die geheimen Signale weiblicher Fruchtbarkeit

Von Nora Schultz

Frauen machen ihre Umwelt nicht offensiv auf den nahenden Eisprung aufmerksam. Doch Forscher entdecken immer mehr subtile Signale - von kaum wahrnehmbaren Veränderungen der Gesichtsform bis zu stärkerer Durchsetzungskraft und Kauflust.

Fruchtbarkeit: Und ewig lockt das Weib Fotos
Corbis

Im Tierreich geht es mitunter ziemlich offensichtlich zu, wenn Weibchen ihre Paarungsbereitschaft signalisieren. Bei Menschen fallen die Veränderungen im Laufe des Monatszyklus dagegen wesentlich dezenter aus. Ob und wie Männer merken, wann Frauen fruchtbar sind, wird unter Experten heftig diskutiert. Wirken Frauen in den Tagen vor dem Eisprung attraktiver? Steigt ihre Stimmlage, riechen sie besser? Neuen Studien zufolge häufen sich die Indizien, dass der weibliche Eisprung sich nicht nur körperlich, sondern auch im Verhalten niederschlägt - mit interessanten Konsequenzen für den sozialen Alltag.

Jahrelang waren Forscher davon ausgegangen, dass die Evolution Frauen sozusagen als Waffe im Kampf der Geschlechter mit der Fähigkeit ausgestattet hatte, ihren Eisprung zu verheimlichen. Der Gedanke dahinter: Männer beschränken ihre Aufmerksamkeiten nicht nur auf wenige fruchtbare Tage, sondern widmen sich, um eine Vaterschaft zu erzielen, sicherheitshalber lieber den ganzen Monat lang den Belangen der Frau; diese hingegen kann sich bei Bedarf auf dem Höhepunkt ihrer Fruchtbarkeit sogar eher unbemerkt zu einer Affäre davon schleichen.

Doch auch wenn Studien zufolge etwa vier Prozent aller Kinder aus unentdeckten Seitensprüngen entstanden sind, deutet inzwischen doch einiges darauf hin, dass der weibliche Eisprung längst nicht so verborgen bleibt, wie ehemals geglaubt.

Forscher der Universität Bern haben nun herausgefunden, wie Fruchtbarkeit sich im Gesicht einer Frau ausdrückt. Dass Fotos von fruchtbaren Frauen attraktiver wirken, war bereits bekannt, nicht jedoch, ob zum Beispiel Änderungen in Hautfarbe, Augenfunkeln oder Gesichtsform für die erhöhte Anziehungskraft der Bilder verantwortlich sind.

Um dem Fruchtbarkeitssignal auf die Spur zu kommen, filterten Cora Bobst und Janek Lobmaier aus Vergleichsfotos von 25 fruchtbaren und unfruchtbaren Frauen mit Hilfe eines Computerprogramms feinste Formschwankungen an 178 verschiedenen Punkten im Gesicht heraus. Nach diesem Schema veränderte das Team dann Fotos anderer Frauen aus einer Datenbank, um ihren Gesichtern unabhängig von Farbeffekten und tatsächlichem Zyklus-Zeitpunkt eine fruchtbare Form zu verleihen.

"Fürsorglich und flirtbereit passen nicht unbedingt zusammen"

Obwohl die Veränderungen mit bloßem Auge kaum erkennbar sind (siehe Fotostrecke oben), bewerteten 36 Männer die ins fruchtbare Spektrum veränderte Gesichter mehrheitlich als attraktiver und schätzen die so veränderten Frauen als fürsorglicher, flirtbereiter und als eher zu einer Verabredung bereit ein.

"Eine so allgemeine Präferenz hatten wir gar nicht erwartet, da fürsorglich und flirtbereit ja nicht unbedingt zusammenpassen", sagt Autorin Cora Bobst. Als nächstes will sie besser verstehen, wie genau sich die Gesichtszüge verändern, denn offensichtlich ist es nicht: "Wir können bisher nicht nachvollziehen, was den Unterschied ausmacht; die Schwankungen sind extrem subtil."

Unklar ist vorerst auch noch, was die Veränderungen verursacht. Hohe Werte bestimmter Zyklushormone könnten die Gesichtsmuskulatur einerseits direkt beeinflussen. Andererseits könnten auch Verhaltensunterschiede in der fruchtbaren Phase verantwortlich sein, indem Frauen trotz strikter Instruktionen, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren, dann unbewusst mehr mit der Kamera flirten.

Dass der nahende Eisprung sich auch im Verhalten von Frauen für Männer merklich niederschlägt, wird in weiteren aktuellen Studien jedenfalls immer deutlicher. So konnte Nicolas Guéguen von der französischen Université de Bretagne-Sud vor kurzem zeigen, dass der Gang fruchtbarer Frauen langsamer ist und von Männern als "sexier" bewertet wird.

Spendabler an fruchtbaren Tagen

Noch deutlicher drückt sich die Fruchtbarkeit im Tanzstil aus: Bernhard Fink und Kollegen von der Universität Göttingen zeigten 200 Männern Videoclips von den nachgezeichneten Umrissen 48 tanzender Frauen, die sie sowohl während als auch nach ihrer fruchtbaren Phase gefilmt hatten. Die Männer bevorzugten konsequent die Silhouetten fruchtbarer Tänzerinnen. Finks Studie erklärt somit auch, warum Stripperinnen in der Zeit vor dem Eisprung mehr Trinkgeld verdienen.

Auch in ihren Vorlieben und im Umgang mit anderen verändern sich fruchtbare Frauen offenbar. Sie geben mehr Geld für Kleider aus, ziehen sich provokativer an und verbringen mehr Zeit mit Schönheitsprozeduren, fand Gad Saad von der Concordia University im kanadischen Quebec kürzlich heraus. "So etwas bemerken Männer natürlich erst recht", sagt Saad.

"Das passt gut mit unserer Forschung zusammen, die zeigt, dass fruchtbare Frauen maskuline Männer bevorzugen", ergänzt Anthony Little von der schottischen Universität Stirling. "Da maskuline Männer als 'qualitativ hochwertiger' gelten, können Frauen, wenn sie um den Eisprung herum attraktiver wirken, dann vielleicht wählerischer werden und solche Männer eher anziehen", sagt er. Auch an Männern, die viel Geld für Statussymbole ausgeben, finden Frauen in dieser Phase dementsprechend größeres Interesse, so eine weitere Studie. Hier ist allerdings Vorsicht angebracht, denn solche Männer sind vor allem an flüchtigen Flirts interessiert.

Ein vom nahenden Eisprung angesporntes Interesse an Männern mit "guten Genen" könnte auch erklären, warum fruchtbare Frauen auch eifersüchtiger und insgesamt konkurrenzbereiter und durchsetzungsfähiger sind. "Die Idee, das zyklische Schwankungen in der Attraktivität mit messbaren Verhaltensänderungen im Alltag einhergehen, finde ich faszinierend", sagt Autorin Kelly Cobey von der niederländischen Universität Groningen.

Sollten Frauen demnächst auch entscheidende Termine wie Bewerbungsgespräche oder geschäftliche Verhandlungen entsprechend ihrem Zyklus in den Kalender eintragen? Das könnte klappen - vorausgesetzt, die Frau nimmt keine hormonellen Verhütungsmittel und ist mit den Phasen ihres Zyklus überhaupt vertraut.

Schwerer dürfte es allerdings sein, aus dem Wissen um die Zyklusphase heraus das eigene Verhalten zu ändern. "Diese Trends wurzeln tief im Unterbewussten. Selbst Frauen, die jahrelange Erfahrung mit den Auswirkungen ihres Zyklus auf das eigene Verhalten haben, können sich diesen Veränderungen kaum entziehen", sagt Thomas Buser von der Universität Amsterdam.

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