Fossile Knochen Frühmenschen-Schädel weist rätselhafte Delle auf

War es ein Unfall oder ein Überfall? Ein uralter Schädel trägt die Spuren einer gefährlichen Wunde. Sie könnte der älteste Nachweis von Gewalt unter Menschen sein - vor allem aber zeigt sie, dass Verletzte schon vor mehr als 100.000 Jahren gesundgepflegt wurden.

IVPP/ XIUJIE WU

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Hamburg - Das Leben vor Hunderttausenden von Jahren war nicht besonders angenehm. Wenn Frühmenschen auf die Jagd gingen, mussten sie dicht an ihre Beute heran - bei großem Wild durchaus ein Risiko. Fleischfressende Raubtiere stellten ebenfalls eine Bedrohung dar. Und wahrscheinlich kam es auch unter den frühen Vertretern des Homo sapiens und seinen Vorfahren zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Diesen Verdacht legen zumindest fossile Überreste nahe, die von schweren, mitunter auch tödlichen Verletzungen zeugen. Doch zigtausende Jahre später ist es keine einfache Aufgabe zu klären, wie genau diese Wunden entstanden sind.

Forscher um Xiu-Jie Wu von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking haben nun einen bekannten Schädel - den des bereits 1958 in der Provinz Guangdong entdeckten Maba-Menschen - genauer untersucht. Er zeigt Spuren einer Verletzung an der rechten vorderen Schädelseite, die wohl durch stumpfe Gewalt entstand, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Möglicherweise hatte der Maba-Mensch einen Unfall. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass er sich die Verletzung bei einem Kampf zwischen Frühmenschen zuzog, so die Experten. Andere Gründe - Krankheiten, Tumore oder Brandwunden - schließen sie wegen der charakteristischen Form der Verletzung aus.

Mit einem Stein erwischt?

Es sei ein sehr lokalisierter, harter Treffer gewesen. Mit einem Stein erwischt zu werden, würde so eine Wunde hervorrufen, sagte der an der Studie beteiligte Forscher Erik Trinkaus der britischen BBC. Damit könnte es sich um die älteste bekannte Spur von Gewalt unter Menschen handeln.

Zweifel an dieser Theorie weckt allerdings die Studie selbst, denn Schädelverletzungen scheinen bei unseren Vorfahren keine Seltenheit gewesen zu sein. Die Forscher listen rund hundert weitere menschliche Fossilfunde aus dem Pleistozän auf, die ähnliche Verletzungen aufweisen wie der Maba-Mensch. Allerdings befinden die sich zu jeweils genau 50 Prozent auf der linken und der rechten Seite des Kopfes - was gegen die These spricht, der Maba-Mensch sei von einem Artgenossen verletzt worden.

Denn Rechtshänder waren höchstwahrscheinlich auch schon vor Jahrtausenden in der Überzahl. Sollten sich die Frühmenschen also regelmäßig gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben, müssten die entsprechenden Verletzungen häufiger an der linken Schädelseite zu finden sein. Doch sie sind gleichmäßig verteilt, und auch beim Maba-Menschen ist die rechte Schädelseite betroffen.

Mit Sicherheit wird sich also nicht klären lassen, wie die Wunde entstanden ist. So kommt ein weiteres Rätsel zu denen, die den Maba-Menschen schon länger umgeben. Denn bisher ist nicht einmal klar, ob der Schädel von einem Mann oder einer Frau stammt. Auch das Alter der fossilen Überreste haben Forscher nur anhand umliegender Funde geschätzt - es liegt demnach zwischen 129.000 und 135.000 Jahren, könnte aber auch über 230.000 Jahre betragen. So ist auch unklar, ob der Maba-Mensch ein Homo erectus oder ein Homo sapiens war.

Eines aber steht fest: Der Maba-Mensch überlebte seine schwere Verletzung, denn die Kopfwunde heilte komplett aus - ein Prozess, der mehrere Monate in Anspruch nimmt. Das ist ein klares Indiz dafür, dass die Menschen sich schon vor vielen Jahrtausenden um ihresgleichen kümmerten. Zudem deuten andere Merkmale des Schädels darauf hin, dass der Maba-Mensch 40 oder sogar 60 Jahre alt wurde - ein für seine Zeit enormes Alter.

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
slider 22.11.2011
1. Wieso Gewalt ?
Zitat von sysopWar es ein Unfall oder ein Überfall? Ein uralter Schädel*trägt die*Spuren einer gefährlichen Wunde.*Sie könnte der*älteste Nachweis von Gewalt unter Menschen sein - vor allem aber*zeigt sie, dass Schwerverletzte schon vor mehr als 100.000 Jahren gesundgepflegt wurden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,799191,00.html
Evtl. ist er, wie viele von uns, nur auf den Kopf gefallen.
phboerker 22.11.2011
2. ...
Dass 50 Prozent der Schädelverletzungen auf einer Schädelseite liegen und die anderen auf der anderen könnte auch daran liegen, dass eine Hälfte der Frühmenschen schon schlau genug war, Konkurrenten von hinten anzugreifen... :)
Ursprung 22.11.2011
3. Informationspublikation vermisst
Dass eine Delle in einem alten Schaedel "raetselhaft" sei, ist wohl eher fabulierender Journalismus. Es ist aber besser, wenn der sich an alten Schaedeln auslaesst, als an zeitbezueglichen Politmeldungen. Leider gibts diesen Fabulismus aber auch dort. Was darauf hinweisen koennte, dass es Journalisten wichtig erscheint, vermeintlich oede Nachrichten im ratrace gegen andere aufpeppen zu muessen. Auf der Strecke bei diesem "modernen" Journalismus bleibt die reine Informationspublizierung.
exmp 22.11.2011
4. Super wissenschaftlich
Es handelt sich also um das erste Opfer einer menschlichen Gewalteinwirkung - oder auch nicht. Gibt's für so einen Mist Gelder für eine Forschungseinrichtung, oder warum wird hier mit Gewalt versucht, ein Ergebnis zu dokumentieren. Und warum berichtet SPON auch noch über diesen pseudowissenschaftlichen Käse? Stand der Forschung ist, dass es zu dieser Zeit, als der Mensch noch nicht sesshaft war und also noch keinen Besitz hatte, auch kaum Streit gab. Was für eine schöne Zeit eigentlich ...
schnitti23 22.11.2011
5. Oh je!
Warum wundert man sich, daß frühe Menschen sich gegenseitig totgeschlagen haben? Man denke nur an Kain und Abel, die sicherlich nur symbolisch gemeint waren. Mord und Totschlag gabs mit Sicherheit schon vor 100 000 Jahren. Viel verwunderlicher ist, daß es der moderne Mensch nicht geschafft hat, Mord und Totschlag völlig abzuschaffen. Soviele Millionen, wie in der Neuzeit an Menschen umgebracht wurden, waren es damals sicher nicht.
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