Fossiler Zahn-Vergleich Neandertaler mussten schnell erwachsen werden

Wenig Zeit zum Spielen: Neandertaler hatten eine kürzere Kindheit als der Homo-sapiens-Nachwuchs, der zur selben Zeit lebte. Das belegen Unterschiede in fossilen Zähnen. Die Forscher glauben, dass die lange Kindheit dem Menschen einen entscheidenden Vorteil brachte.

PBS / Graham Chedd

Neandertaler hatten eine kürzere Kindheit als der moderne Mensch, berichtet ein internationales Forscherteam, das die Wachstumsspuren in fossilen Zähnen von Neandertalern und modernen Menschen untersucht hat.

Die Neandertaler-Zähne wuchsen demnach deutlich schneller als die moderner Menschen - ein Zeichen dafür, dass die Frühmenschen auch früher erwachsen wurden. Für den Homo sapiens war die lange Kindheit vermutlich ein Segen: Sie scheint dem Menschen in der Evolution einen entscheidenden Vorteil gegenüber seinem Verwandten verschafft zu haben, schreiben Tanya Smith von der Harvard University in Cambridge und ihre Kollegen im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences". Auch Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig waren an der Untersuchung beteiligt. Ähnlich wie die Jahresringe bei Bäumen geben Wachstumslinien in den Zähnen Auskunft über das Alter eines Menschen. Die ersten bleibenden Backenzähne enthalten sogar eine bestimmte Geburtslinie, mit der sich relativ genau berechnen lässt, in welchem Alter ein Mensch starb.

So gelang es den Forschern um Smith nun, durch eine Art Röntgenverfahren mit Hilfe energiereicher Synchrotronstrahlen das Wachstum von Neandertaler- und Homo-sapiens-Fossilien nachzuvollziehen. Sie verglichen dazu 90 Zähne von 28 verschiedenen Neandertalern mit 39 Zähnen von neun Homo-sapiens-Fossilien und 464 Zähnen von mehr als 300 jetztzeitlichen Menschen.

Entscheidender evolutionärer Vorteil

Der Vergleich der Zähne machte deutlich: Die Kauwerkzeuge des Neandertalers wuchsen schneller als beim Homo sapiens - und das gilt nicht nur für den heute lebenden Menschen: Auch einige der ältesten Gruppen moderner Menschen, die Afrika vor 90.000 bis 100.000 Jahren verließen, wurden nicht so früh erwachsen wie der Neandertaler. "Die Unterschiede in der Zahnentwicklung deuten darauf, dass die Geschlechtsreife beim Neandertaler ungefähr im Alter zwischen neun und elf Jahren eintrat, also im Schnitt bis zu ein Jahr früher als beim Homo sapiens", sagt Kornelius Kupczik vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Dies sei allerdings nur eine grobe Schätzung.

Allerdings hatten Neandertaler im Vergleich zu früheren Menschenvorfahren und deren Verwandten immer noch eine relativ lange Kindheit: Diese erreichten, ähnlich wie heutige Menschenaffen, sehr früh die körperliche Reife und die Fortpflanzungsfähigkeit, hatten jedoch auch eine geringere Lebenserwartung. Die Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass sich das langsame Wachstum und die lange Kindheit erst spät in der menschlichen Evolution entwickelten und sich in unserer Art besonders stark durchsetzten.

Nach Ansicht der Forscher war es genau diese Eigenheit, die dem modernen Menschen einen entscheidenden Vorteil verschaffte: Die verlängerte Reifezeit erleichterte das Lernen und förderte die Entwicklung komplexer kognitiver Fähigkeiten. Damit war der Homo sapiens seinem gleichzeitig lebenden Verwandten, dem Neandertaler, vermutlich überlegen, sagen die Forscher.

Die Studie deutet einmal mehr darauf hin, dass es trotz der engen Verwandtschaft zwischen Homo sapiens und Neandertaler einige deutliche Unterschiede zwischen den beiden Arten gab. Erst in der vergangenen Woche hatten Forscher gezeigt, dass auch die Entwicklung des Gehirns in der frühen Kindheit bei Neandertalern anders verlief als beim modernen Menschen.

wbr/dapd



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