Fragwürdige Stillstudie: Segnungen der Muttermilch

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Viele preisen sie als Supercocktail, der Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck vorbeugt. Muttermilch soll sogar den sozialen Aufstieg begünstigen, melden jetzt britische Forscher. Doch unumstritten ist unter Experten nur: Stillen stärkt die Beziehung von Mutter und Kind.

Hühnersuppe, Brustwarzenformer und Stillkissen machen nur den Anfang. Die mütterliche Ernährung muss stimmen, Tageszeiten und Sitzposition sowieso, und auch das Lächeln der Mutter mit ihrem friedlich saugenden Kind in den Armen sollte richtig sitzen. Stillen ist heute fast ein Muss, "breast is best" lautet das Credo der Muttermilch-Verfechter. Zahlreiche Studien werden zitiert, um dieses Glaubensbekenntnis zu untermauern – doch die stehen auf sehr unterschiedlich sicheren Fundamenten.

Haut an Haut: Mütter und Forscher sind sich darin einig, dass Stillen die Beziehung zum Kind stärkt.
ABDA

Haut an Haut: Mütter und Forscher sind sich darin einig, dass Stillen die Beziehung zum Kind stärkt.

"Muttermilch produziert soziale Aufsteiger" meldet etwa eine Nachrichtenagentur. Forscher der britischen University of Bristol hatten Studienteilnehmer einer Untersuchung zur kindlichen Ernährung von 1937 bis 1939 wieder aufgesucht. 1414 von ursprünglich 5000 konnten sie noch ausfindig machen und befragen: Ihren Ergebnissen zufolge sind diejenigen von ihnen, die in den dreißiger Jahren mit Muttermilch ernährt worden, mit bis zu 40 Prozent größerer Wahrscheinlichkeit die soziale Leiter hinauf geklettert als jene Probanden, die früher Milch aus der Flasche bekommen hatten.

Der Unterschied klingt größer, als er ist, handelt es sich doch um relative Wahrscheinlichkeiten, die aus dem Vergleich der Aufstiegschancen der beiden Gruppen resultieren. Und auch die Ursache wurde in der Studie nicht sicher aufgeklärt: Ist es tatsächlich die Nahrung aus der Brust, die aus gestillten Kindern aufstrebende Erwachsene macht? Möglicherweise sind es viel eher der enge Körperkontakt zur Mutter, die Intelligenz der Eltern oder die soziale Umgebung, die eine solche Entwicklung begünstigen. "Das Problem solcher Studien ist, dass sie fast nie frei sind von Störfaktoren, die das Ergebnis in die eine oder andere Richtung beeinflussen", sagte Frank Reister von der Frauenklinik der Universität Ulm zu SPIEGEL ONLINE.

Mehr IQ durch Muttermilch?

Auch die Studienautoren um Richard Martin von der sozialmedizinischen Fakultät der University of Bristol interpretieren ihre Ergebnisse vorsichtig: "Es ist möglich, dass sich stillende Frauen zu jener Zeit von den heutigen Müttern unterschieden", schreiben sie in ihrem noch unveröffentlichten Beitrag in der Fachzeitschrift "Archives of Disease in Childhood". "Alle Störfaktoren können wir nicht ausschließen."

Dennoch reichen solche oder ähnliche Daten oft aus, um die Vorzüge des Stillens vollmundig zu bewerben. Dazu gehört etwa die wenig kritische Aussage, dass die Milch aus Mutters Brust intelligent mache. Gleich mehrere Studien haben sich mit diesem Zusammenhang beschäftigt – mit unterschiedlichem Ergebnis. Eine große dänische Studie aus den 60er Jahren etwa kommt zu dem Schluss, dass gar nicht oder nur einen Monat lang gestillte Kinder einen deutlich niedrigeren IQ hatten als gestillte. Weitere Untersuchungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Das renommierte "British Medical Journal" hingegen berichtete im vergangenen Jahr von einem ganz anderen Zusammenhang: Die Untersuchung von mehr als 5000 Kindern und über 3000 Müttern hatte ergeben, dass vielmehr der IQ der Mutter die Klugheit der Kinder beeinflusst. Denn die Wissenschaftler um Geoff Der vom Medical Research Council in Glasgow konnten keinen Unterschied zwischen gestillten und mit der Flasche gefütterten Geschwistern finden. Lediglich, so bemerkten sie, tendieren Mütter mit höherem IQ eher zum Stillen als andere.

Nur jede zehnte Mutter hält sechs Monate durch

Aufgrund der schwierigen Analyse sind viele Studien mit Vorsicht zu genießen. Denn durchschaubar übereilt formulierte Positivaussagen können auch die unbestrittenen Vorteile von Muttermilch in Misskredit bringen: Experten sind sich heute einig, dass die Milch aus Mutters Brust vor Infektionen und Allergien schützen kann. Denn das proteinreiche Sekret enthält viele Antikörper, Enzyme und spezielle Zellen, die der Abwehr im kindlichen Körper dienen. Auch die Frau selbst profitiert vom Stillen, denn ihr Risiko für Brustkrebs sinkt und sie verliert nach der Geburt schneller wieder ihr Gewicht, sagte Frank Reister.

Zudem passt sich die Muttermilch den Bedürfnissen des Kindes direkt an, was mit industriell gefertigten Produkten natürlich nicht möglich ist. Vitamine, Kalzium und Eisen erhält das Kind dann je nach Bedarf. Aus diesem Grund schreibt auch die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): "Die beste Ernährung in den ersten vier bis sechs Monaten ist die Muttermilch".

Dennoch halten sich längst nicht alle an diesen Rat: Die Studie "Stillen und Säuglingsernährung" (SuSe) deckte in den Jahren 1998 und 1999 auf, dass zwar 90 Prozent der Frauen ihre Kinder im ersten Lebensmonat stillen. Doch nach vier Monaten war nur noch weniger als die Hälfte übrig, weitere zwei Monate später gaben nur noch zehn Prozent ihren Kindern die Brust.

Dabei ist die Empfehlung der Stillkommission relativ neu. Besonders in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und in den siebziger Jahren war Stillen noch stark umstritten: Die Angst vor Schadstoffen veranlasste viele Mütter, zur Flasche für ihr Kind zu greifen. Auch heute können Mediziner nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) noch Rückstände von über 300 Pestiziden, Weichmachern und Duftstoffen in der Muttermilch finden, doch die Belastung ist im Durchschnitt wesentlich geringer als vor ein Paar Jahrzehnten.

Starke Bindung zwischen Mutter und Kind

In den Achtzigern änderte sich dann die Mode: Mütter gründeten Stillgruppen, Stillberater zogen in Krankenhäuser ein und die Weltgesundheitsorganisation WHO rief 1993 sogar eine Initiative der stillfreundlichen Krankenhäuser aus.

Seitdem wird Muttermilch - in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit und aus Sicht von Forschern - zu einem immer potenteren Supertrunk: Gestillte Kinder haben einen niedrigeren Blutdruck, meldeten Wissenschaftler im Fachjournal "Circulation" im Jahr 2004. Auch das Risiko für Übergewicht, einen erhöhten Cholesterinspiegel und Diabetes soll abnehmen, denn in dem weißen Trunk fanden Forscher das Hormon Leptin, das dem Körper signalisiert: Ich bin satt. Ob dieser Zusammenhang jedoch so stimmt, bezweifeln wiederum Autoren anderer Untersuchungen mit anderen Ergebnissen.

Nur in einem Punkt herrscht einhelliges Einvernehmen: Stillen stärkt die Beziehung von Mutter und Kind. Denn zusammengerechnet dauern die einzelnen Stillphasen täglich mehr als drei Stunden. "Nicht nur das Kind, auch die Mutter braucht Zeit, um sich zu binden", sagte Remo Largo, ehemaliger Leiter der Kinderheilkunde an der Universität Zürich. Der enge Kontakt über Haut und Blicke und die geschützte Atmosphäre beim Stillen tun Mutter und Kind gut, so die Meinung von Experten. Viele Mütter können diese Ansicht bestätigen - und nehmen dafür auch Hühnersuppe, Brustwarzenformer und Stilleinlagen in Kauf.

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