Fragwürdiges Experiment Kind nach Stammzelltherapie von Tumoren befallen

Gefährlicher Versuch: Obwohl Forscher nicht genau wissen, welche Risiken fötale Stammzellen bergen, hat ein israelisches Paar sein schwerkrankes Kind damit behandeln lassen. Vier Jahre später entwickelt es Tumore in Kopf und Rückenmark. Die gehen sicher auf die Stammzellen zurück, meinen Ärzte.

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Die traurige Geschichte spielt sich zwischen Tel Aviv und Moskau ab. Ein neunjähriger Junge aus Israel hat eine seltene Erkrankung, das sogenannte Louis-Bar-Syndrom. Weil eines seiner Gene mutiert ist, schwindet die Substanz seines Kleinhirns langsam, er kann seine Bewegungen nicht mehr richtig koordinieren, Gehen fällt ihm schwer. Älter als 20 Jahre wird er ohne Therapie kaum werden.

Eine ursächliche Therapie gibt es nicht, im Vordergrund bei der Behandlung steht, das Immunsystem zu stärken. Dafür erhalten die Betroffenen sogenannte Immunglobuline, die die unzureichende Antikörperproduktion ausgleichen sollen.

Die verzweifelten Eltern des Jungen entscheiden sich angesichts dieser Situation zu einem fragwürdigen Experiment: Mit ihrem Sohn reisen sie 2001 nach Russland und lassen ihm sogenannte fötale, neuronale Stammzellen, die von abgetriebenen Föten stammen, in Gehirn und Hirnflüssigkeit spritzen. Ein und drei Jahre später wiederholen die Moskauer Ärzte die Prozedur, die verhindern soll, dass die Krankheit fortschreitet.

Gegen die Empfehlung der israelischen Ärzte: "Ich wusste schon vorher von dem Wunsch der Eltern, und habe ihnen immer wieder eindringlich davon abgeraten", sagt Gideon Rechavi, Direktor des Krebsforschungszentrums am Sheba Medical Center in Tel Aviv. Auch haben die israelischen Ärzte keine Ahnung, unter welchen Bedingungen die Therapie in Russland stattfand und ob es eine Ethikkommission gab - vergeblich hatten sie versucht, Kontakt zu den Ärzten in Moskau zu bekommen.

Tumor in Kopf und Rückenmark

"Damals wie heute halte ich so einen Versuch für zu gefährlich, weil die transplantierten Zellen entarten können", beurteilt Rechavi die fragwürdige Therapie. Doch die Eltern ließen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen.

Was die Ärzte befürchten, tritt ein: Als der Junge 13 Jahre alt ist, bekommt er Kopfschmerzen. Im Sheba Krankenhaus in Tel Aviv schieben die Mediziner ihn in einen Kernspintomografen und entdecken Tumore in seinem Kopf sowie am unteren Ende des Rückenmarks. Sie schneiden die Wucherung am Rückenmark heraus und untersuchen das Zellmaterial: Der Tumor ist aus den Stammzellen entstanden, so ihre niederschmetternde Folgerung.

Was Wissenschaftler rund um den Globus schon lange befürchten, ist bei dem israelischen Jungen offenbar eingetreten: Weil sich Stammzellen in unterschiedliche Gewebearten weiterentwickeln können - und deshalb oft als Alleskönner bezeichnet werden - bergen sie auch die Gefahr einer bösartigen Wucherung. "Diese Nebenwirkung konnte man im Prinzip erwarten", sagt Axel Zander, Direktor der Klinik für Stammzelltransplantation am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. "Für die therapeutische Anwendung dieser Stammzellen am Patienten ist es noch viel zu früh."

Der Einsatz solcher Therapien sollte nach Ansicht von Wissenschaftlern nur in kontrollierten Studien stattfinden. Erst kürzlich hatte etwa die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA dem Biotech-Unternehmen Geron genehmigt, dieses Jahr einen Versuch mit embryonalen Stammzellen bei zehn Querschnittsgelähmten zu beginnen. Diese Studie soll vor allem dem Zweck dienen, die Sicherheit der Zellen zu überwachen.

Als der israelische Junge therapiert wurde, lagen solche Ergebnisse noch nicht vor. Er leidet offenbar unter einem relativ gutartigen Tumor, der langsam wächst, berichten Rechavi und seine Kollegin Ninette Amariglio in der Online-Fachzeitschrift "PLoS Medicine". Das von ihnen untersuchte Gewebe war ein buntes Gemisch aus unterschiedlichen Komponenten: Nervenzellen fanden sich darin und Stützgewebe - und Zellen von mindestens zwei Spendern. Bei der Chromosomenanalyse entdeckten die Wissenschaftler sogar: Sie stammten von einem männlichen und einem weiblichen Spender.

Wegen verzweifelter Familiensituation vorgeprescht?

Obwohl die Ärzte die Geschwulst im Gehirn bislang nicht entfernt haben - der Tumor sitzt an einer schwer erreichbaren Stelle und wächst eben nur langsam - glauben sie, dass auch er auf die Stammzellen zurückgeht. Ihrer Theorie nach könnte der Junge auch deshalb Krebszellen entwickelt haben, weil seine Grunderkrankung das Immunsystem schwächt. Beim Louis-Bar-Syndrom sind die für die Abwehr wichtigen T-Lymphozyten geschwächt. Die Kinder infizieren sich daher schneller mit Viren und Bakterien und entwickeln auch häufiger Leukämien.

Deutlich wird durch den Fall des Jungen in Israel aber vor allem eines: Die Wissenschaft weiß noch nicht genug über fötale Stammzellen, um sie für eine Therapie beim Menschen einzusetzen. Bei der Behandlung in Moskau sei man da möglicherweise vor dem Hintergrund einer verzweifelten Familiensituation vorgeprescht, vermutet Axel Zander in Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bis zu einer sicheren Anwendung brauchen wir noch 10, vielleicht 20 Jahre und vor allem viele wissenschaftliche Untersuchungen", so Zander. Das sehen auch die Eltern des Jungen mittlerweile so. Laut Rechavi bereuen sie ihre Entscheidung von damals.

Die israelischen Krebsforscher fordern in ihrem Bericht, die Sicherheit von fötalen Stammzellen zunächst genauer in Zellkulturen und in Tierversuchen zu überprüfen. "Unsere Ergebnisse legen jedoch nicht nahe, dass man die therapeutische Anwendung von Stammzellen aufgeben soll", schreiben die Autoren in "PLoS Medicine".

Dem israelischen Jungen haben sie offenbar nicht genutzt: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Stammzellen dem Jungen in irgendeiner Form geholfen haben", so Rechavi. "Die Krankheit ist weiter fortgeschritten und der Tumor im Kopf weiter gewachsen." Bis heute sei seine Intelligenz nicht eingeschränkt und er besuchee motiviert die Schule. Obwohl der Tumor im Kopf seine Größe mittlerweile verdoppelt hat, warten die Ärzte in Tel Aviv weiter ab. Eine Bestrahlung wäre für den immungeschwächten Jungen zu gefährlich.

Korrektur: In dem Artikel war zunächst fälschlicherweise von embryonalen Stammzellen die Rede, tatsächlich wurde der Junge aus Israel jedoch mit fötalen neuronalen Stammzellen behandelt. Embryonale Stammzellen entstehen kurz nach der Befruchtung einer Eizelle und sind noch nicht differenziert. Fötale Stammzellen hingegen stammen aus einem späteren Entwicklungsstadium und sind schon weiter differenziert.



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