Frau mit perfektem Gedächtnis "Mein Kopf zeichnet jede Minute meines Lebens auf"

Jill Price ist eine medizinische Sensation. Sie erinnert sich an alles, was ihr seit dem 5. Februar 1980 passiert ist. Lückenlos, an jede noch so kleine Begebenheit. Ein Interview mit der Frau, die nicht vergessen kann - es manchmal aber gerne möchte.


SPIEGEL ONLINE: Frau Price, wie ist es, ein nahezu perfektes Gedächtnis zu haben?

Price: Es fühlt sich an, als ob ich immer mit einer Videokamera auf der Schulter herumliefe, die jede einzelne Minute meines Leben aufzeichnet. Und später kann ich mir auf einem Bildschirm in meinem Kopf die Videos von jedem beliebigen Tag ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich Ihnen also irgendein Datum nenne, sagen wir, den 17. Oktober 1989, woran denken Sie dann zurück?

Price: An dem Tag gab es ein Erdbeben in San Francisco. Es war ein Dienstag. Ich war im Supermarkt, um einen Salat zu kaufen, mit meiner Lieblingssauce mit Mohnsamen drin, und als ich um 17.04 Uhr in die Einfahrt vor unserem Haus einbog, hörte ich die Nachricht im Radio. Den Rest des Tages verbrachte ich vor dem Fernseher.

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SPIEGEL ONLINE: Es muss großartig sein, sich alles merken zu können.

Price: Das sagen die Leute immer zu mir. Und auf eine gewisse Weise ist es das ja. Aber es ist auch furchtbar quälend.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Price: Weil ich meine Erinnerungen nicht kontrollieren kann. Ich sehe pausenlos irgendwelche Szenen aus der Vergangenheit vor mir, automatisch und durcheinander. Das geschieht auch jetzt, während ich hier sitze und mit Ihnen rede. Es ist so selbstverständlich für mich wie Atmen und Blinzeln. Die Erinnerungen sind wie ein endloser, wirrer Film, der mich völlig überwältigen kann. Und es gibt keine Stopptaste.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, bei Ihnen heilt die Zeit keine Wunden?

Price: Nein, denn ich schaue nicht mit Abstand auf die Vergangenheit zurück. Es ist eher so, als ob ich alles immer wieder erlebe, es löst genau dieselben positiven oder negativen Gefühle in mir aus. Wie die meisten Menschen musste ich in meinem Leben schwierige Situationen bewältigen, aber bei mir bleiben die seelischen Wunden immer frisch. Ich kann mir die Fehler nicht verzeihen, die ich gemacht habe. Und ich vergesse auch keinen Streit, kein böses Wort, das jemals zu mir gesagt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Macht Sie das nachtragend?

Price: Ich versuche, die negativen Erinnerungen nicht gegen die Menschen in meinem Umfeld zu verwenden. Lieber erinnere ich sie an all die schönen Dinge, die sie vergessen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Sie nichts vergessen können?

Price: Es fing an, als ich acht war und mit meiner Familie von der Ostküste nach Los Angeles umzog. Damals spürte ich, dass sich mein Gedächtnis auf eine grundlegende Art und Weise veränderte. Ab dem 1. Juli 1974 wurden die Erinnerungen immer detaillierter. Ab dem 5. Februar 1980 erinnere ich mich an alles. Das war ein Dienstag.

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SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflussen Ihre Erinnerungen Ihr tägliches Leben?

Price: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Am Samstag, dem 16. Juli 1988, saß ich in einem Restaurant in San Diego, im zweiten Stock, und plötzlich - boom! - flog mir eine Taube an den Kopf. Seither fürchte ich mich vor Vögeln, Vogelfedern, Vogelkacke. Ich komme einfach nicht darüber hinweg. Ich glaube nicht, dass ich diese Phobie hätte, wenn mein Gedächtnis normal wäre.

SPIEGEL ONLINE: Ihr überragendes Gedächtnis hat Sie zu einem Fall für die Wissenschaft gemacht.

Price: Ja, und das ist ganz wunderbar. Es war eine riesige Erleichterung für mich, von Wissenschaftlern bestätigt zu bekommen, dass mein Gehirn tatsächlich anders funktioniert. Mein ganzes Leben lang wussten nur meine Familie und ein paar meiner engsten Freunde, was mit mir los ist, und nun werden auf einmal wissenschaftliche Artikel über mich geschrieben. Ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, die Gedächtnisforschung einen Schritt voranzubringen.

Das Interview führte Samiha Shafy


Wie lebt ein Mensch, der nichts vergessen kann? Und wie ist eine derart perfekte Erinnerung zu erklären? Lesen Sie die Reportage "Endlosschleife im Kopf" in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.



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