Gleiche Bezahlung für Frauen: Equal-Pay-Initiative verrechnet sich um 22 Tage

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Corbis

Frust im Job: Frauen werden immer noch schlechter bezahlt als Männer

Angeblich bis zum heutigen 21. März müssen Frauen in Deutschland arbeiten, um den Einkommensrückstand gegenüber Männern aus dem Vorjahr aufzuholen. Die Kalkulation der Initiatoren des Equal Pay Day stimmt allerdings nicht - er liegt in Wahrheit im April.

Berlin - Was kommt heraus, wenn man 78 und 22 addiert? Exakt 100, daran gibt es keine Zweifel. Wenn man aber mit Prozenten rechnet, kann die Rechnung mit denselben Zahlen ganz anders ausgehen. Dann gilt womöglich 78 + 28 = 100.

Die Initiative Equal Pay Day ist nun genau über solch einen Prozentrechenfehler gestolpert. Sie setzt sich für Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen ein. Nach Berechnungen der Organisation müssen Frauen in Deutschland bis zum 21. März arbeiten, um den Einkommensrückstand gegenüber Männern aus dem Vorjahr aufzuholen.

Frauen verdienen im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer, also müssen sie auch 22 Prozent mehr arbeiten, um auf das gleiche Geld zu kommen. Am 21. März sind 22 Prozent der Arbeitstage eines Jahres erreicht - also ist das auch der Equal Pay Day. Soweit die Argumentation der Initiative.

Die Rechnung stimmt jedoch nicht. Die Initiative hat den Lohnabstand kleiner gerechnet, als er tatsächlich ist. Nach Angaben der Deutschen Mathematiker Vereinigung (DMV) liegt der Equal Pay Day tatsächlich am 12. April oder 13. April. Frauen müssen also noch deutlich länger arbeiten, um einkommensmäßig mit Männern gleichzuziehen.

Das auszurechnen, ist nicht kompliziert: Nehmen wir der Einfachheit halber an, ein Mann verdient 100 Euro pro Jahr. Die Frau bekommt 22 Prozent weniger, also 78 Euro. Ihr fehlen also 22 Euro. Wie lange muss sie arbeiten, um diese 22 Euro zu verdienen?

Bei 78 Euro Jahresgehalt sind es 22/78 = 0,28 Jahre. Das entspricht 102 Tagen - und die sind nicht am 21. März, sondern erst am 12. April erreicht.

Der Fehler bei der Berechnung des Equal Pay Day geht auf einen leider nicht seltenen Fehlschluss zurück: Prozentangaben sind relativ und nicht absolut. Sie beziehen sich immer auf eine Zahl, die 100 Prozent gleich gesetzt wird. Man darf die Prozentzahl deshalb nicht einfach ungeprüft für Berechnungen mit anderen Zahlen benutzen.

Konkret bedeutet das: Frauen verdienen 22 Prozent weniger als Männer. Der Verdienst der Männer liegt dabei bei 100 Prozent. Frauen müssen aber nicht nur 22 Prozent mehr verdienen, um mit Männern gleichzuziehen, sondern 28 Prozent. Die 28 Prozent beziehen sich nämlich auf das Frauengehalt - und das liegt unter dem der Männer.

Die Equal Pay Initiative will in ihren Kalkulationen bislang keinen Fehler erkennen: "Die Berechnung hat uns das Statistische Bundesamt bestätigt", sagte Sprecherin Simone Denzler auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Das Statistische Bundesamt widersprach dieser Darstellung. Man habe die Initiative vorab über den Kalkulationsfehler informiert. Die Organisation Equal Pay day kündigte an, den Berechnungsmodus fürs kommende Jahr überdenken zu wollen.

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insgesamt 100 Beiträge
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    Seite 1    
1. Angelich???
marlene55m 21.03.2013
Gegenlesen hat auch Vorteile.
2.
Robert_Rostock 21.03.2013
Zitat von sysopCorbisAngelich bis zum heutigen 21. März müssen Frauen in Deutschland arbeiten, um den Einkommensrückstand gegenüber Männern aus dem Vorjahr aufzuholen. Die Kalkulation der Initiatoren des Equal Pay Day stimmt allerdings nicht - er liegt in Wahrheit im April. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/frauen-und-maenner-equal-pay-day-initiative-hat-sich-verrechnet-a-890119.html
Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung... Mal ganz abgesehen davon, dass auch laut den letzten SPON-Artikeln die angeblichen 22 % Unterschied nicht stimmen. Z.B.: Wie kann es sein, dass laut SPON-Schlagzeile 1 Frauen durchschnittlich 22% weniger verdienen, aber laut SPON-Artikel 2 bei ungelernten Frauen der Unterschied 9 % beträgt und bei Führungskräften auf 22% anwächst?
3. Gähn ....
Oberamtsrat 21.03.2013
Die Equal Pay Initiative scheint sich auch sonst ziemlich zu verrechnen. Wenn Frauen weniger arbeiten als die Männer werden sie nie auf das gleiche Geld kommen. Der “Pay Gap” ist eine Falschaussage, weil diese Art von Errechnung des Lohnunterschieds nur die realen Bruttoverdienste von Männern und Frauen vergleicht – ohne die unterschiedlichen Arbeitsleistungen von Mann und Frau, wie Minijobs, Teilzeit-Vollzeitjobs zu erwähnen. Wir stellen immer wieder fest: Aus Sicht einer gelungenen und professionellen Öffentlichkeitsarbeit ist das Ergebnis genial! Jahrelang waren und sind die Gazetten voll davon: Fast jeder Bundesbürger plappert den Minderverdienst der Frauen nach.
4.
Flari 21.03.2013
Zitat von Robert_RostockWer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung... Mal ganz abgesehen davon, dass auch laut den letzten SPON-Artikeln die angeblichen 22 % Unterschied nicht stimmen. Z.B.: Wie kann es sein, dass laut SPON-Schlagzeile 1 Frauen durchschnittlich 22% weniger verdienen, aber laut SPON-Artikel 2 bei ungelernten Frauen der Unterschied 9 % beträgt und bei Führungskräften auf 22% anwächst?
Kennen Sie eine Frau, die keine Führungskraft ist? *gg
5.
MartinHa 21.03.2013
Fehler können passieren. Einen offensichtlichen Fehler aber nicht zuzugeben, ist peinlich.
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