Ausgegraben

Friedhofsfund in London Ein Walross in geweihtem Boden

Phillip A Emery

Auf einem alten Londoner Friedhof haben Archäologen Knochen eines riesigen Walrosses gefunden - in einem Sarg neben den Knochen von acht Menschen. Allerdings waren nur drei menschliche Schädel zu finden. Der Zeitpunkt des Begräbnisses gibt einen Hinweis, wie der Fund zu erklären ist.

Die geweihte Erde eines Friedhofs ist für die Gläubigen reserviert, damit sie dort in Frieden ruhen können. Es ist noch nicht lange her, dass diese Regel tatsächlich sehr streng eingehalten wurde. Wer von der Kirche exkommuniziert wurde, durfte nicht auf ein Plätzchen dort hoffen. Selbstmördern und Kriminellen war der kirchliche Friedhof ebenso verwehrt wie Bettlern, Gauklern und Schauspielern. Walrosse hingegen wurden offenbar geduldet. Zumindest im 19. Jahrhundert auf dem Friedhof der St.-Pancras-Kirche in London. Als bei der Verlegung des Eurostar Terminals von der Waterloo Station nach St. Pancras der alte Friedhof mit finanziellen Mitteln von High Speed 1 archäologisch untersucht wurde, fand Ausgräber Phil Emery von der Firma Ramboll Cultural Heritage and Archaeology die Knochen eines Pazifischen Walrosses (Odobenus rosmarus divergens).

Sogar in einem Sarg lag das große Tier bestattet. Allerdings nicht allein, denn mit in der Holzkiste lagen noch die sterblichen Reste von acht Menschen. Zumindest teilweise: nur drei Schädel waren darunter, ansonsten einzelne Arme und Beine. Schab- und Kratzspuren an den Knochen gaben den Archäologen den entscheidenden Hinweis, womit sie es hier zu tun hatten. In dem Sarg lagen offenbar die Abfälle einer Schule für Anatomie. Davon gab es im 19. Jahrhundert gleich 40 Stück in London. Seit im Jahr 1832 der Anatomy Act die Autopsie legalisiert hatte, war der Bedarf an menschlichen und tierischen Leichen für die Arbeit an diesen Schulen dementsprechend groß.

Die Walrossreste wurden irgendwann zwischen November 1822 und dem Jahr 1854 bestattet. Bis 1822 begrub man die Toten noch in Einzelgräbern. Den Sarg, in dem das Walross lag, fanden die Ausgräber jedoch in einem Graben, wie sie danach für Massenbestattungen gezogen wurde. Cholera, Typhus und die Pocken forderten so viele Tote, dass Einzelbestattungen zu aufwendig geworden wären. "Wir wissen von Sargbeschlägen aus der früheren Phase, dass der Bestattungsbrauch auf dem Friedhof sich nach November 1822 änderte", schreibt Archäologe Emery in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Nach 1854 fanden keine Bestattungen auf diesem Friedhof mehr statt. "Interessanterweise umspannt diese Zeitperiode gerade den Anatomy Act", merkt Emery an.

Todesfall im Tiergarten

Das Walross muss ein Koloss gewesen sein. Die unteren Teile einer der vorderen sowie einer der hinteren Extremitäten waren von dem Tier noch übrig. Erstaunlicherweise sind sie viel größer als die des Exemplars im Bestand des Natural History Museums von London. Zu Lebzeiten, schlossen Emery und sein Kollege Alan Pipe vom Museum of London, war der Walrossbulle stattliche vier Meter lang.

In den Archiven der Zoological Society of London fand sich kein Vermerk über die Ankunft eines solchen Tieres in der Stadt. Wohl aber über einen Todesfall. Im Oktober des Jahres 1853 verstarb ein Walross im Garten der Zoological Society. In den Sitzungsprotokollen vom 8. November ist beschrieben, wie ein gewisser Professor Owen das Tier sezierte. "Auch dieses Datum liegt bezeichnenderweise in unserem Zeitrahmen", schreibt Emery. Ob die Knochen tatsächlich zu Professor Owens Walross gehörten, lässt sich mit letzter Sicherheit nicht mehr feststellen. Aber die Puzzlestücke passen sehr gut zusammen.

Wie aber gelangten die menschlichen und die Walrossknochen zusammen in einen Sarg? "Eine mögliche Erklärung ist, dass es sich um Material handelt, das von einer der Anatomieschulen Londons für ein ordentliches Begräbnis zusammengesammelt wurde", vermutet Emery. "Je nachdem, wie viel Weichteile noch an den Knochen erhalten waren und in welchem Verwesungszustand sie sich befanden, könnten die Walrossextremitäten versehentlich für menschliche Überreste gehalten worden sein - oder zumindest nicht gerade einladend genug für eine nähere Inspektion gewirkt haben." Die menschlichen Knochen wurden erneut bestattet. Wer das Walross begutachten will, kann dies derzeit im London Archaeological Archive and Research Centre in Hackney in East London tun. Außer dem Walross brachte der Friedhof noch weitere interessante Funde zu Tage, darunter Flüchtlinge vor der Französischen Revolution, drei Adlige und den Panzer einer sezierten Schildkröte.



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.