Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ausgegraben

Gel und Extensions Alte Ägypter hatten die Haare schön

 |

Sie verwendeten Gel, sie färbten graue Haare in knalligen Farben, sie flochten sich sogar Extensions auf den Kopf: Die alten Ägypter machten um ihre Frisuren erstaunlich viel Aufhebens, wie Schädelfunde jetzt zeigen.

Die Mode der Toten vom Friedhof von Amarna unterscheidet sich kaum von dem, was man heute auf den Straßen von Großstädten beobachten kann: Die Ägypter, die in der Residenzstadt des Pharao Echnaton starben und auf dem südlichen Friedhof begraben wurden, behandelten ihre Haare mit Aufwand und einer Menge Fantasie.

Für die Archäologin Jolanda Bos vom Amarna Project war der Friedhof ein echter Glücksfall: Da Amarna um 1353 vor Christus erbaut und schon kurz darauf wieder aufgegeben wurde, lassen sich die Funde sehr genau datieren. Und die Bedingungen auf dem Friedhof sind so hervorragend, dass viele der Frisuren fast unverändert die Jahrtausende überdauert haben.

Die Haare selbst variieren von schwarzen Locken bis zu mittelbraunem glattem Haar. "Diese Bandbreite könnte die ethnische Vielfalt widerspiegeln", schreibt Bos im "Journal of Egyptian Archaeology". Auffällig ist: Wer braune, glatte Haare hatte, legte seine Frisur oft künstlich in Locken und Schlingen. Die Schwarzhaarigen dagegen flochten sich eher Extensions in die Haare als die Braunhaarigen.

Mit Fett in Form gehalten

Fast alle Frisuren hatten eines gemeinsam: Sie wurden mit Fett in Form gehalten. Die Idee des Haargels ist damit bereits über 3300 Jahre alt. Die Mühe war allerdings vergeblich, denn an den Schädeln entdeckte Bos Reste von Textilien auf dem Haar - die Toten trugen vermutlich Stoffkappen. "Ob die nur für das Begräbnis angelegt wurden oder auch zum Alltag der Lebenden gehörten, ist noch unklar", schreibt die Archäologin. Perücken scheint niemand getragen zu haben - zumindest keiner der Toten von diesem Friedhof. "Das bedeutet natürlich nicht, dass es in ganz Amarna oder in der Oberklasse keine Perücken gab", schränkt die Archäologin ein. "Aber zumindest haben wir hier keine gefunden."

Dafür aber Echthaarverlängerungen. Bos konnte rekonstruieren, welche Technik die ägyptischen Coiffeure anwandten: "Oft wurden die Extensions an sehr kurzem, nur etwa zehn Zentimeter langem Haar angebracht, indem sie mit Strähnen des Eigenhaares verflochten wurden." Das restliche Eigenhaar kam anschließend über den Nahtstellen zu liegen, so dass es zwar die Einflechtungen verdeckte, aber dafür ein Absatz entstand.

"Es ging weniger darum, dass das eigene Haar nicht lang genug war", erklärt Bos. "Wahrscheinlich hatten sie ganz andere Gründe für die Extensions. Zum Beispiel erlaubten die Verlängerungen viel mehr Variationen der Frisur - die dann aber auch wieder kurz getragen werden konnte." Besonders komplex war die Frisur des Schädels mit der Fundnummer 256 Jb13-065, an dem rund 70 Extensions in unterschiedlichen Lagen und Höhen hingen. Ein anderer Toter trug eine Frisur, für die man heute schon einen gewissen Mut aufbringen müsste: Teile der Haare waren grau, dazwischen prangten tiefschwarze Extensions.

Überhaupt hatten alternde Ägypter mit grauen Haaren offenbar ähnliche Probleme wie heutige Menschen. Die Haare des Schädels mit der Fundnummer 285 Jb13-052 waren zwar eigentlich grau - aber so gefärbt, dass sie orange-rot leuchteten. "Ob sie wirklich dauerhaft gefärbt waren, wissen wir nicht", schreibt Bos. "Aber mit Sicherheit waren sie koloriert, wahrscheinlich mit Henna."

Zöpfe und Kurzhaarfrisuren waren en vogue

Auch Zöpfe waren beliebt; meist kleine, nur etwa einen Zentimeter breite Einzelzöpfe. Gel hielt auch sie in Form, ebenso wie die Locken, die viele der Braunhaarigen um die Ohren liegen hatten. "Sie scheinen ein wichtiges Element der Haarmode von Amarna gewesen zu sein", schreibt Bos. Trotz aller Coiffeur-Kunst trug man die Haare allerdings kurz in der Stadt. Die meisten Zöpfe waren unter 20 Zentimeter lang, die längste Frisur brachte es auf gerade einmal 30 Zentimeter lange Extensions.

An mindestens drei Kinderschädeln fand Bos Seitenlocken, die das Gesicht rahmten. Alle Kinder trugen das Haar zudem oben auf dem Kopf offen, bei zweien waren aber auch tiefer ansetzende, ganz fein geflochtene Zöpfe erhalten. Diese Frisur war anscheinend sowohl bei kleinen als auch bei großen Kindern Mode: Das jüngste war viereinhalb, die anderen beiden achteinhalb und neuneinhalb Jahre alt.

Bos entdeckte auf den Schädeln noch Spuren eines weiteren Modeaccessoires, das meist nur von Wandmalereien bekannt ist. Auf den Köpfen der Toten lagen Reste von parfümierten Fettkegeln. Zu Lebzeiten getragen, sollten diese langsam in der ägyptischen Wüstenhitze schmelzen. Mit dem flüssigen Fett lief dann auch das Parfum in die Haare.

5 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
throatwobblermangrove 10.10.2014
Freidenker10 10.10.2014
sgritheall 10.10.2014
wreckabilly 10.10.2014
roklu 13.10.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

Anzeige

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: