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Frühe Metropole: Tell Brak wuchs von außen nach innen

Wie sind die ersten Großstädte der Welt entstanden? Bisher haben die meisten Archäologen angenommen, die frühen Metropolen seien um ein kleines Zentrum herum gewachsen. Doch eine neue Studie lässt Zweifel aufkommen.

Tell Brak gilt als eine der ersten Großstädte überhaupt. Heute ist von dem urbanen Zentrum, das im früheren Nordmesopotamien liegt, nur noch ein etwa 40 Meter hoher und ein Kilometer langer Hügel übrig - doch der hat es in sich, wie sich jetzt einmal mehr zeigte. Jason Ur von der Harvard University in Cambridge und seine Kollegen sind bei Ausgrabungen in Tell Brak auf eine Überraschung gestoßen: Die alte Stadt ist offenbar nicht, wie andere Städte aus der gleichen Zeit, von einem zentralen Punkt nach außen gewachsen, sondern umgekehrt.

Die Wissenschaftler haben das Alter der in Tell Brak gefundenen Tonwaren bestimmt und so die Geschichte der Besiedelung des Ortes rekonstruiert. Demnach ließen sich dort vor etwa 6000 Jahren die ersten Menschen nieder. Sie verteilten sich auf sechs einzelne Siedlungen, dazwischen lagen große Flächen unbesiedelten Landes. In den nächsten 1000 Jahren kamen immer mehr Menschen hinzu und füllten schließlich alle noch unbesiedelten Flecken - die Stadt wuchs so von außen nach innen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Science" (Band 317, Seite 1188).

Das steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass die ersten Großstädte von einem zentralen Punkt aus nach außen hin größer und von einer zentralen politischen Regierung gelenkt wurden - so wie es für die frühen Metropolen angenommen wird, die etwa zur gleichen Zeit im heutigen Südirak entstanden sind.

Die Art des Wachstums von Tell Brak zeigt nach Ansicht von Ur und seinen Kollegen auch die sozialen Strukturen der damaligen Gesellschaft. Wahrscheinlich hätten sich Einwanderer aus unterschiedlichen Kulturkreisen zunächst unabhängig voneinander in der Stadt niedergelassen. Zwar sei bereits zu dieser Zeit das Zentrum des Hügels besiedelt gewesen. Es gebe jedoch keinen Hinweis darauf, dass sich hier eine zentrale politische Macht befand, die das Zusammenleben der Menschen steuerte.

Die Besiedelung eines Ortes müsse also nicht immer einem zielgerichteten Plan gefolgt, sondern könne auch mehr oder weniger zufällig zustande gekommen sein. Laut Ur und seinen Kollegen zeigen die neuen Ergebnisse auch, wie groß Tell Brak war. Bis zum Jahr 3400 vor Christus habe die Stadt eine Fläche von etwa 1,3 Quadratkilometern erreicht - fast zehnmal mehr als die größte ihrer Nachbarstädte. In ganz Südmesopotamien sei nur Uruk noch größer gewesen.

mbe/ddp

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