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16. November 2012, 17:14 Uhr

Frühe Seefahrer

Neandertaler sollen auf Kreta gewesen sein

Die Geschichte der Hochsee-Schifffahrt ist möglicherweise viel älter als vermutet. Auf Kreta gefundene Werkzeuge könnten 170.000 Jahre alt sein - und würden damit vom Neandertaler oder sogar vom Homo erectus stammen. Auch Zypern soll schon früher besiedelt gewesen sein als bisher gedacht.

Die Todesverachtung, mit der Menschen schon vor Jahrtausenden die Meere befuhren, verblüfft. Vor rund 1000 Jahren bezwangen die Wikinger den Atlantik und segelten bis nach Amerika - in Booten, die aus heutiger Sicht kaum mehr als Nussschalen waren. Zuvor hatte sich die Menschheit im Mittelmeer auf die offene See gewagt: Vor etwa 9000 Jahren, so lautete die bisherige Lehrmeinung, hatten die ersten Wagemutigen das Festland hinter sich gelassen und die großen Inseln erreicht.

Doch inzwischen mehren sich die Hinweise, dass die Geschichte der Hochsee-Schifffahrt noch älter ist. Viel älter.

Möglicherweise waren bereits die Neandertaler oder sogar die noch frühere Menschenart Homo erectus auf Kreta, Zypern und andere Inseln gelangt, schreibt der US-Forscher Alan Simmons jetzt im Fachblatt "Science". Der Neandertaler entwickelte sich vor rund 300.000 Jahren aus dem Homo erectus und starb vor etwa 30.000 Jahren aus.

Annahmen einer früheren Besiedlung der Inseln hätten bis vor etwa 20 Jahren einer genauen Prüfung nicht standgehalten, schreibt der Anthropologe Simmons, der an der University of Nevada in Las Vegas forscht. Neuere Untersuchungen und Funde auf einigen Inseln scheinen das Bild nun aber zu ändern.

So seien auf Kreta gefundene Quarz-Faustkeile und andere Werkzeuge möglicherweise 170.000 Jahre alt. Auf einigen südlichen Ionischen Inseln fanden Forscher zudem Hinweise auf eine Besiedlung vor etwa 110.000 Jahren. Stimmen die Altersberechnungen, wären die jeweiligen Inselbewohner wohl Neandertaler oder sogar Angehörige der Art Homo erectus gewesen.

Auch auf Zypern deuteten Funde darauf hin, dass die Insel mindestens 3000 Jahre früher bewohnt war als bisher gedacht, nämlich bereits vor etwa 12.000 Jahren, schreibt Simmons. Die dortigen Untersuchungen ließen auch vermuten, dass die Inselbewohner schon früh Pflanzen und Tiere domestizierten und in Dörfern zusammengelebt hatten. Das war bisher aus dieser Zeit nur vom Festland bekannt. Weitere Untersuchungen müssten die Ergebnisse nun untermauern und erweitern.

mbe/dpa

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