Früher war alles schlechter Je besser die Welt, desto klüger die Menschen

Wir werden immer schlauer. Den zunehmenden IQ haben wir auch dem weltweiten Fortschritt zu verdanken. Haben wir in Europa deswegen das Limit erreicht?

2013 lag der durchschnittliche weltweite IQ um 30 Punkte höher als 1909
DER SPIEGEL / Pietschnig & Voracek, 2015

2013 lag der durchschnittliche weltweite IQ um 30 Punkte höher als 1909

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Hätten wir das gewusst! Das würden vielleicht unsere Vorfahren vom Anfang des 20. Jahrhunderts sagen, wenn wir sie mit unserem Wissen konfrontieren könnten. Ob Politik, Technik oder Umwelt: Im Nachhinein ist man immer klüger. Und das wird so bleiben. Denn die Menschen in 30 Jahren werden wiederum mit großer Wahrscheinlichkeit schlauer sein, als wir es heute sind. Da steckt ein System hinter.

Entdeckt hat es James Flynn im Jahr 1987. Der Politologe machte eine verblüffende Entdeckung, als er Intelligenztests aus 14 westlichen Ländern seit Mitte des 20. Jahrhunderts untersuchte: Die Werte waren im Schnitt immer weiter gewachsen. Und nicht bloß marginal, sondern um etwa drei Punkte pro Jahrzehnt. Dieses Phänomen ist seither als "Flynn-Effekt" bekannt.

Der Intelligenzquotient (IQ)
Was ist der IQ?
Der Intelligenzquotient (IQ) gilt als Maß für die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen. Der IQ wird mithilfe eines Intelligenztests bestimmt. Entscheidend ist dabei, wie gut ein Proband die Aufgaben im Vergleich zu einer Referenzgruppe, zum Beispiel der Bevölkerung, löst. Per Definition hat der Durchschnitt der Referenzgruppe einen IQ von 100. Wer besser abschneidet, hat einen höheren IQ, und umgekehrt.
Welchen Arten von Intelligenz gibt es?
Forscher prüfen mit unterschiedlichen Fragen verschiedene Arten von Intelligenz ab. Beim kristallinen IQ wird Wissen abgefragt, beim fluiden IQ logisches Denken und Abstraktionsvermögen. Auch das räumliche Vorstellungsvermögen kann getestet werden. Typische Intelligenztests behandeln mehrere IQ-Arten. Aus den Teilergebnissen wird dann der Gesamt-IQ berechnet.
Was ist der Flynn-Effekt?
Der Flynn-Effekt wurde 1984 von Robert Flynn zuerst beschrieben. Flynn beobachtete, dass die Bevölkerung im Laufe der Zeit in IQ-Tests immer besser abschneidet. Ein Kind im Jahr 1950 hat den Test also schlechter bearbeitet als ein Kind heute. Aufgrund des Flynn-Effekts werden IQ-Tests immer wieder neu geeicht. Dadurch sind Ergebnisse aus unterschiedlichen Jahren aber nur mit größerem Aufwand vergleichbar.

Woran liegt das?

Erstens müssen wir festhalten, dass sich nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Art von Intelligenz verändert hat. Früher konnten wir unterwegs nur auf das Hirn als Wissensspeicher zugreifen, heute googeln wir. Dafür denken wir heute logischer, zielführender und tiefgehender. Schon das Einloggen in ein Onlinesystem erfordere abstraktes Denken, wie es früher nicht notwendig gewesen sei, erklärt der Intelligenzforscher Jakob Pietschnig. Er hat etwa beobachtet, "dass wir uns scheinbar mehr dem Spezialistentum als dem Generalistentum hinwenden".

Zweitens hängt die Intelligenz stets von mehreren Umwelteinflüssen ab. Gute Schulbildung, Ernährung und medizinische Versorgung gelten als wichtige Faktoren. Je besser es also den Menschen auf der Welt geht, desto klüger können sie womöglich werden. Übrigens dürfte es auch helfen, nicht mitten im Krieg geboren zu werden. Den Schluss legen Daten zu Menschen nahe, die während des Zweiten Weltkriegs aufwachsen mussten.

Der dritte Grund für den bemerkenswerten Anstieg des Intelligenzquotienten hat direkt mit dem zweiten zu tun: Es gab und gibt auf der Welt noch viel zu verbessern. Aufklärung, technologischer Fortschritt und Aufstiegschancen verbreiten sich auf dem Globus, sind aber noch nicht überall gleichermaßen angekommen. Ein Beispiel: die Alphabetisierungsrate.

Vier von fünf Erdenbewohnern können heute lesen und schreiben. Das war vor einer Generation noch nicht der Fall. Die arabische Welt hat dabei eine besonders rasante Entwicklung hingelegt: In wenigen Jahrzehnten haben die Einwohner von Ägypten oder Iran einen Prozess nachgeholt, der im Westen mehrere Jahrhunderte in Anspruch genommen hat. Lesen - was für einen algerischen Jugendlichen heute völlig normal ist, war für seinen Opa noch außergewöhnlich.

Alphabetisierungsrate von über 64-Jährigen (schwarz) und 15- bis 24-Jährigen (orange); 2003-2006
Lisa Rost, DER SPIEGEL / Unesco, Max Roser

Alphabetisierungsrate von über 64-Jährigen (schwarz) und 15- bis 24-Jährigen (orange); 2003-2006

Solche Erkenntnisse strafen die Theorien Lügen, nach denen die Menschheit gerade jetzt definitiv am Verdummen sei. Weil sie sich nämlich, wie etwa Neil Postman vor 30 Jahren prophezeite, vor dem Fernseher "zu Tode amüsiere" oder weil Computer, Smartphones und Spielekonsolen, so ein drohender Slogan der Gegenwart, zu "digitaler Demenz" der Massen führten.

Zu den Intelligenzpessimisten gehört übrigens auch James Flynn höchstselbst: "Wir kommen an eine Grenze", sagte der Wissenschaftler 2008. Die moderne Welt setze uns zu vielen Impulsen aus, sodass wir uns immer schlechter konzentrieren könnten. "Wie kann man von jungen Leuten noch erwarten, Charles Dickens zu lesen, wenn es manchmal über 400 Seiten keine Verfolgungsjagd gibt?"

Tatsächlich zeigt sich in einigen europäischen Ländern aktuell, dass der "Flynn-Effekt" abflacht. Haben wir einfach die Grenze des Möglichen erreicht? Geht es uns gut genug, sodass kein Umwelteinfluss mehr so störend ist, dass er uns vom Denken und Lernen abhält? Vor allem die fluide Intelligenz, das logische Denken und Verknüpfen, das Forschen und Problemlösen, werden in Zukunft sehr wichtig sein. Schließlich will die Menschheit gerade eine künstliche Intelligenz züchten!

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Dies ist die Online-Ausgabe der SPIEGEL-Rubrik "Früher war alles schlechter" von Guido Mingels. Mehr Nachrichten mit Trends zur Verbesserung der Welt gibt es auf der Themenseite: Früher war alles schlechter.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
he.ro.lito 05.06.2017
1. Grenzen der menschlichen Entwicklung
Die Rahmenbedingungen für Intelligenz scheinen derart gewährleistet zu sein, dass es sich für die Menschheit darauf als Treiber des Fortschritts nicht zu setzen lohnt. (Wem ist dabei noch die rote Kurve aufgefallen? ;-) Dann doch vielleicht auf sowas wie Emotionale Intelligenz, Empathiefähigkeit? Da ist wahrscheinlich noch sehr viel mehr Luft nach oben...
martinbabenhausen 05.06.2017
2. Inteligenz contra Weisheit
Wer den Enthusiasmus in den Augen all der jungen Entwickler und Forscher im Silicon Valley gesehen hat, während sie strahlend von den Folgen der Digitalisierung schwärmten, kann nur hoffen , dass "der liebe Gott" vorzeitig zur Handbremse greift bevor der neue Turm zu Babel in sich zusammen bricht.
aljoschu 05.06.2017
3.
Die beiden Artikelschreiber verwechseln Wissen mit Intelligenz und Klugheit. Es gibt eine wesentliche Grundbedingung des menschlichen Daseins, die den Menschen zur Klugheit erzieht. Das ist die Vorsorge für sich und seine Familie. Aber je mehr sich die Notwendigkeit zur Vorsorge durch die soziale Vernetzung erübrigt, desto dümmer werden die Menschen. Sie vefügen dann womöglich über mehr Wissen (zumindest einige von ihnen, sie verhalten sich aber nicht klüger - im Gegenteil.
adolfo1 05.06.2017
4. Wir leben in einer angepaßten Fun-Society
da braucht man nicht mal das Buch "wie die Deutschen verblöden" lesen, sondern sich einfach nur die Frage stellen, wie es möglich ist, dass es in der BRD (Pressebericht) ca. 7,5 Mio. Analphabeten, unterschiedlichen Grades, gibt.
Websingularität 05.06.2017
5. Der Intelligenzzuwachs nützt uns nichts
Weil die Komplexität in der Welt schneller wächst als die Intelligenz, fallen wir trotzdem zurück. Die Komplexität wächst expotentiell, die Intelligenz nur linear. Diese ganze Erlösertechnologien wie künstliche Intelligenz wird uns nix nützen. Wir benötigen Abstraktes Denken um uns einen Online-Account zu erstellen, haben aber verlernt diese Angebote zu hinterfragen. "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" Durch steigende Intelligenz, steigt nur der Wettkampf ums Überleben auf ein neues Niveau. Am Grundproblem ändert sich nix! Egal wie klug der Mensch sein mag, er gehorcht immer den Spielregeln der Natur. Er kann seine Bestimmung nicht übertreffen, oder seine Triebhaftigkeit abschütteln. Da bin ich ganz bei Thomas Hobbes.
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