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Frühes Christentum Zwischen Ekstase und Askese

Felsenkloster nahe Usak: Forscher haben hier mehr als 60 Räume der Sekte gefunden.Zur Großansicht
Peter Lampe

Felsenkloster nahe Usak: Forscher haben hier mehr als 60 Räume der Sekte gefunden.

3. Teil: Alltagsleben der antiken Landbevölkerung

In heutiger Siedlungsarchäologie kommt somit eine gesamte Landschaft in allen erkennbaren Epochen der Menschheitsgeschichte in den Blick. Ein Reiz der Untersuchungen liegt darin, mehr über das Alltagsleben auch der antiken Landbevölkerung zu lernen. Hier klaffen in der Forschung Lücken. Wir wissen einiges über die urbane Kultur in der Antike, aber nur wenig über das damalige Leben auf dem Land.

Im Jahr 2000 arbeiteten mein australischer Kollege William Tabbernee vom Phillips Theological Seminary in Tulsa (USA) und ich mit einem Team in dem besagten "geografischen Fenster" und fahndeten gezielt nach dem ehemaligen Zentrum der Montanisten. Als wir den Ulubey Canyon südlich von Usak explorierten, entdeckten wir eine bislang in der wissenschaftlichen Welt unbekannte Stadtsiedlung und in deren Nähe, in die Canyonwand geschlagen, die Reste eines dreistöckigen Felsenklosters mit über 63 Zellen, einem Kapellenraum und einer abseitigen Küche. Byzantinische Kreuzgraffiti zieren die Wände. In der am Boden eines Refektoriums erhaltenen Kulturschicht fanden wir Tierknochen, die über den damaligen Speisezettel Auskunft geben. Um den Fund zu identifizieren, warfen wir einen Blick in die antike Literatur. Hier steht der Hinweis, dass Pepouza in byzantinischer Zeit ein ansehnliches Kloster besaß, dessen Abt im Jahr 787 auf dem zweiten Konzil von Nicäa auftrat. Waren wir auf Pepouza, die verschollene Hochburg der Montanisten, gestoßen?

Zahlreiche Indizien sprachen dafür. In der gesamten Region, in der Pepouza zu suchen war, ließ sich kein anderes Monasterium solchen Ausmaßes ausmachen wie dieses im Ulubey Canyon. Lediglich kleinere Eremitagen lagen flussauf- und flussabwärts, denen aber die von den Quellen geforderte Nähe einer Stadtsiedlung fehlte. Vermutlich hingen sie vom Mutterkloster in Pepouza ab. Ein unserem Kloster vergleichbares findet sich erst wieder 100 Kilometer entfernt im antiken Metropolis, unweit des türkischen Ayazin.

Die Entdeckung Tymions

Seit 2001 führt mein Team mit den genannten Methoden archäologische Kampagnen in der Region durch, im Kloster, in der Canyonsiedlung und darüber hinaus. Im Zuge der Surveys ins Umland entdeckten wir eine Reihe weiterer antiker Siedlungen - darunter auch das aus den Quellen bekannte Tymion: Es lag nördlich von Pepouza unter und neben dem türkischen Dorf Sükraniye.

In Tymion wurde bereits vor über 3200 Jahren im Übergang von der späten Bronze- zur frühen Eisenzeit gesiedelt. Im Römischen und Byzantinischen Reich blühte das Städtchen, in dem vor allem Kolonen lebten, die Felder aus dem kaiserlichen Domänenbesitz pachteten und bebauten. Das bezeugt eine Inschrift, die in der Nähe des Städtchens entdeckt wurde und seither im Museum von Usak ausgestellt ist (siehe Bild links). Auf dem Stein ist die Antwort des Kaisers Septimius Severus auf eine Petition der Tymion-Bauern zu lesen. Sie wurden von durchreisenden Magistraten und Kaisersklaven zu Beginn des 3. Jahrhunderts schikaniert und zu unrechtmäßigen Abgaben gezwungen. Septimius Severus ließ antworten, dass sich sein Prokurator vor Ort des Missstands annehmen werde.

Pepouza selbst, so ergaben unsere Untersuchungen, wurde von der hellenistischen bis in die byzantinische Zeit, bis wenigstens ins 10. oder 11. Jahrhundert hinein, bewohnt. Bereits prähis-torische Gruppen siedelten im nahen Umkreis. In der römischen Blütezeit, als die Siedlung zum heiligen Ort des Montanismus aufstieg, umfasste das Stadtgebiet zusammen mit der Nekropole über 30 Hektar.

Geophysikalische Prospektionen offenbaren zahlreiche Gebäudestrukturen unter der Erde, darunter einige große öffentliche Bauten, auch eine Agora. Oberirdisch ließen sich neben dem Felsenkloster zahlreiche andere Bauten dokumentieren: Häuser, drei römische Landgüter (villae rusticae), Reste einer Befestigungsanlage oberhalb des Klosters, ein Brückenpfeiler im Sindros, dem heutigen Banaz-Fluss, ein Nymphäum (eine Brunnenanlage), marmorne Architekturfragmente wie Türschwellen, Säulen, Abflussdeckel, und so fort. Wir erforschten das antike Wegenetz, die beiden Marmorsteinbrüche und ein Aquäduktsystem. Ein monumentaler Graffito in der Canyonwand über dem Aquädukt berichtet von einer erfolgreichen Reparatur der Wasserleitung in byzantinischer Zeit.

Erforschung des antiken Wegenetzes

Geophysikalische Prospektionen offenbaren zahlreiche Gebäudestrukturen unter der Erde, darunter einige große öffentliche Bauten, auch eine Agora. Oberirdisch ließen sich neben dem Felsenkloster zahlreiche andere Bauten dokumentieren: Häuser, drei römische Landgüter (villae rusticae), Reste einer Befestigungsanlage oberhalb des Klosters, ein Brückenpfeiler im Sindros, dem heutigen Banaz-Fluss, ein Nymphäum (eine Brunnenanlage), marmorne Architekturfragmente wie Türschwellen, Säulen, Abflussdeckel, und so fort. Wir erforschten das antike Wegenetz, die beiden Marmorsteinbrüche und ein Aquäduktsystem. Ein monumentaler Graffito in der Canyonwand über dem Aquädukt berichtet von einer erfolgreichen Reparatur der Wasserleitung in byzantinischer Zeit.

Damit werfen auch die archäologischen Überreste ein Licht auf eines der Merkmale, die die Bewegung einst so attraktiv für viele Menschen machten: die Aufhebung des traditionellen Standesunterschieds zwischen Mann und Frau. Heute stellt das Christentum die größte Weltreligion dar. Obendrein wächst es weltweit - ungeachtet dessen, was Europäer vor der Haustür wahrnehmen mögen. Doch sind es die charismatischen Kirchen, die rasant wachsen; ihre Mitgliederzahlen steigen schneller an als die jeder anderen Religion. Charismatische Christen wie die Pfingstler pflegen unartikuliertes Zungenreden (Glossolalie), prophezeien oder versuchen zu heilen. Ihre Glaubenspraxis mausert sich langsam zur prominentesten Form des Christentums.

Der Montanismus mit seinen charismatischekstatischen Ausdrucksformen stellt einen frühen Urahnen dieser modernen Kirchen dar. Vor- wie Nachfahren eint der Glaube, dass ein lebendiger Geist Gottes immer wieder neu Prophetien eingibt und heilend wirkt - Gott mithin nicht nur in der von Amtsträgern interpretierten Tradition seinen Willen kundtut. Heute mögen uns die antiken Propheten als belächelnswerte Fantasten erscheinen. Doch solche "Spinner" besaßen in der Geschichte immer wieder die Kraft, sich aus gegenwärtigen gesellschaftlichen Konventionen zu lösen und Utopien einer besseren Zukunft zu entwerfen. Die Montanisten erwarteten, dass sich am unmittelbar bevorstehenden Ende der Zeit eine ideale himmlische Stadt, ein neues Jerusalem, auf die Hochebene zwischen Pepouza und Tymion herabsenken würde - ausgerechnet auf die kaiserlichen Domäne, auf der Kleinbauern über Schikanen und Bedrückung klagten. Solcherart gestressten Menschen bot die ekstatische Religiosität der Montanisten ein Ventil. Prophetie, Glossolalie und die Hoffnung auf ein nahes Weltende machten das Leben in der Gegenwart erträglicher - nicht zuletzt für Frauen.


Peter Lampe lehrt Geschichte des Frühchristentums an der Universität Heidelberg und leitet seit 2001 die archäologischen Kampagnen in der Pepouza-Region.

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Magazin für Geschichte, Archäologie und Kultur
Heft 4/2010

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Die wichtigsten Stätten der MontanistenZur Großansicht
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Die wichtigsten Stätten der Montanisten

Wie naturwissenschaftliche Techniken die Archäologie unterstützen
Wie in der Schiff- und Luftfahrt können mit elektromagnetischen Wellen im Radiofrequenzbereich andere Objekte geortet und ihre Entfernungen zum Sender bestimmt werden. Auf diese Weise erstellen Archäologen mehrperspektivische Bodenaufnahmen, wobei der Radar - vergleichbar einem medizinischen Computertomografen – verschiedene Schichten in unterschiedlichen Bodentiefen offenbart. Auf Georadar wird meist für begrenzte unterirdische Gebäudekompexe zurückgegriffen.

Alternativ, aber mit aufwändigerer Gerätschaft kann Geoelektrik eingesetzt werden, die sich auf das Messen von Stromstärken und Spannungen verlegt und auch tomografisch zu arbeiten vermag.

Buchtipp

William Tabbernee, Peter Lampe:

Pepouza and Tymion

Walter de Gruyter 2008; 338 Seiten; 98 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Montanismus
Der Montanismus war eine christlich-charismatische Bewegung, die sich von der Mitte des 2. bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts im Römischen Reich ausbreitete. Angeregt von den drei prophetischen Gründern der Bewegung, Montanus, Priscilla und Maximilla, praktizierten die Anhänger eine ekstatische Form des Orakelns und Prophezeiens, pflegten eine rigoros asketische Ethik, die auch die Bereitschaft zum Martyrium einschloss, und lebten das urchristliche Gleichheitsideal von Männern und Frauen. Von der übrigen Kirche bald ausgegrenzt und verfolgt, entwickelten die Montanisten eigene kirchliche Strukturen mit einem Patriarchen in Pepouza. Außerdem beriefen sie auch Frauen in Priester- und Bischofsämter. Die Montanisten erwarteten, dass sich beim nahen Weltende eine himmlische Stadt, ein neues Jerusalem, auf die Hochebene zwischen Pepouza und Tymion herabsenken werde.

Euseb - Zeuge der frühen Kirche
Über die Herkunft des auch als Eusebius von Cäsarea (260/64 - 339/40) bekannten Kirchenvaters ist nichts überliefert. Berühmtheit erlangte der Bischof vor allem durch sein zehnbändiges Hauptwerk, in dem er die Geschichte der Kirche von ihren Anfängen bis in seine Gegenwart schilderte. Zwar überlieferte Euseb die meisten Zusammenhänge aus einer persönlich gefärbten Perspektive, zitierte dabei aber unzählige Dokumente aus heute nicht mehr erhaltenen Bibliotheken, Archiven und Privatsammlungen. Außerdem ließ er zahlreiche Zeit- und Augenzeugen zu Wort kommen, was seine umfangreichen Notizen zu einer der wertvollsten Quellen des frühen Christentums macht.



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