Frühes Christentum Zwischen Ekstase und Askese

Zungenreden und Orakel, Frauen als Bischöfe: Die christliche Sekte der Montanisten war im gesamten Römischen Reich berüchtigt. Im Magazin "Epoc" beschreibt der Archäologe Peter Lampe, wie christliche Kaiser und die orthodoxe Kirche die Bewegung im 6. Jahrhundert mit Macht zerschlugen.

Felsenkloster nahe Usak: Forscher haben hier mehr als 60 Räume der Sekte gefunden.
Peter Lampe

Felsenkloster nahe Usak: Forscher haben hier mehr als 60 Räume der Sekte gefunden.


Um das Jahr 175 n. Chr.: Die beiden Wanderer Zotikos und Julian schauen müde drein. An ihren Füßen haftet der Staub kleinasiatischer Landstraßen. Die Männer haben einen langen Fußmarsch hinter sich, als sie am Abend in Pepouza ankommen. Sie fragen nach dem Haus ihres Gastgebers, eines Glaubensgenossen, der sie in der phrygischen Stadt für die nächsten Tage beherbergen soll.

Einen Moment lang genießen sie die kühle Luft am dahinrauschenden Sindros, der über die Jahrtausende einen Canyon mit steil aufragenden Felswänden in die phrygische Hochebene geschnitten hat - südlich des römischen Themenothyrai (heute Usak, Türkei). Bei Pepouza weitet sich der Canyon zu einem Talkessel. Auf beiden Seiten des Flusses drängen sich Häuser; am nördlichen Ufer auf einer Terrasse die Bauten des Stadtzentrums mit einer Agora, dem Marktplatz.

Die Fremden staunen über den vielen Marmor in Pepouza. Einer der beiden nickt in Richtung eines weißen Steinbruchs am südlichen Stadtrand, als ein Einheimischer einen mit zwei Klötzen beladenen Esel vorbeitreibt. Auch unweit flussaufwärts werde die marmorne Canyonwand ausgebeutet, erzählt der Arbeiter. Das Gestein sei hier billig. Es gehöre dem Kaiser, ebenso wie die riesigen Getreidefelder auf der Hochebene nördlich der Stadt, wo sich Pachtbauern, so genannte Kolonen, placken.

Dem Spuk ein Ende bereiten

An ihrem Nachtquartier angekommen, werden die Reisenden ehrerbietig willkommen geheißen. Sie sind Bischöfe aus den mehrere Tagesmärsche entfernten kleinasiatischen Orten Konana und Apameia. Ihr Gastgeber erzählt, dass die christliche Lebensweise bei vielen Bewohnern Pepouzas über die Jahre entartet sei. Auch in anderen Städten habe eine Bewegung, die sich als "neue Prophetie" anpreise, bereits viele Christen in ihren Bann gezogen. Zotikos und Julian nicken. Sie wissen, dass das Übel von Pepouza ausgeht, und sind gekommen, um dem Spuk ein Ende zu bereiten!

Glücklicherweise ist Montanus, einer der Gründer der Sekte, bereits seit ein paar Jahren tot. Dieser Mann stammte nicht aus einer christlichen Familie, sondern war ein Neugetaufter und, so munkelt man, vormals ein Apollopriester gewesen. Zusammen mit zwei Prophetinnen namens Priscilla und Maximilla hatte er die Leute mit Orakeln fasziniert, die sie in ekstatischer Trance hervorstießen, begleitet von unverständlichen Lauten. Das Trio hatte behauptet, der Heilige Geist habe nicht aufgehört, mit den Aposteln des 1. Jahrhunderts zu reden, wie die Rechtgläubigen meinen. Vielmehr habe er in den "neuen Propheten" wieder das Wort ergriffen, um den Christen Unbekanntes über den Willen Gottes zu offenbaren. Eine Anmaßung, entrüsten sich Zotikos und Julian.

Inspiriert vom Teufel

Erst kürzlich verstarb auch Priscilla, und Maximilla übt nun das Prophetenamt allein aus. Für die beiden Bischöfe ist klar, dass nicht der Heilige Geist aus ihr spricht, sondern ein leibhaftiger Dämon! Früh am Morgen begeben sie sich zu dem Haus, in dem sie Maximilla vermuten. Bewaffnet mit heiligem Öl klopfen sie an. Die Tür öffnet sich einen Spalt, und die Prophetin erscheint im Hintergrund. Doch bevor Zotikos und Julian die liturgischen Formeln für die Austreibung eines bösen Geists über die Lippen bringen, schlägt die Tür wieder ins Schloss. Dahinter hören sie die Frau rufen: "Wie ein Wolf werde ich von den Schafen ausgegrenzt!" Die Würdenträger müssen unverrichteter Dinge von dannen ziehen.

Von diesem fehlgeschlagenen Exorzismus berichtet die Schrift eines kirchlichen Autors namens Apollonius. Sie stammt aus dem frühen 3. Jahrhundert und ist in der Kirchengeschichte des Euseb erhalten. Die Quelle wirft ein erstes Licht auf die Gründe, weshalb der Rest der Christenheit Anstoß an der neuen Bewegung nahm: Sie wies dem in der Amtskirche "gezähmten" Heiligen Geist wieder eine bedeutendere Rolle zu und akzeptierte sogar Frauen als Leiter. Zwei Dinge, die zwar an die Lebensweise des Urchristentums erinnerten, aber spätestens im 2. Jahrhundert zu Gunsten von Patriarchat und traditioneller Geschlechterordnung in den Hintergrund gedrängt worden waren.

Nach ihrem Begründer wurde die "neue Prophetie " später Montanismus genannt. Zeitgenössische Gegner schimpften sie die "phrygische Ketzerei". Von der Mitte des 2. bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts blühte die Bewegung rund um das Mittelmeer. Der jeweilige Patriarch residierte in Pepouza, wo der Schrein der drei Gründerfiguren - Montanus, Priscilla, Maximilla - Wallfahrer aus dem gesamten Römerreich anzog.

Symbolisierter Übergang vom Leben ins Totenreich

Neben dem heiligen Zentrum entstand im frühen 3. Jahrhundert auch im weiter nördlich gelegenen Themenothyrai (Usak) eine Montanistengemeinde, die ihre Grabsteine in einer lokalen Steinmetzwerkstatt in Auftrag gab: so genannte Türstelen, die heute im Museum von Usak zu sehen sind. Die in Reliefs auf den Steinen dargestellten Tore, den Eingängen zu Mausoleen nachempfunden, symbolisierten den Übergang vom Leben ins Totenreich, aus dem nur Gott zu befreien vermochte. Auf den Türsteinen Themenothyrais wird neben zwei montanistischen Bischöfen auch eine montanistische presbytera namens Ammion erwähnt - eine Frau, die dem Klerus angehörte.

Im östlich von Pepouza gelegenen Eibeos (bei Sivasl / Neo-Sebaste) blühte eine weitere wichtige Gemeinde der Montanisten. An ihrer Spitze, so eine Inschrift, stand spätestens im 5. oder frühen 6. Jahrhundert einer der hochrangigen Koinonoi. Diese "Teilhaber", wie ihr Titel zu übersetzen ist, rangierten in der montanistischen Kirche unmittelbar hinter dem Patriarchen in Pepouza, noch vor Bischöfen und Priestern.

Die Glaubensrichtung verbreitete sich rasch über die unmittelbare Ursprungsregion hinaus. Sie fand in Kleinasien den Weg bis nach Ancyra (Ankara), stieß vor bis nach Nordafrika, bis nach Rom und Gallien (Lyon). Auch in Konstantinopel fasste sie Fuß. Für eine Weile sah es so aus, als hätte diese charismatische Form des Christentums eine Chance, zur herrschenden Version des christlichen Glaubens im Römerreich zu werden. Die Weltgeschichte wäre anders verlaufen.



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