Von Nina Weber
Die Wiege der Zivilisation stand, so zumindest der bisherige Forschungsstand, in Vorder- und Kleinasien, wo vor rund 10.000 Jahren die ersten Siedlungen entstanden. Doch auch in China haben Menschen zu dieser Zeit womöglich Gefäße getöpfert, um etwa Reiskörner darin aufzubewahren. Aber lebten ihre Vorfahren nur 1000 bis 4000 Jahr davor noch in der Nachbarschaft zu Menschen einer anderen, primitiveren Spezies?
Ein Forscherteam, das im Wissenschaftsmagazin "PLoS One" seine Analyse zu Fossilien aus zwei Höhlen in Südwestchina veröffentlicht hat, hält dies für möglich. "Ich glaube, wenn man genau abwägt, deuten die Belege eher in die Richtung, dass die 'Rotwildhöhlen-Menschen' eine neue evolutionäre Linie darstellen", meint Darren Curnoe von der University of New South Wales. "Sie sehen anders aus als alle modernen Menschen - egal, ob diese aus heutigen Zeiten stammen oder vor 150.000 Jahren in Afrika lebten." Allerdings schränkt er ein: "Wir haben keine neue Spezies benannt und auch nicht vor, dies zu tun."
Die Funde stammen aus der Longlin- und Maludong-Höhle in Südwestchina. Weil in Letzterer auch viele Knochen einer großen Rotwildart gefunden wurden, haben die Forscher den griffigen Namen für die Frühmenschen gewählt.
Flaches Gesicht, vorstehender Kiefer
Die Rotwildhöhlen-Menschen hätten kurze, flache Gesichter gehabt, breite Nasen, stark hervortretende Augenbrauenwulste und einen vorstehenden Kiefer. Dazu kämen dicke Schädelknochen, große Backenzähne und ein mittelgroßes Gehirn. Curnoe und seine Kollegen sehen dies als eine einzigartige Mischung aus modernen Merkmalen und archaischen, wie sie von Frühmenschen aus einer Zeit vor Hunderttausenden Jahren bekannt sind.
Es könnte eine archaische Gruppe von Menschen gewesen sein, die erstaunlich lange überlebt habe, schreiben die Forscher in ihrem Fachartikel. Eine klare Einordnung wagen sie allerdings nicht. Dennoch ist ihr Verdacht erstaunlich, da die Funde so jung sind - sie lagen lediglich 11.500 und 14.300 Jahre im Boden. Die Neandertaler starben dagegen vor rund 30.000 Jahren aus.
Das gleichzeitige Vorkommen verschiedener menschlicher Spezies sei auch aus Afrika bekannt, argumentieren die Wissenschaftler. Doch diese Funde sind bis zu zehnmal so alt, gibt der nicht an der Studie beteiligte Forscher Jean-Jacques Hublin zu bedenken. Hublin, Direktor der Abteilung für menschliche Evolution am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, steht der These von der bisher unbekannten Art äußerst skeptisch gegenüber. "Ich bin überrascht, dass sie diese Behauptung überhaupt so aussprechen", sagt Hublin SPIEGEL ONLINE. "Um eine neue menschliche Spezies zu definieren, benötigt man sehr starke, überzeugendere Belege."
Bei fossilen Funden moderner Menschen könnten immer einige Merkmale etwas eigenartig aussehen, gibt er zu bedenken. Die Rekonstruktion von Gesicht und Schädel könnte nicht optimal sein. Möglicherweise seien auch Verformungen im Boden nicht spurlos an den fossilen Knochen vorübergegangen.
Mehr Klarheit könnte eine Erbgutanalyse liefern, wie sie etwa beim Denisova-Menschen gelang. Doch ob die möglich ist, muss sich erst zeigen. Zwar sind die Funde vergleichsweise jung, doch im wärmeren Klima in Südwestchina könnte sich ein großer Teil des Erbguts bereits zersetzt haben.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Anthropologie | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH