Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Fuck"-Aufsatz: Der Jäger des F-Worts

Von Stefan Schmitt

Alle sagen es, niemand spricht darüber: Fuck. Fünf Jahre lang hat ein US-Juraprofessor die Macht des Worts erforscht - heimlich. Dann wollte kein Verlag seine Studie drucken, doch im Web wurde "Fuck" der Aufsatz des Sommers - und kommt nun endlich in eine Fachzeitschrift.

"Wie oft haben Sie es heute schon gesagt?", fragte der TV-Moderator George Stroumboulopoulos seine Zuschauer. "Zehn Mal, fünfzig oder hundert Mal?". Ins Bild eingeblendet erschien bloß der Schriftzug "die Kraft des F-Worts". Piep. Der kanadische Sender CBC ließ es jedes Mal schrill piepen, wenn Stroumboulopoulos das F-Wort in den Mund nahm - was es nicht eben einfacher machte, dem Interview mit Christopher Fairman zu folgen. Es piepte ziemlich häufig in diesen Minuten.

Der Jurist und Hochschullehrer hat die vielleicht kurioseste wissenschaftliche Arbeit dieses Sommers vorgelegt - die zu einem echten Netzphänomen geworden ist. "Fuck", so kurz und prägnant lautet der Titel seines Aufsatzes.

"Es ist ein dermaßen schlimmes Wort, ich kann nicht einmal einen Verleger für meinen Aufsatz finden", hatte Fairman im April in der CBC gesagt. Obgleich "Fuck" als wissenschaftliche Arbeit enormes Interesse auf sich gezogen hat, stieß der Aufsatz bei juristischen Fachzeitschriften auf Ablehnung. Die "Kansas Law Review" etwa brauchte nur 25 Minuten, um die Einreichung zurückzuweisen.

Nur eine digitale Vorabfassung hat Fairman eigenhändig ins Netz gestellt - wo sie seit März für Rekord-Downloads sorgt. Die PDF-Fassung auf dem Preprint-Server des Social Science Research Network (SSRN) katapultierte Fairman aus dem Stand heraus auf den siebten Platz unter den 1500 meistgelesenen Jura-Autoren bei SSRN. In der Top Ten des Digitalverlegers Berkeley Electronic Press steht der Aufsatz bis heute unangefochten auf Platz eins. Die Titel der übrigen Abhandlungen sind zwar bis zu 34-mal länger, doch kein Aufsatz wurde seit seiner Veröffentlichung häufiger heruntergeladen als Fairmans 74-seitige Studie.

Fünf Jahre Fuck-Forschung im Geheimen

"Es gab Kollegen, die mir nahegelegt haben, den Titel abzuschwächen oder ihn durch einen Euphemismus wie 'F*ck' oder 'F-Wort' zu ersetzen", sagte Fairman zu SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich hatte der Karrierejurist - früher Lehrer, dann Assistent bei Gericht, schließlich Anwalt für öffentliches Recht, Abschlüsse mit höchster Auszeichnung, Gastlehrer in Oxford und preisgekrönt für seine Lehre - lange gezögert. Die Angst, in den USA zwischen die Fronten von politischer Korrektheit und Bigotterie zu geraten, ist nicht ganz abwegig. Erst als er über die Sicherheit einer unkündbaren Anstellung am renommierten Moritz College of Law der Ohio State University verfügte, traute er sich.

Der Auslöser für das alles war ein Bewertungsbogen gewesen. Im Herbst 2001, am Semesterende seines zweiten Jahres als Juradozent, hatte sich ein Student verstört über Fairman gezeigt: Der Dozent habe im Seminar das F-Wort benutzt. Hatte er auch, allerdings als er aus einer Urteilsbegründung zitierte. Wie konnte ein erwachsener Mensch sich darüber nur aufregen? Fairman wurde bei der Wirkung von Fuck hellhörig - und fand Fälle zuhauf.

Im Frühjahr 2002 musste ein ungeschickter Sportler in Michigan Strafe zahlen, weil er laut "Fuck" gerufen hatte, nachdem sein Kanu gekentert war. Im April 2004 verhafteten Bundespolizisten den Verfasser einer Beschwerde-E-Mail an einen Richter, in der das F-Wort vorkam. Im Oktober 2005 ging die Meldung um die Welt, dass eine Passagierin auf einem Southwest-Airlines-Flugzeug verbannt wurde - weil auf ihrem T-Shirt mit den Köpfen des Trios Bush, Cheney und Rice der Slogan "Meet the Fuckers" stand.

Strafe für Bono, freie "Fucks" für Tom Hanks

"Ich verbrachte die nächsten Jahre damit, die massive Überschneidung zwischen dem Gesetz und dem Wort Fuck zu erforschen", sagte Fairman. Der Jurist wälzte Gesetze, Bestimmungen und Urteilsniederschriften. Ein unbedachtes Fuck, so sein Ergebnis, kann den gewöhnlichen US-Bürger gleich in vierfacher Hinsicht vor den Kadi bringen:

  • Im Streit um die im ersten Zusatzartikel zur Verfassung verbürgte Meinungsfreiheit,
  • bei Verwendung des Wortes in Radio oder Fernsehen,
  • als Ausdruck sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und
  • im Unterricht an öffentlichen Schulen und Universitäten.

Nur im ersten Fall stehen die Chancen gut, ungestraft davon zu kommen. Zwar habe das oberste Gericht bereits in den sechziger Jahren geurteilt, dass die Verwünschung "Fuck the Draft" als Protest gegen die Einberufung zum Vietnamkrieg vom Recht auf freie Rede geschützt sei, sagte Fairman. Doch in den drei anderen Rechtsgebieten bringt das vierlettrige Wort regelmäßig US-Bürger in die Bredouille. "Die Gesetzeslage ist ein einziger Schlamassel", sagte Fairman zu SPIEGEL ONLINE.

Besonders erzürnen den Juristen die Rundfunkregulierer der Federal Communications Commission (FCC). Dem Sänger der irischen Popgruppe U2, Bono, habe die FCC für seinen Auftritt bei der live ausgestrahlten Verleihung der Golden-Globe-Preise im Jahr 2003 ("Fucking brilliant!") nachträglich eine Strafe aufbrummen wollen - und in Folge dessen die Benimmregeln für Live-Sendungen drastisch verschärft. Währenddessen fielen in Spielfilmen wie "Der Soldat James Ryan" mit Tom Hanks reihenweise F-Worte, ohne dass die FCC eingreife.

Warum aber die vier Buchstaben F, U, C und K in der Lage sind, die Gemüter dermaßen zu erhitzen, das konnte sich Fairman allein aus den Paragraphen nicht erklären. "Ich musste mich anderen Disziplinen wie Sprachforschung und Psycholinguistik zuwenden", sagte er. Im Kapitel "Fuck History" geht er auf die Spurensuche.

"Vicken" und eine altägyptische Verwünschung

Die Geschichte des bewussten Wortes ist nebulös: Ein englisches und ein schottisches Gedicht aus dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert werden als erste Fundstellen in der englischen Schriftsprache gehandelt. Einige Wissenschaftler beziehen Fuck auf das germanische Wort für klopfen, das verwandt ist mit dem Altniederländischen "ficken" und dem Mittelhochdeutschen "vicken". Ebenso werden italienische, französische und keltische Wurzeln diskutiert.

Für Rechtsgelehrte besonders interessant dürfte indes ein möglicher Ursprung im Altägyptischen sein, von dem Fairman berichtet. Zur Zeit der letzten Dynastien des Nilreichs seien juristische Schriftstücke mit einer expliziten Verwünschung besiegelt worden: "Wer dies missachtet, soll von einem Esel gefickt werden." Als Hieroglyphe für diesen drastischen Umstand hätten zwei gekreuzte Phalli gedient.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Tabu: Juraprofessor erforscht F-Wort

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: