Fürsorgliche Männer Das neue Bild vom Vater

Von Judith Rauch

2. Teil


Wenn Menschenväter sich um ihre Kinder kümmern, geht es nicht immer nur idyllisch zu. Doch in jedem Fall hinterlässt ihr Wirken deutliche Spuren beim Nachwuchs. "Väter haben eine besondere Art, mit Kindern umzugehen", fasst die Mainzer Psychologin Inge Seiffge-Krenke den Forschungsstand zusammen. Sie würden dadurch einen "einzigartigen Beitrag" zu deren Entwicklung leisten:

  • Während Mütter sich mit Babys eher pflegerisch beschäftigen, sie baden, cremen, windeln, machen Väter mehr Imitationsspiele mit ihnen, schneiden Grimassen und stimulieren die Kleinen mit Geräuschen oder optischen Reizen.
  • Im Alter zwischen fünf und acht Jahren sind es vor allem die Väter, die für Bewegung sorgen, ob beim gemeinsamen Laufen, beim Fußballspielen, Fahrradfahren oder Schwimmen. Das fördert nicht nur die Fitness, sondern auch die Autonomie der Kinder. Vor allem die Söhne profitieren davon; mit Töchtern gehen die Väter sanfter und vorsichtiger um.
  • Väter fördern das geschlechtsspezifische Rollenverhalten ihrer Kinder, achten bei den Söhnen mehr auf Disziplin, lassen bei den Töchtern mehr Emotionen und Nähe zu.
  • Obwohl nach der Pubertät der Kontakt der Kinder zu ihren Vätern nachlässt, bleiben diese wichtige Ansprechpartner in schulischen und beruflichen Fragen sowie für politische Themen, und zwar für Söhne wie für Töchter.

Diese Zuwendung hat Folgen fürs Leben. Belegen konnten das die Soziologen Paul Amato und Alan Booth von der Pennsylvania State University mithilfe einer langjährigen Studie: Dabei zeigte sich, dass dem Bildungsgrad und Einkommen der Väter entsprechend der Bildungserfolg der Kinder ausfiel.

In einer Studie des Oxford Centre for Research into Parenting and Children stellte sich heraus, dass ein großes Engagement von Vätern in der Kindheit bei Söhnen die Straffälligkeit deutlich vermindert und Töchter vor psychischem Stress im späteren Leben schützt.

Umgekehrt leiden Kinder, bei deren Erziehung der Vater keine Rolle spielt, vermehrt an Schulleistungsstörungen und an mangelndem Selbstbewusstsein. Als Erwachsene sind sie anfälliger für psychische Erkrankungen und Suchtprobleme. Allerdings treten solche Folgen nach einer Trennung nicht zwangsläufig auf: Auch ein engagierter Scheidungsvater oder ein anderer Mann, zum Beispiel ein Großvater oder ein Lehrer, können das Kind stabilisieren.

Mensch und Kaiserpinguin sind indes nicht die einzigen Vertreter des Tierreichs, die eine aktive Vaterschaft kennen. Wassilios Fthenakis, Sozialforscher aus München und bis Dezember 2005 Direktor des dortigen Staatsinstituts für Frühpädagogik, hat für sein Standardwerk "Väter" eine ganze Palette tierischen Vaterverhaltens zusammengestellt:

Unter Fischen lässt es sich zum Beispiel bei den Stichlingen finden. Die Männchen bauen Laichnester, die von ihnen gepflegt und bewacht werden. Bei den Kreuzwelsen und beim Seepferdchen brüten die Männchen den Nachwuchs im Maul beziehungsweise in einer Bauchtasche aus. Bei vielen Vogelarten, etwa Tauben, Silbermöwen und Straußen, übernimmt das maskuline Geschlecht zumindest einen Teil des Brutgeschäfts. Bei anderen Laufvögeln, wie Emus, Kiwis und Kasuaren, sind Männchen sogar allein fürs Brüten und Erziehen zuständig.

Selbst bei Säugetieren finden sich, vor allem unter monoga-men Arten, aktive Väter. Der Wolfsrüde beteiligt sich an der Aufzucht des Nachwuchses, so Fthenakis, "indem er Futter vorverdaut und für die Jungen wieder erbricht".

Auch bei des Menschen näherer Verwandtschaft, im Primatenreich, finden sich Beispiele. Unter den südamerikanischen Springaffen, Marmosetten und Tamarinen (Krallenäffchen) entdeckten Verhaltensbiologen viele Väter, die ihre Kleinen von morgens bis abends herumtrugen, während die Mütter auf Nahrungssuche waren. Bei Krallenäffchen stellten Forscher auch zum ersten Mal fest, dass ein erhöhter Spiegel des Hormons Prolaktin mit väterlichem Verhalten einhergeht.

Die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy ist der Ansicht, dass sich gemeinsames Erziehen vor allem dann in einer Spezies herausbildet, wenn die Väter einigermaßen sicher sein können, dass sie in ihren eigenen Nachwuchs investieren. Bei den monogam lebenden Krallenäffchen ist das der Fall. Die Hilfe der Väter und anderer Verwandter ermöglicht es manchem Weibchen sogar, zweimal im Jahr Zwillinge zu gebären und alle Jungtiere durchzubringen. Sind die Weibchen polygam, wie etwa bei den Schimpansen, engagieren sich die Väter weniger.

Große Menschenaffen scheinen fürsorgliche Instinkte jedoch zumindest als Notprogramm abrufen zu können. Sowohl Gorilla- als auch Schimpansenmännchen "adoptieren" mitunter verwaiste Jungtiere und versorgen sie wie eine Mutter. Fthenakis folgert daraus: "Auch Homo sapiens ist entwicklungsgeschicht-lich so ausgestattet, dass sowohl Frauen als auch Männer Kinder erziehen können - zumindest für den Fall, dass ein Elternteil stirbt."

Brüten, füttern, schützen, mit den Jungen spielen - all das kann man bei Tiervätern erleben, aber auch das Gegenteil: ignorieren, wegschubsen, Gewalttätigkeiten bis hin zur Tötung. Bei Primaten findet sich die ganze Spannbreite innerhalb einer Art, ganz besonders beim Menschen. Vaterschaft komme in allen nur erdenklichen Schattierungen vor, so Jeffrey Masson. "Es gibt Väter, die jahrelang 24 Stunden am Tag für ihre Kinder da sind; solche, die ihre Kinder nur ein paar Minuten am Tag, im Monat oder im Jahr sehen; und Väter, die sie nie sehen."

Dem modernen Manager, der kaum Zeit für seine Familie hat, stehen noch heute Lebensformen gegenüber wie die der zentralafrikanischen Aka-Pygmäen, über die Sarah Blaffer Hrdy berichtet: "In den ersten sechs Lebensmonaten seines Babys hält der Durchschnittsvater das Kind mehr als 20 Prozent der Zeit im Arm. Darüber hinaus befindet er sich unglaubliche 50 Prozent der Zeit nur eine Armeslänge von ihm entfernt." Wie das funktioniert? Die Familien gehen meist gemeinsam zur Jagd auf Kleinwild, das sie mit Netzen fangen.

Das evolutionäre Programm des Menschenvaters ist offensichtlich höchst flexibel. Wassilios Fthenakis hat in dem jüngst für das Bundesfamilienministerium erstellte Gutachten "Facetten der Vaterschaft" nachgezeichnet, wie sehr sich ihr Bild allein in den vergangenen 300 Jahren gewandelt hat: von dem Familienpatriarchen des 18. Jahrhunderts über den zu Hause an Autorität verlierenden Arbeitervater des 19. Jahrhunderts, den stolzen Alleinernährer der 1950er Jahre, den ums Sorgerecht kämpfenden Scheidungsvater der 1980er bis hin zum partnerschaftlichen "neuen Vater" von heute.

Und wäre ein Mann vor wenigen Jahrzehnten noch energisch des Zimmers verwiesen worden, hätte er die Geburt seines Kindes miterleben wollen, so wird heute eher jener als lieblos angesehen, der im Kreißsaal nicht dabei sein möchte. "Väter von heute: Sie finden es wunderbar, Kinder zu haben, und fühlen sich ihnen so nah wie nie zuvor", so fasste die Zeitschrift "Eltern" im Dezember 2005 die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts zusammen.

Wenn aber das Potenzial zu einer aktiven Vaterschaft schon seit Urzeiten in Männern angelegt ist - weshalb ist es erst in jüngerer Zeit zum Vorschein gekommen? An der biologischen Grundausstattung des Mannes kann es nicht liegen, denn die hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht verändert. Hormonelle Schwankungen allein führen nicht zwangsläufig zu einem fürsorglichen Verhalten. Aber sie können es fördern und verstärken: etwa bei entsprechenden Lebensumständen.

Dazu gehört eine stabile und harmonische Zweierbeziehung ebenso wie die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit für Männer und ein ausreichendes Einkommen der Familie - am besten durch eine fortgesetzte Berufstätigkeit und Karriere der Mutter.

In der Breite durchgesetzt hat sich ein partnerschaftliches Modell jedoch nicht. Vielerorts in Deutschland fehlt es an Betreuungseinrichtungen für die Kleinsten; ein Elternteil muss zu Hause bleiben. Das ist im allgemeinen die Frau, weil sie meist weniger verdient als ihr Partner.

Und so steckt der neue Vater von heute oft in einem Dilemma, wie Fthenakis festgestellt hat: "Väter sehen sich in erster Linie als Erzieher, die offen sind für die Probleme ihrer Kinder und deren Selbstbewusstsein fördern wollen. Erst an zweiter Stelle steht das Bild vom Vater als Ernährer, der für das Familieneinkommen zuständig ist." Doch die zur Häuslichkeit gezwungenen jungen Mütter drängten häufig darauf, so der Forscher, dass sich nun der Vater beruflich stärker engagiert, damit die Familie finanziell abgesichert ist. Tatsächlich haben Studien ergeben, dass junge Männer nach der Geburt des ersten Babys eher mehr Zeit im Büro verbringen als zuvor.



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