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25. April 2006, 11:14 Uhr

Fürsorgliche Männer

Das neue Bild vom Vater

Von Judith Rauch

Nicht Gene, sondern Hormone machen den Mann zum Vater. Sie lösen schon während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen ein evolutionär tief verankertes Programm aus: aktive Vaterschaft. Im Blut werdender Väter lesen Forscher, wie das funktioniert.

Die zweijährige Leni hat einen prima Vater. Schon bevor sie auf die Welt kam, war er für sie da, begleitete ihre Mutter zur Schwangerschaftsgymnastik, hielt im Kreißsaal deren Hand. Nach Lenis Geburt schnitt der Vater die Nabelschnur durch. Später gab er dem Kind das Fläschchen, wechselte die Windeln, sang es in den Schlaf.

Vater und Sohn an der Hamburger Außenalster: Hormone sorgen für enge Bindung
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Vater und Sohn an der Hamburger Außenalster: Hormone sorgen für enge Bindung

All das tat der Mann, obwohl er wusste, dass Leni nicht sein leibliches Kind ist. Denn von Lenis Erzeuger, dem Formel-1-Chef Flavio Briatore, hatte sich ihre Mutter, das deutsche Fotomodel Heidi Klum, noch während der Schwangerschaft getrennt. Die Vaterrolle übernahm bereitwillig ihr neuer Partner, der britische Sänger Seal. Natürlich sagt Leni "Papa" zu ihm.

Natürlich? Dem begeisterten Ersatzvater schlug nicht nur Hochachtung entgegen, sondern auch ein wenig Verwunderung. "Was ihn endgültig unwiderstehlich macht", schrieb die "Bunte", "ist die Liebe zu einem Kind, das nicht einmal sein eigenes ist." Und der "Stern" hielt fest, dass die Tochter ihm kein bisschen ähnlich sehe; im Gegensatz zu dem dunkelhäutigen Sänger sei die kleine Leni nämlich "total weiß". Kann ein Mann ein solches Baby lieben?

Anne Storey kann erklären, wie es dazu kommt: Es seien nicht die Gene, die einen Mann zum Vater machten, sondern die Hormone, fand die Psychologin der Memorial University of Newfoundland im Jahr 2000 heraus. Gemeinsam mit ihrem Forscherteam hatte sie 34 Paare, die Nachwuchs erwarteten, als Versuchspersonen gewonnen, hatte den werdenden Eltern vor und nach der Geburt mehrfach Blut abgenommen und die Hormonspiegel bestimmt. Das aufsehenerregende Ergebnis der Studie: Nicht nur bei den Müttern, was zu erwarten gewesen wäre, sondern auch bei den Vätern veränderten sich die Werte für die Hormone Cortisol, Prolaktin und Testosteron.

"Die Unterschiede bei den Frauen waren drastischer", sagt die Forscherin, "aber das Muster war bei den Männern ganz ähnlich." Der Spiegel des lange Zeit nur als "Milchbildungshormon" bekannten Prolaktin, das bei Frauen die Milchproduktion stimuliert, stieg bei den werdenden Vätern in den drei Wochen vor der Geburt um 20 Prozent. Der Gehalt des "Männlichkeitshormons" Testosteron im Blut hingegen sank nach der Geburt um durchschnittlich ein Drittel; und je stärker er fiel, desto fürsorglicher benahmen sich die Männer. Einige hatten sogar schon während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen an Gewicht zugelegt, ganz so, als seien sie selbst ein wenig schwanger.

Doch wodurch werden solche körperlichen Veränderungen bei Vätern ausgelöst? Anne Storey kann bislang nur spekulieren: Womöglich seien Geruchsstoffe (Pheromone) der schwangeren Frau die Ursache oder Verhaltensänderungen des Paares, das sich gemeinsam auf die Elternrolle vorbereitet. Storey hat auch entdeckt, dass zwischen leiblichen Vätern und Ersatzvätern nur geringe hormonelle Unterschiede festzustellen sind, das Verhalten von Seal also keineswegs untypisch ist.

Diese Erkenntnis straft jene Lügen, die in einem Stiefvater automatisch eine Gefahr sehen, jemanden, der das biologische Kind eines anderen Mannes schlechter behandelt als sein eigenes. Gewalt gegen Stiefkinder kommt zweifellos vor, in der "Natur des Mannes" scheint sie aber nicht zu liegen.

Forscher zahlreicher Disziplinen - von Endokrinologen über Anthropologen bis hin zu Soziologen - haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit neuen Methoden und Fragestellungen untersucht, was eine Vaterschaft prägt. Den hormonellen Signalen, so stellte sich heraus, liegt ein langer evolutionärer Prozess zugrunde. Die entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln teilt der Mensch mit einigen Tierarten. Offen zutage tritt ein weibliches Verhaltensrepertoire etwa bei kastrierten Hähnchen, wie schon Charles Darwin im Jahre 1838 bemerkte: "Ein Kapaun wird wie ein Weibchen - und oft besser als dieses - auf Eiern sitzen. Das ist sehr interessant, denn (es gibt) verborgene Instinkte sogar im Gehirn von Männchen."

Und wer wäre nicht gerührt von einem Vater wie diesem: "Das Männchen bleibt die ganze Zeit an der Seite seiner Gefährtin", schreibt der amerikanische Psychoanalytiker und Sachbuchautor Jeffrey M. Masson über ein Kaiserpinguin-Paar im Moment des Eierlegens. Sobald das Männchen "das Ei entdeckt, fängt es an zu singen. Die Pinguindame greift die Melodie auf... Beide singen bis zu einer Stunde zusammen, während sie die ganze Zeit auf das Ei blicken. Dann umkreist das Weibchen seinen Gefährten einmal langsam, während er das Ei auf ihren Füßen immer wieder sanft mit seinem Schnabel berührt und dazu sanfte Stöhnlaute ausstößt."

Wenig später wird der Pinguinmann das Ei - es ist 13 Zentimeter lang und fast ein halbes Kilogramm schwer - vorsichtig übernehmen. Er wird es auf seinen Füßen balancieren und in einer eigens dafür vorgesehenen Hautfalte seines Unterleibs wärmen. In der antarktischen Kälte wird er sich mit Tausenden anderen Männchen in einer riesigen Kolonie zusammendrängen, und sie werden - "in beinahe übernatürlicher Stille", wie ein Forscher schrieb - ihre Jungen ausbrüten, während die Weibchen sich auf den Weg zum Meer machen, um sich nach langem Hungern satt zu fressen.

Kommt die Mutter nach zwei, drei Monaten zurück, ist ihr Junges oftmals schon geschlüpft. Von nun an pflegen die Eltern das Küken gemeinsam: Abwechselnd holen sie Futter, während ihr Junges heranwächst, auf den Füßen des an Land zurückbleibenden Elternteils stehend.

Wenn Menschenväter sich um ihre Kinder kümmern, geht es nicht immer nur idyllisch zu. Doch in jedem Fall hinterlässt ihr Wirken deutliche Spuren beim Nachwuchs. "Väter haben eine besondere Art, mit Kindern umzugehen", fasst die Mainzer Psychologin Inge Seiffge-Krenke den Forschungsstand zusammen. Sie würden dadurch einen "einzigartigen Beitrag" zu deren Entwicklung leisten:

Diese Zuwendung hat Folgen fürs Leben. Belegen konnten das die Soziologen Paul Amato und Alan Booth von der Pennsylvania State University mithilfe einer langjährigen Studie: Dabei zeigte sich, dass dem Bildungsgrad und Einkommen der Väter entsprechend der Bildungserfolg der Kinder ausfiel.

In einer Studie des Oxford Centre for Research into Parenting and Children stellte sich heraus, dass ein großes Engagement von Vätern in der Kindheit bei Söhnen die Straffälligkeit deutlich vermindert und Töchter vor psychischem Stress im späteren Leben schützt.

Umgekehrt leiden Kinder, bei deren Erziehung der Vater keine Rolle spielt, vermehrt an Schulleistungsstörungen und an mangelndem Selbstbewusstsein. Als Erwachsene sind sie anfälliger für psychische Erkrankungen und Suchtprobleme. Allerdings treten solche Folgen nach einer Trennung nicht zwangsläufig auf: Auch ein engagierter Scheidungsvater oder ein anderer Mann, zum Beispiel ein Großvater oder ein Lehrer, können das Kind stabilisieren.

Mensch und Kaiserpinguin sind indes nicht die einzigen Vertreter des Tierreichs, die eine aktive Vaterschaft kennen. Wassilios Fthenakis, Sozialforscher aus München und bis Dezember 2005 Direktor des dortigen Staatsinstituts für Frühpädagogik, hat für sein Standardwerk "Väter" eine ganze Palette tierischen Vaterverhaltens zusammengestellt:

Unter Fischen lässt es sich zum Beispiel bei den Stichlingen finden. Die Männchen bauen Laichnester, die von ihnen gepflegt und bewacht werden. Bei den Kreuzwelsen und beim Seepferdchen brüten die Männchen den Nachwuchs im Maul beziehungsweise in einer Bauchtasche aus. Bei vielen Vogelarten, etwa Tauben, Silbermöwen und Straußen, übernimmt das maskuline Geschlecht zumindest einen Teil des Brutgeschäfts. Bei anderen Laufvögeln, wie Emus, Kiwis und Kasuaren, sind Männchen sogar allein fürs Brüten und Erziehen zuständig.

Selbst bei Säugetieren finden sich, vor allem unter monoga-men Arten, aktive Väter. Der Wolfsrüde beteiligt sich an der Aufzucht des Nachwuchses, so Fthenakis, "indem er Futter vorverdaut und für die Jungen wieder erbricht".

Auch bei des Menschen näherer Verwandtschaft, im Primatenreich, finden sich Beispiele. Unter den südamerikanischen Springaffen, Marmosetten und Tamarinen (Krallenäffchen) entdeckten Verhaltensbiologen viele Väter, die ihre Kleinen von morgens bis abends herumtrugen, während die Mütter auf Nahrungssuche waren. Bei Krallenäffchen stellten Forscher auch zum ersten Mal fest, dass ein erhöhter Spiegel des Hormons Prolaktin mit väterlichem Verhalten einhergeht.

Die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy ist der Ansicht, dass sich gemeinsames Erziehen vor allem dann in einer Spezies herausbildet, wenn die Väter einigermaßen sicher sein können, dass sie in ihren eigenen Nachwuchs investieren. Bei den monogam lebenden Krallenäffchen ist das der Fall. Die Hilfe der Väter und anderer Verwandter ermöglicht es manchem Weibchen sogar, zweimal im Jahr Zwillinge zu gebären und alle Jungtiere durchzubringen. Sind die Weibchen polygam, wie etwa bei den Schimpansen, engagieren sich die Väter weniger.

Große Menschenaffen scheinen fürsorgliche Instinkte jedoch zumindest als Notprogramm abrufen zu können. Sowohl Gorilla- als auch Schimpansenmännchen "adoptieren" mitunter verwaiste Jungtiere und versorgen sie wie eine Mutter. Fthenakis folgert daraus: "Auch Homo sapiens ist entwicklungsgeschicht-lich so ausgestattet, dass sowohl Frauen als auch Männer Kinder erziehen können - zumindest für den Fall, dass ein Elternteil stirbt."

Brüten, füttern, schützen, mit den Jungen spielen - all das kann man bei Tiervätern erleben, aber auch das Gegenteil: ignorieren, wegschubsen, Gewalttätigkeiten bis hin zur Tötung. Bei Primaten findet sich die ganze Spannbreite innerhalb einer Art, ganz besonders beim Menschen. Vaterschaft komme in allen nur erdenklichen Schattierungen vor, so Jeffrey Masson. "Es gibt Väter, die jahrelang 24 Stunden am Tag für ihre Kinder da sind; solche, die ihre Kinder nur ein paar Minuten am Tag, im Monat oder im Jahr sehen; und Väter, die sie nie sehen."

Dem modernen Manager, der kaum Zeit für seine Familie hat, stehen noch heute Lebensformen gegenüber wie die der zentralafrikanischen Aka-Pygmäen, über die Sarah Blaffer Hrdy berichtet: "In den ersten sechs Lebensmonaten seines Babys hält der Durchschnittsvater das Kind mehr als 20 Prozent der Zeit im Arm. Darüber hinaus befindet er sich unglaubliche 50 Prozent der Zeit nur eine Armeslänge von ihm entfernt." Wie das funktioniert? Die Familien gehen meist gemeinsam zur Jagd auf Kleinwild, das sie mit Netzen fangen.

Das evolutionäre Programm des Menschenvaters ist offensichtlich höchst flexibel. Wassilios Fthenakis hat in dem jüngst für das Bundesfamilienministerium erstellte Gutachten "Facetten der Vaterschaft" nachgezeichnet, wie sehr sich ihr Bild allein in den vergangenen 300 Jahren gewandelt hat: von dem Familienpatriarchen des 18. Jahrhunderts über den zu Hause an Autorität verlierenden Arbeitervater des 19. Jahrhunderts, den stolzen Alleinernährer der 1950er Jahre, den ums Sorgerecht kämpfenden Scheidungsvater der 1980er bis hin zum partnerschaftlichen "neuen Vater" von heute.

Und wäre ein Mann vor wenigen Jahrzehnten noch energisch des Zimmers verwiesen worden, hätte er die Geburt seines Kindes miterleben wollen, so wird heute eher jener als lieblos angesehen, der im Kreißsaal nicht dabei sein möchte. "Väter von heute: Sie finden es wunderbar, Kinder zu haben, und fühlen sich ihnen so nah wie nie zuvor", so fasste die Zeitschrift "Eltern" im Dezember 2005 die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts zusammen.

Wenn aber das Potenzial zu einer aktiven Vaterschaft schon seit Urzeiten in Männern angelegt ist - weshalb ist es erst in jüngerer Zeit zum Vorschein gekommen? An der biologischen Grundausstattung des Mannes kann es nicht liegen, denn die hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht verändert. Hormonelle Schwankungen allein führen nicht zwangsläufig zu einem fürsorglichen Verhalten. Aber sie können es fördern und verstärken: etwa bei entsprechenden Lebensumständen.

Dazu gehört eine stabile und harmonische Zweierbeziehung ebenso wie die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit für Männer und ein ausreichendes Einkommen der Familie - am besten durch eine fortgesetzte Berufstätigkeit und Karriere der Mutter.

In der Breite durchgesetzt hat sich ein partnerschaftliches Modell jedoch nicht. Vielerorts in Deutschland fehlt es an Betreuungseinrichtungen für die Kleinsten; ein Elternteil muss zu Hause bleiben. Das ist im allgemeinen die Frau, weil sie meist weniger verdient als ihr Partner.

Und so steckt der neue Vater von heute oft in einem Dilemma, wie Fthenakis festgestellt hat: "Väter sehen sich in erster Linie als Erzieher, die offen sind für die Probleme ihrer Kinder und deren Selbstbewusstsein fördern wollen. Erst an zweiter Stelle steht das Bild vom Vater als Ernährer, der für das Familieneinkommen zuständig ist." Doch die zur Häuslichkeit gezwungenen jungen Mütter drängten häufig darauf, so der Forscher, dass sich nun der Vater beruflich stärker engagiert, damit die Familie finanziell abgesichert ist. Tatsächlich haben Studien ergeben, dass junge Männer nach der Geburt des ersten Babys eher mehr Zeit im Büro verbringen als zuvor.

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