Fürsorgliche Männer Das neue Bild vom Vater

Nicht Gene, sondern Hormone machen den Mann zum Vater. Sie lösen schon während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen ein evolutionär tief verankertes Programm aus: aktive Vaterschaft. Im Blut werdender Väter lesen Forscher, wie das funktioniert.

Von Judith Rauch


Die zweijährige Leni hat einen prima Vater. Schon bevor sie auf die Welt kam, war er für sie da, begleitete ihre Mutter zur Schwangerschaftsgymnastik, hielt im Kreißsaal deren Hand. Nach Lenis Geburt schnitt der Vater die Nabelschnur durch. Später gab er dem Kind das Fläschchen, wechselte die Windeln, sang es in den Schlaf.

Vater und Sohn an der Hamburger Außenalster: Hormone sorgen für enge Bindung
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Vater und Sohn an der Hamburger Außenalster: Hormone sorgen für enge Bindung

All das tat der Mann, obwohl er wusste, dass Leni nicht sein leibliches Kind ist. Denn von Lenis Erzeuger, dem Formel-1-Chef Flavio Briatore, hatte sich ihre Mutter, das deutsche Fotomodel Heidi Klum, noch während der Schwangerschaft getrennt. Die Vaterrolle übernahm bereitwillig ihr neuer Partner, der britische Sänger Seal. Natürlich sagt Leni "Papa" zu ihm.

Natürlich? Dem begeisterten Ersatzvater schlug nicht nur Hochachtung entgegen, sondern auch ein wenig Verwunderung. "Was ihn endgültig unwiderstehlich macht", schrieb die "Bunte", "ist die Liebe zu einem Kind, das nicht einmal sein eigenes ist." Und der "Stern" hielt fest, dass die Tochter ihm kein bisschen ähnlich sehe; im Gegensatz zu dem dunkelhäutigen Sänger sei die kleine Leni nämlich "total weiß". Kann ein Mann ein solches Baby lieben?

Anne Storey kann erklären, wie es dazu kommt: Es seien nicht die Gene, die einen Mann zum Vater machten, sondern die Hormone, fand die Psychologin der Memorial University of Newfoundland im Jahr 2000 heraus. Gemeinsam mit ihrem Forscherteam hatte sie 34 Paare, die Nachwuchs erwarteten, als Versuchspersonen gewonnen, hatte den werdenden Eltern vor und nach der Geburt mehrfach Blut abgenommen und die Hormonspiegel bestimmt. Das aufsehenerregende Ergebnis der Studie: Nicht nur bei den Müttern, was zu erwarten gewesen wäre, sondern auch bei den Vätern veränderten sich die Werte für die Hormone Cortisol, Prolaktin und Testosteron.

"Die Unterschiede bei den Frauen waren drastischer", sagt die Forscherin, "aber das Muster war bei den Männern ganz ähnlich." Der Spiegel des lange Zeit nur als "Milchbildungshormon" bekannten Prolaktin, das bei Frauen die Milchproduktion stimuliert, stieg bei den werdenden Vätern in den drei Wochen vor der Geburt um 20 Prozent. Der Gehalt des "Männlichkeitshormons" Testosteron im Blut hingegen sank nach der Geburt um durchschnittlich ein Drittel; und je stärker er fiel, desto fürsorglicher benahmen sich die Männer. Einige hatten sogar schon während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen an Gewicht zugelegt, ganz so, als seien sie selbst ein wenig schwanger.

Doch wodurch werden solche körperlichen Veränderungen bei Vätern ausgelöst? Anne Storey kann bislang nur spekulieren: Womöglich seien Geruchsstoffe (Pheromone) der schwangeren Frau die Ursache oder Verhaltensänderungen des Paares, das sich gemeinsam auf die Elternrolle vorbereitet. Storey hat auch entdeckt, dass zwischen leiblichen Vätern und Ersatzvätern nur geringe hormonelle Unterschiede festzustellen sind, das Verhalten von Seal also keineswegs untypisch ist.

Diese Erkenntnis straft jene Lügen, die in einem Stiefvater automatisch eine Gefahr sehen, jemanden, der das biologische Kind eines anderen Mannes schlechter behandelt als sein eigenes. Gewalt gegen Stiefkinder kommt zweifellos vor, in der "Natur des Mannes" scheint sie aber nicht zu liegen.

Forscher zahlreicher Disziplinen - von Endokrinologen über Anthropologen bis hin zu Soziologen - haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit neuen Methoden und Fragestellungen untersucht, was eine Vaterschaft prägt. Den hormonellen Signalen, so stellte sich heraus, liegt ein langer evolutionärer Prozess zugrunde. Die entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln teilt der Mensch mit einigen Tierarten. Offen zutage tritt ein weibliches Verhaltensrepertoire etwa bei kastrierten Hähnchen, wie schon Charles Darwin im Jahre 1838 bemerkte: "Ein Kapaun wird wie ein Weibchen - und oft besser als dieses - auf Eiern sitzen. Das ist sehr interessant, denn (es gibt) verborgene Instinkte sogar im Gehirn von Männchen."

Und wer wäre nicht gerührt von einem Vater wie diesem: "Das Männchen bleibt die ganze Zeit an der Seite seiner Gefährtin", schreibt der amerikanische Psychoanalytiker und Sachbuchautor Jeffrey M. Masson über ein Kaiserpinguin-Paar im Moment des Eierlegens. Sobald das Männchen "das Ei entdeckt, fängt es an zu singen. Die Pinguindame greift die Melodie auf... Beide singen bis zu einer Stunde zusammen, während sie die ganze Zeit auf das Ei blicken. Dann umkreist das Weibchen seinen Gefährten einmal langsam, während er das Ei auf ihren Füßen immer wieder sanft mit seinem Schnabel berührt und dazu sanfte Stöhnlaute ausstößt."

Wenig später wird der Pinguinmann das Ei - es ist 13 Zentimeter lang und fast ein halbes Kilogramm schwer - vorsichtig übernehmen. Er wird es auf seinen Füßen balancieren und in einer eigens dafür vorgesehenen Hautfalte seines Unterleibs wärmen. In der antarktischen Kälte wird er sich mit Tausenden anderen Männchen in einer riesigen Kolonie zusammendrängen, und sie werden - "in beinahe übernatürlicher Stille", wie ein Forscher schrieb - ihre Jungen ausbrüten, während die Weibchen sich auf den Weg zum Meer machen, um sich nach langem Hungern satt zu fressen.

Kommt die Mutter nach zwei, drei Monaten zurück, ist ihr Junges oftmals schon geschlüpft. Von nun an pflegen die Eltern das Küken gemeinsam: Abwechselnd holen sie Futter, während ihr Junges heranwächst, auf den Füßen des an Land zurückbleibenden Elternteils stehend.

  • 1. Teil: Das neue Bild vom Vater
  • 2. Teil


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