Grabhügel in Sachsen-Anhalt Archäologen weisen ältesten Fürstenmord der Geschichte nach

Der Fürst von Helmsdorf in Sachsen-Anhalt wurde von einem erfahrenen Krieger erstochen, berichten Forscher. Sie sind sicher: Es handelt sich um den bislang ältesten nachweisbaren Fürstenmord der Welt.

Anthropologin Nicole Nicklisch und Rechtsmediziner Frank Ramsthaler mit den Fundstücken
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Anthropologin Nicole Nicklisch und Rechtsmediziner Frank Ramsthaler mit den Fundstücken


Die Knochen des Herrschers aus dem Grabhügel von Helmsdorf in Sachsen-Anhalt liegen fein säuberlich auf einem schwarzen Tuch ausgebreitet. Nach 3846 Jahren bestätigt der Rechtsmediziner Frank Ramsthaler: "Es war Mord." Der Herrscher sei in der Epoche der Himmelsscheibe von Nebra einem Attentat zum Opfer gefallen.

"Die umfangreichen Forschungsergebnisse werden in der ersten Jahreshälfte 2019 veröffentlicht", sagt Landesarchäologe Harald Meller. Der Historiker und Autor Kai Michel hatte zuvor für ein Buchprojekt mit Meller angeregt, die Überreste des Helmsdorfer Fürsten noch einmal eingehend untersuchen zu lassen. "Soweit wir jetzt sehen, haben wir dadurch den ältesten tatsächlich nachweisbaren Fürstenmord der Weltgeschichte entdeckt."

Sterbliche Überreste des Fürsten von Helmsdorf
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Sterbliche Überreste des Fürsten von Helmsdorf

Zur Einordnung: Der älteste bekannte Mordfall der Menschheitsgeschichte geschah vor 430.000 Jahren. Im nordspanischen Atapuerca fanden Forscher den eingeschlagenen Schädel eines Urmenschen. Um einen Fürsten handelte es sich bei dem Opfer allerdings nicht.

Erstmals untersucht hatten die Forscher die Fürsten-Knochen in den Jahren 2012 und 2013. Bereits damals vermuteten sie, dass einige Knochen durch "scharfe Gewalt" verletzt wurden. Nun gibt es nach Untersuchungen durch einen Rechtsmediziner Gewissheit.

Die Tatwaffe könnte ein Dolch gewesen sein

"An den Knochen können eindeutig drei Verletzungen nachgewiesen werden", sagt Frank Ramsthaler, stellvertretender Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Universität des Saarlandes in Homburg. Möglicherweise gab es noch weitere, aber diese drei waren allein schon tödlich. Bei der Tatwaffe könnte es sich um einen Dolch handeln, dessen Klinge gut 15 Zentimeter lang gewesen sein muss."

Der Rechtsmediziner rekonstruiert den möglichen Tatablauf: Ein mit großer Entschlossenheit ausgeführter Stich ging in den Bauchbereich. Die Dolchspitze traf den elften Brustwirbel und hinterließ dort eine deutlich erkennbare Kerbe von 6 Millimeter Länge und 3 Millimeter Tiefe.

Ramsthaler stellt einen Dolchstoß nach
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Ramsthaler stellt einen Dolchstoß nach

Um überhaupt durch den Bauch zu stoßen und dem Wirbel eine solche Scharte zuzufügen, brauchte es enorme Kraft. Das Opfer habe entweder an der Wand gestanden oder auf dem Boden gelegen, vermutet Ramsthaler. Sonst hätte der Täter den Dolch nicht bis in den Knochen stoßen können. Dabei hat der Angreifer wohl auch die Hauptschlagader getroffen.

"In prächirurgischen Zeiten bedeutete das den sicheren Tod", sagt der Experte. Ein weiterer Stich traf den Fürsten von oben hinter dem Schlüsselbein und spaltete das linke Schulterblatt. Zahlreiche Blutgefäße, aber auch Teile der Lunge wird der Dolch hier verletzt haben - auch das mit Sicherheit tödlich. "Das spricht für einen erfahrenen Krieger", kommentiert Meller. Auch die römischen Gladiatoren hätten auf diese Weise den Todesstoß gesetzt.

Tyrannenmord unwahrscheinlich

"Was sich nicht mehr herausfinden lässt, ist, welcher Stich zuerst ausgeführt wurde", sagt Ramsthaler. Zumindest spricht die Schnittverletzung am Oberarm als dritte Verletzung dafür, dass ein Kampf tobte. Wahrscheinlich versuchte der Fürst, sich mit dem Arm gegen den Attentäter zu schützen. Doch wer war das?

Nicole Nicklisch zeigt den verletzten elften Brustwirbel des Fürsten von Helmsdorf
DPA

Nicole Nicklisch zeigt den verletzten elften Brustwirbel des Fürsten von Helmsdorf

"Es muss eine Vertrauensperson aus dem Umfeld des Herrschers gewesen sein. Vielleicht ein Verwandter, ein Freund oder die Leibwache", so Meller. "Der Herrscher war arglos und wurde durch den Angriff überrascht. Möglicherweise ist er wie Julius Cäsar im alten Rom einer Verschwörung zum Opfer gefallen."

Gegen einen Tyrannenmord spricht allerdings, dass der etwa 30- bis 50-jährige Fürst standesgemäß mit allen Ehren unter einem riesigen Hügel begraben wurde. Als der Heimatforscher Hermann Größler (1840-1910) das Fürstengrab 1907 ausgrub, fand er das Herrscherskelett auf einem aus Eichenholz gefertigten Totenbett, dazu goldenen Schmuck als Grabbeigabe.

Unmittelbar nach dem Tod des Herrschers erlebte die Region eine Blütezeit, von der bis heute die Himmelsscheibe von Nebra im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeugt.

jme/dpa

insgesamt 14 Beiträge
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hanfbauer2 18.12.2018
1. immerhin es bleibt spannend...
...wann war - dann - der erste nachgewiesene "Tyrannenmord" - und vor allem: nach welcher DIN-Norm werden "Tyrannen" von "lupenreinen Demokraten" unterschieden? Wer trifft die Entscheidung/Eingruppierung? Gibt es da eine internationale Gesellschaft für Geschichtsinterpretation?
zeichenkette 18.12.2018
2. So ist das halt mit der Vorgeschichte
3846 Jahre zurück ist hierzulande Vorgeschichte, also eine Zeit, aus der bei solchen Dingen keine Zeugnisse (also "Geschichten" von den damals Lebenden) schriftlich überliefert sind. Das heißt, man kann nur anhand solcher Indizien spekulieren. Aber wenn unmittelbar danach eine Blütezeit ausbrach, liegt der Schluss natürlich nahe, dass es da den Richtigen getroffen haben mag. Letztlich zählen immer die tatsächlichen Folgen, nicht was auch immer jemand sich dabei gedacht haben mag. Ob der derzeitige Zerfall der westlichen Welt für diese gut oder schlecht sein wird, wird man in der Zukunft auch daran festmachen, ob anschließend eine Blütezeit folgte oder eben nicht. Was die Streithansel heute sich dabei denken, wird keine Rolle mehr spielen. Was letztlich zählt, ist das, was in Wirklichkeit passiert, also wie es wirkt, deshalb heißt es "Wirklichkeit"...
imlattig 19.12.2018
3. da sieht...
man wieder: verschwindet der alteingesessene adel kommt es zur bluetezeit. sehr guter bericht.
Lion79 19.12.2018
4. Wieso Mord?
Vielleicht war es eine rituelle Opferung und der Fürst starb freiwillig? Aber Mord klingt natürlich besser.
spon_2419712 19.12.2018
5. Mord ?
StGB§ 211 Mord ... (2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet. Dann lese ich : "Nach 3846 Jahren bestätigt der Rechtsmediziner Frank Ramsthaler: "Es war Mord."" Mir ist schon klar, das Rechtsmediziner extrem viel aus kleinen Spuren herauslesen koennen. Die strafrechtliche Abgrenzung zum Totschlag (§ 212f), Tötung auf Verlangen (§ 216) oder gefährlicher Körperverletzung (§ 224) mit Todesfolge (§ 227) nach tausenden von Jahren anhand von Skelettspuren duerfte eher dem Wunsch nach einer Schlagzeile geschuldet sein.
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