Fukushima Greenpeace warnt vor Strahlung in Fukushima-Sperrzone

Die japanische Regierung will erneut Gebiete in der Nähe des AKW Fukushima für Bewohner freigeben. Umweltschützer warnen vor der Strahlenbelastung - allerdings mithilfe wenig aussagekräftiger Grenzwerte.

Namie in der Präfektur Fukushima, Namie (Bild aus dem März 2011)
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Namie in der Präfektur Fukushima, Namie (Bild aus dem März 2011)

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Sieben Jahre nach dem Atomunfall in Fukushima hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace die früheren Anwohner wegen weiter teils hoher Strahlenbelastung vor einer Rückkehr gewarnt. Im Fokus der Untersuchung standen die Orte Iitate und Namie, die etwa 25 bis 30 Kilometer nordwestlich des Atomkraftwerks Fukushima liegen. Dort war es im März 2011 in Folge eines schweren Erdbebens und Tsunamis zum Gau gekommen.

Was hat Greenpeace untersucht und was war die zentrale Botschaft?

Greenpeace Japan analysierte in Iitate und Namie zwischen September und Oktober 2017 die Strahlung in Häusern, Wäldern, an Straßen und Felder. In die Untersuchung wurden Bereiche innerhalb und außerhalb der unbewohnten Fukushima-Sperrzone einbezogen. Ein Auszug der Messdaten wurde nun veröffentlicht.

In Namie habe man stellenweise eine Radioaktivität gemessen, die bis zum Hundertfachen über den international für die Bevölkerung geltenden Grenzwerten liege, heißt es in einer Pressemitteilung. Das klingt bedrohlich. Die Angabe ist allein allerdings irreführend.

Was genau steckt hinter der Zahl?

Sie bezieht sich auf ein unbewohntes Gebiet innerhalb der Fukushima-Sperrzone. Im Ort Obori, der zu Namie gehört, lag der höchste gemessene Strahlenwert bei 11,6 Mikrosievert pro Stunde. Auf ein Jahr hochgerechnet entspricht das einer Belastung von 101 Millisievert und einer mehr als 100-fachen Überschreitung des gewählten Grenzwertes von einem 1 Millisievert im Jahr.

Im Durchschnitt war die Belastung in Obori allerdings deutlich geringer: 4,3 Mikrosievert pro Stunde stellte Greenpeace im Mittel fest, das sind hochgerechnet 37 Millisievert im Jahr und eine 37-fache Überschreitung des gewählten Grenzwertes. Was das genau für die Bewohner bedeuten würde, verrät die Angabe dabei nicht.

Welche Grenzwerte für radioaktive Strahlung gelten überhaupt?

Grundsätzlich gilt, dass Menschen möglichst wenig radioaktive Strahlung aufnehmen sollten. Da diese jedoch auch natürlich vorkommt, lässt sie sich nicht auf null reduzieren. Um die Bevölkerung abgesehen vom natürlichen Strahleneinfluss vor der Belastung zu schützen, gibt es Grenzwerte für Industrieanlagen und Menschen, die etwa beruflich mit Strahlung in Kontakt kommen.

Speziell für Wohnhäuser oder deren Umfeld gibt es keinen Grenzwert. Die von Greenpeace genannte Angabe von einem Millisievert bezieht sich auf die maximale Belastung, der ein Mensch durch künstliche Einflüsse - etwa durch die Freisetzung aus kerntechnischen Anlagen - ausgesetzt sein sollte. Aus natürlichen Quellen bekommen Menschen mitunter jedoch deutlich höhere Dosen ab.

Beispiel Deutschland: Hier liegt die Belastung laut Bundesamt für Strahlenschutz je nach Wohnort, Ernährungs- und Lebensweise bei bis zu 10 Millisievert im Jahr. Menschen, die Strahlung beruflich ausgesetzt sind, dürfen aus der Tätigkeit über 20 Jahre hinweg im Jahr 20 Millisievert aufnehmen.

Der von Greenpeace herausgegriffene Maximalwert aus dem radioaktiv verseuchten Gebiet übersteigt auch diese Werte, allerdings um das Fünf- bis Zehnfache statt um das Hundertfache.

Fukushima im Mai 2012
DPA

Fukushima im Mai 2012

Wie hoch ist die Strahlung im bewohnten Gebiet von Iitate und Namie?

Greenpeace untersuchte die Strahlung hier im Bereich von sechs Häusern im freigegebenen Gebiet in Iitate und dem nicht in der Sperrzone liegenden Zentrum von Namie sowie einer dort liegenden Straße. Im Umfeld der Häuser fanden die Umweltschützer im Durchschnitt einen Strahlenwert von hochgerechnet 4 Millisievert im Jahr, wobei der höchste Wert 7 Millisievert betrug und der geringste 1 Millisievert.

Den höchsten Wert in der freigegebenen Zone zeigte die Messung mit hochgerechnet 11 Millisievert im Jahr an der Straße 114. Die Werte überschritten also auch in diesem Gebiet größtenteils den von Greenpeace gewählten Grenzwert, lagen im Gegensatz zur Sperrzone aber unterhalb der natürlichen Maximalbelastung in Deutschland, die allerdings auch Ernährungsgewohnheiten berücksichtigt.

Warum hebt Greenpeace den Maximalwert aus dem unbewohnten Gebiet so hervor?

Nach dem Reaktorunglück von Fukushima mussten Hunderttausende Menschen in der Region wegen der austretenden Strahlung ihre Häuser verlassen. Die Regierung ließ die Gegend in den vergangenen Jahren weitflächig dekontaminieren. Dennoch ist der Zugang in einigen Orten noch heute beschränkt.

Vor einem Jahr hob die Regierung allerdings für Iitate und Teile von Namie die Evakuierungsanweisungen auf. Nun gibt es Bestrebungen bis 2023 weitere, kleine Bereiche in Namies für Bewohner zu öffnen - auch Obori soll davon betroffen sein. Ob der gemessene Maximalwert in einem dieser Gebiete liegt, verrät der Greenpeace-Bericht nicht.

Bislang sind lediglich drei Prozent der einstigen Einwohner von Namie sowie neun Prozent der aus Iitate Geflohenen zurückgekehrt. Kritiker werfen der Regierung vor, die Menschen durch Einstellung finanzieller Hilfen zur Rückkehr in die verstrahlten Gebiete zu zwingen.

Die Regierung wolle mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio der Welt Normalität vorgaukeln, so einer der Vorwürfe. Dabei sei das Dekontaminierungsprogramm ineffektiv und für einen Großteil der Fläche hauptsächlich bergigen und bewaldeten Region nicht geeignet. Die Regierung weist die Vorwürfe zurück.


Zusammengefasst: Greenpeace warnt im Umkreis des Havariemeilers Fukushima vor Strahlungswerten, die um den Faktor Hundert über Grenzwerten liegen sollen. Der verwendete Grenzwert ist allerdings irreführend, weil Menschen in Deutschland mancherorts allein aus natürlichen Quellen deutlich mehr Strahlung aufnehmen. Trotz der Übertreibung ist in den Gebieten weiterhin vergleichsweise viel Strahlung vorhanden. Die Wiederbesiedlung ist daher aus gutem Grund umstritten.

Mit Material von dpa



insgesamt 12 Beiträge
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doc_johnny 01.03.2018
1. Dann darf man vor allem im Süden der Schweiz auch nicht mehr leben
Die durchschnittliche Strahlenbelastung aller Schweizer beträgt lt. Bundesamt für Gesundheit ca. 6 mSv pro Jahr und entstammt verschiedenen Quellen. Insbesondere im Süden kann diese Belastung ein Vielfaches davon betragen.
günter1934 01.03.2018
2. Das Kobalt60 Ereignis von Taiwan
In Taiwan wurde 1983 in einem Wohnkomplex radioaktives Kobalt60 verbaut und die Bewohner wurden jahrelang harter Gammastrahlung ausgesetzt, die weit über den von Greenpeace gemessenen Werten in Japan lagen. http://www.achgut.com/artikel/ergebnisse_eines_ungeplanten_menschenversuchs_mit_gamma_strahlung Zitat: "Ergebnisstand in 2004: Es hätte bis dahin unter den Erwachsenen 186 Krebstodesfälle geben müssen. Nach dem im Strahlenschutz angewandten LNT-Modell hätte es durch Strahlung weitere 56 Krebstodesfälle geben müssen. Bisher wurden tatsächlich aber nur 5 Krebstodesfälle beobachtet." Anscheinend wurden die Bewohner dort durch die Strahlung sogar vor Krebs geschützt!
Buggybear 01.03.2018
3. Vielen Dank
Für diesen unvoreingenommenen und detaillierten Artikel.
herm16 01.03.2018
4. ich weiß
nicht ob es sich lohnt weiter zu leben. Zuviel Feinstaub, Strahlung, Tod durch Kälte, siechen durch Essen, . Geb ich mir die Kugel, zuviel Eisen. Aber wir haben ja die Umweltorganisationen, Leute die uns sagen wie richtiges Leben geht, nur die Leben aber auch anders
geotie 01.03.2018
5.
Zitat von herm16nicht ob es sich lohnt weiter zu leben. Zuviel Feinstaub, Strahlung, Tod durch Kälte, siechen durch Essen, . Geb ich mir die Kugel, zuviel Eisen. Aber wir haben ja die Umweltorganisationen, Leute die uns sagen wie richtiges Leben geht, nur die Leben aber auch anders
Und nachher kommt man an und beschwert sich, dass niemand einen darauf hingewiesen hat. Dsa Leben ist halt lebensgefährlich, aber wer sich schützen will, hat wenigstens die Möglichkeit einen Umzug in eines der radioaktiv verseuchten Gebiete auszuschlagen, auf gute Ernährung zu achten oder auch nicht oder sich eine Kugel ohne Eisen zu laden.
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