Fusionsreaktor "Iter" angeblich vor Kostenexplosion

Es ist eines der teuersten Forschungsprojekte der Welt - und soll nun noch teurer werden: Die Kosten des experimentellen Fusionsreaktors "Iter" werden einem Medienbericht zufolge drastisch steigen. Die Rede ist von bis zu 1,6 Milliarden Euro.


Paris/London - Sie ist nicht nur der Traum zahlreicher Atomwissenschaftler, sondern inzwischen der eines Großteils der Menschheit: Die Stromgewinnung aus der Kernfusion. Wäre man in der Lage, das Fusionsfeuer der Sonne auch auf Erden zu entfachen, wären die meisten Energieprobleme auf einen Schlag gelöst.

"Iter"-Innenleben: Der Fusionsreaktor soll teurer werden als geplant
FZ Jülich

"Iter"-Innenleben: Der Fusionsreaktor soll teurer werden als geplant

Der experimentelle Reaktor "Iter" soll einen möglichen Weg in eine solche Zukunft weisen. Doch die Kosten für das von der EU, Japan, Russland, China, Südkorea, Indien und den USA finanzierte Projekt drohen zu explodieren, wie der Online-Dienst des britischen Fachmagazins "Nature" berichtet.

Das rund fünf Milliarden Euro schwere Budget für den Reaktor, der im südfranzösischen Cadarache entstehen soll, wird demzufolge um 1,2 bis 1,6 Milliarden Euro überzogen. Auch das bereits auf 2016 hinausgeschobene Datum für die Fertigstellung werde um ein bis drei Jahre überschritten. Ein "Iter"-Sprecher wollte den Artikel am Mittwoch nicht kommentieren und verwies auf ein Treffen kommende Woche in Japan, wo den Partnern ein Bericht vorgelegt werde.

Kernfusion - die Energiequelle der Zukunft?
Physik
REUTERS/NASA
Unter Kernfusion versteht man die Verschmelzung zweier Atomkerne zu einem schweren Kern. Abhängig von der Art der Elemente werden bei diesem Prozess ungeheure Mengen an Energie frei - zu besichtigen etwa bei der Sonne. Im Innern von Sternen herrscht derart großer Druck und eine entsprechend hohe Temperatur, dass Wasserstoffkerne zu Heliumkernen verschmelzen. Die praktische Nutzung des Effekts zur Energiegewinnung auf der Erde ist schwierig - wegen der immens hohen Temperaturen des Plasmas.
Militärische Nutzung
AP
Die einzige Nutzung der Kernfusion, die Menschen bisher zustande gebracht haben, ist die militärische: Nur in Wasserstoffbomben konnten Atomkerne im größeren Maßstab zur Fusion gebracht werden. Ihre Wirkung ist bei weitem stärker als die von Kernspaltungsbomben wie der Hiroshima- oder der Nagasaki-Bombe. Der größte jemals gezündete Nuklearsprengsatz war die russische "Zar"-Wasserstoffbombe. Mit einer geschätzten Sprengkraft von 50 bis 60 Megatonnen TNT war sie fast 4000-mal stärker als die Hiroshima-Bombe, deren Sprengkraft bei 13 bis 15 Kilotonnen TNT lag.
Nutzung als Energiequelle
DER SPIEGEL
Die Nutzung der Kernfusion als Energiequelle gilt als technisch äußerst ehrgeizig. Viele Experten bezweifeln gar, dass sie jemals möglich sein wird. Am aussichtsreichsten gilt die Fusion auf Basis des schweren Wasserstoff-Isotops Deuterium: Verschmelzen Deuterium- zu Helium-Kernen, wird dabei relativ zur eingesetzten Masse mehrere Millionen Mal mehr Energie frei als bei der Verbrennung fossiler Stoffe. Allerdings muss das Deuteriumgas dafür extrem verdichtet und auf rund 100 Millionen Grad Celsius erhitzt werden - was einen enormen Energieeinsatz voraussetzt. Ein weiteres Problem ist, das heiße Gas an Ort und Stelle zu halten. Forscher erhoffen sich dies von elektrischen und magnetischen Feldern.

Sollten diese Hürden eines Tages genommen werden, sind die Verheißungen groß: Fusionskraftwerke wären Studien zufolge weit weniger gefährlich als die bisherigen auf Kernspaltung basierenden Kraftwerke und würden kaum strahlende Abfälle verursachen.

Grund für die höheren Kosten und den verzögerten Zeitrahmen seien "wichtige Änderungen am Design" sowie "die Koordinierung der Partnerländer", schreibt "Nature". So müsse unter anderem das Gebäude erdbebensicher gemacht werden. Zudem erhöhten China und Indien, die sich erst später angeschlossen hatten, die Kosten.

Im Inneren von "Iter" (kurz für International Thermonuclear Experimental Reactor) sollen Wasserstoff-Atomkerne verschmolzen werden. Der Reaktor wird laut den bisherigen Planungen rund 20 Jahre laufen. Eine kommerzielle Stromgewinnung aus Fusionsreaktoren wird aber frühestens in einem halben Jahrhundert erwartet.

mbe/dpa



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