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Fußball-Netzwerkforschung: So spielen Champions

Sind Südeuropäer tatsächlich Ballzauberer? Netzwerkforscher haben die Leistung von Teams mit Rechenmodellen hinterfragt - und zwei erstaunliche Dinge herausgefunden. Fußballexperten liegen oft richtig. Und Spaniens EM-Sieg war einfach logisch.

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Leistung von Kickern: Bemessung nach Knotenpunkten
Teamwork ist für viele menschliche Aktivitäten fundamental. Derzeit erlebt es die ganze Welt: bei der Fußball-WM.

Doch kann man gute Teamplayer und Mannschaften auch rein wissenschaftlich bewerten? Forscher um Luís Nunes Amaral von der Northwestern University in Evanston, Illinois, haben sich an eine Antwort auf diese Frage gemacht. Und jetzt mit mathematischen Modellen demonstriert, dass es funktioniert. Im Fachmagazin "PloS One" schreiben sie, sie könnten nicht nur die Leistung ganzer Mannschaften ermitteln - sondern auch feststellen, welcher Fußballspieler Starqualitäten hat und welcher nicht.

Die Milliarden Fußballexperten auf dem Sofa glauben zwar, die Leistung der Spieler relativ gut beurteilen zu können. Objektivität erreichen sie dabei aber nicht, zumindest nicht zu 100 Prozent. Die Forscher wollen jetzt jegliche Emotionalität bei der Spielanalyse ausschalten. Dafür haben sie ein Auswertungssystem entwickelt, das eine möglichst neutrale Bewertung von Mannschaften und einzelnen Spielern ermöglichen soll.

Die Methode der Forscher beruht auf Daten der Europameisterschaft 2008. Das Grundprinzip: Die Spieler werden als Knotenpunkte innerhalb eines Netzwerks betrachtet. Die Gesamtleistung der Mannschaft ist umso besser, je mehr Verknüpfungen sie zwischen diesen Knotenpunkten herstellt, je mehr Spieler also in die Spielzüge einbezogen werden und den Ball weitergeben. Einzelne Spieler werden hingegen daran gemessen, wie häufig sie während eines Spielzugs oder eines Sturms aufs Tor Ballkontakt haben.

Genauso gut wie die Realität

Mit dieser mathematischen Methode rekonstruierten die Forscher die Leistung der Mannschaften und Spieler bei der Fußball-EM 2008. Dabei kamen sie zu einer Einschätzung, die - wer hätte es gedacht ? - ziemlich genau dem Resultat der Europameisterschaft entsprach.

Der Rechner spuckte aus: Spanien hat während der gesamten EM 2008 die beste Figur gemacht. Es sei aus mathematischer Sicht nicht weiter überraschend, dass die Mannschaft den EM-Titel geholt habe.

Bei der Suche nach den besten Einzelspielern der EM kamen die Forscher auf eine 20-köpfige Liste. Auf Platz eins: Xavi Hernández - er wurde auch zum MVP ("Most Valuable Player") der EM gekürt.

Im Endeffekt habe die Rangliste, die das System errechnete, ziemlich genau mit jener übereingestimmt, die von verschiedenen Experten nach der Europameisterschaft erstellt worden war, berichtet Amaral.

Das heißt: Die Einschätzung durch eine Gruppe von Trainern, Sportreportern und anderen Spezialisten war auch ziemlich objektiv. Außerdem sei umgekehrt durch die Übereinstimmungen bewiesen, dass das Programm ziemlich gut funktioniere, sagt Amaral. Er und seine Kollegen sind sich sicher, ihre Methode auch auf andere Gebiete anwenden zu können. Zum Beispiel könnte so die Teamleistung einzelner Unternehmensmitarbeiter evaluiert werden.

Nur eines wurde nicht erfasst - wenn der Zufall die Schlechten belohnt

Vor kurzem hatten Netzwerkforscher nach einem ähnlichen Prinzip schon gesellschaftliche Beziehungen untersucht und als Ergebnis festgestellt: Wer viele soziale Kontakte hat, ist reicher. Im Kern wurde nun versucht, das Gleiche mit Fußball und Team- oder Starqualitäten zu untersuchen.

Das wesentliche Problem ist dabei im Übrigen, dass mathematische Modelle zwar vollkommen objektiv sind, gerade beim Fußball aber sehr schwierig zu entwickeln. Unter anderem, weil es für die meisten Spieler am Ende eines Spiels nur wenige statistisch verwertbare Daten gibt. Die Forscher um Amaral nutzten für ihr Modell deshalb einen neuen Ansatz: Sie verwendeten ein theoretisch-mathematisches Prinzip, mit dem auch die Struktur sozialer Netzwerke analysiert wird (zum Beispiel um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten vorherzusagen). Mit diesem System erfassten sie die Leistung aller Spieler der EM. Dazu erstellten sie ein Netzwerk, dessen einzelne Knotenpunkte aus den Spielern bestanden. Das Torgehäuse wurde als Fixpunkt des gesamten Spiels ebenfalls in die Messungen einbezogen, ebenso wie der Torschuss als Ziel eines jeden Spielzugs. Die Pässe und Flanken, die sich die Fußballer zuspielten, bildeten die Verbindungen zu den einzelnen Elementen des Netzwerks. Auf diese Weise konnten die Forscher sowohl den Ballfluss als auch die Rolle der einzelnen Spieler bei Spielzügen berechnen.

Nur eines haben die Forscher in ihrem Modell nicht bedacht - dass am Ende nur ein Sieg zählt. Und den erzielt nicht immer die bessere Mannschaft.

cib/ddp

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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1. Erstaunlich?
Janu, 17.06.2010
Zitat von sysopSind Südeuropäer tatsächlich Ballzauberer? Netzwerkforscher haben die Leistung von Teams mit Rechenmodellen hinterfragt - und zwei erstaunliche Dinge herausgefunden. Fußballexperten liegen oft richtig. Und Spaniens EM-Sieg war einfach logisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,701239,00.html
Erstaunlich? Nach dem gleichen Prinzip bewerten auch Internet-Suchmaschinen die Bedeutung und das Ranking einzelner WebSeiten. Allerdings werden dadurch nicht die Besten, oder die Ersten, die ein Thema aufbringen, zu den 'Stars' - sondern diejenigen Seiten, die sich am meisten um Querverbindungen kümmern. Ähnliches gilt für den Fussball: ein solches Modell kann zwar eine Abbildung, nicht jedoch eine theoretische Begründung für den Erfolg oder das Können eines einzelnen Spielers schaffen. Interessanter sind denkbare Übertragungen auf die Gesellschaft: demnach gewänne die Volkswirtschaft, die am besten verknüpft, arbeitsteilig und breit integrierend wirkt, und das scheint auch kompatibel mit der Wirklichkeit zu sein. Schön, ein Grund mehr, die Gesellschaft nicht auseinanderreissen zu lassen ...
2. Ziemlicher Unsinn
wslm? 17.06.2010
Zitat von sysopSind Südeuropäer tatsächlich Ballzauberer? Netzwerkforscher haben die Leistung von Teams mit Rechenmodellen hinterfragt - und zwei erstaunliche Dinge herausgefunden. Fußballexperten liegen oft richtig. Und Spaniens EM-Sieg war einfach logisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,701239,00.html
Die ganze Untersuchung ist doch vollkommen unsinnig und wird der Variationsbreite des Fußballs überhaupt nicht gerecht. Wenn man die Annahme trifft, das Team sei das beste, welches die meisten Pässe spielt und möglichst viele Spieler in einen Angriff einbezieht, ist es auch ohne Rechnen klar, dass Spanien an erster Stelle landen wird. Da trifft es sich dann ja, dass Spanien zufällig die EM 2008 gewonnen hat, womit wir bewiesen hätten, dass das Modell zur Ermittlung der stärksten Mannschaft und der stärksten Spieler tauglich ist. Oder vielleicht doch nicht? Könnte es auch sein, dass Spaniens Erfolgt ein singulärer war und die zukünftig erfolgreichen Mannschaften einen ganz anderen Stil ohne endloses Herumpassen spielen werden? Bspw. so wie Inter Mailand in der CL, die den anderen Teams gerne den Ball überlassen und bei eigenem Ballbesitz dann schön schnell gekontert haben ohne viele Pässe. Ich bin sicher, dass das im Artikel vorgestellte Modell für Inter relativ schlechte Werte ermitteln würde. Wenn man sich das erste Spiel der Spanier bei der WM angesehen hat, ist auch fraglich, ob ihnen ihr System wieder Erfolg bringen wird. Ganz abgesehen davon, dass es mit der Berechnung ohnehin schwierig ist, weil im Fußball eben auch viel vom Zufall abhängt. Ich muss sagen, der Artikel ist sehr undifferenziert geschrieben und wirkt so, als werde einfach eine krude Pressemitteilung dieser "Wissenschaftler" (die man eigentlich gar nicht so bezeichnen kann) wiedergegeben.
3. 90 Minuten
Reallyburger 17.06.2010
Also was sie nicht bedacht haben ist, ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnt DEUTSCHLAND! Serbien wichsen wir 2:0 weg! Und dann kommenhoffentlich die Italiener! Viel Spaß morgen
4. Fußball-Netzwerkforschung
emce 17.06.2010
Aha !!!!!!!!!! Man hat also mit Hilfe der Vergangenheitsdaten herausgefunden, dass die siegreiche Mannschaft in 2008 gewonnen hat. - Wer schlägt die Forscher nun für den Fussball-Nobelpreis vor? - Wer erklärt den Geldgebern des Forschungsinstituts, wie hervorragend die angelegten Finanzmittel verwendet wurden? - Wer erzählt - außer SPON - den Zuschauern von 2008, dass ihre unwissenschaftlichen Beobachtungen der Spielergebnisse jetzt auch wissenschaftlich begründet werden können? Nochmal: Man hat also mit Hilfe der Vergangenheitsdaten herausgefunden, dass die siegreiche Mannschaft in 2008 gewonnen hat. Welch großer Sieg der Wissenschaft !!! Weiter so !!!
5. Entzückend
Achim 17.06.2010
Wenn ich die Studie richtig verstehe, dann macht es für die Grafik keinen Unterschied, ob ein Team den Gegner schwindelig spielt oder ob sich die Spieler den Ball gegenseitig zupassen, weil sie keine Lücke in der Abwehr entdecken. Dem ganzen Ansatz fehlt das entscheidende Detail: Das Runde muss ins Eckige.
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