Fußball und Globalisierung Ein Symbol namens Witsel

In einem Punkt haben sowohl Linke als auch Rechte ein Problem mit der Fußball-WM: Sie ist ihnen allzu global. Den einen, was das Business angeht - den anderen, was die Spieler betrifft. Beide liegen falsch.

Axel Witsel
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Axel Witsel

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Schon vor vielen Monaten habe ich an dieser Stelle einmal offen zugegeben, dass ich keine Ahnung von Fußball habe. Daran hat sich bis heute nichts geändert, ebenso wenig wie an dem zweiten, damals verheimlichten Aspekt meiner Beziehung zu diesem Sport: Ich bin das Schlimmste, was sich ein echter Fußballfan vorstellen kann, nämlich ein sogenannter Eventfan. Nicht in dem Sinne, dass ich jetzt weinend zu Hause sitze, weil die deutsche Nationalmannschaft schon wohlverdient ausgeschieden ist. Sondern in dem Sinne, dass ich Fußball-Großevents sehr schätze.

Ich sehe in diesen Tagen mehr vollständige Partien als sonst in einem ganzen Jahr. Das ist schon seit Jahrzehnten so: Wenn Weltmeisterschaft ist, sehe ich mir alles an, was ich irgendwie in meinen Alltag integrieren kann. Vier Wochen Fußballinteresse und danach ist wieder Zeit für Wichtigeres. Und sei es nur wegen der charmanten Skurrilität mancher Begegnungen. Island gegen Argentinien! Senegal gegen Polen!

Emotional flexibel bleiben

Bei Belgien gegen Japan war ich, obwohl überzeugter Europäer, für Japan. Irgendwie fand ich diese so gut wie nie foulenden Spieler, im Schnitt einen Kopf kleiner als die Gegner, auf fast anrührende Weise sympathisch. Ich habe auch nicht geweint, als Belgien dann doch noch gewonnen hat, das ist das schöne am Eventfantum: Man bleibt emotional flexibel und kann sich dann im Zweifel eben auch über ein Tor in der 94. Minute freuen, das den Underdog aus dem Turnier kegelt, wenn es schön herausgespielt ist.

Emotional flexibel, auch das ist natürlich etwas, das echte Fußballfans im Zweifel auf die Palme bringt, aber das ist ihr Problem, nicht meins.

Der schöne Nationalismus, verdorben von Migranten

Ich habe in den letzten Wochen intensive Diskussionen unter meinen Studierenden über die WM miterlebt. Emotional ist das Thema Fußball ja für fast alle, auch für diejenigen, die solche Turniere ablehnen.

Eher links einsortierte Menschen sehen eine WM gleich in mehrfacher Hinsicht als rotes Tuch: Kommerz, Nationalismus, obszöner Reichtum, Homophobie und so weiter. Gazprom-Bandenwerbung, Schmiergeld und schmierige Geschäftemacher in den VIP-Logen, sozial-medialer Sexismus gegen Fußballkommentatorinnen. Die WM ist aus dieser Perspektive gewissermaßen das weltgrößte Schaufenster für die unheilige Allianz von globalem Kapitalismus, Patriarchat und mundgerecht serviertem Nationalismus. Ein vierwöchiger Albtraum.

Für richtige Rechte ist es eher ein Albtraum, dass in einer deutschen Nationalmannschaft auch Spieler mit Namen wie Özil, Gündogan oder Boateng auflaufen dürfen, und auch von dieser Sorte hat man in den vergangenen Wochen ja unangenehm viel zu hören bekommen. Da wird einem der schöne Nationalismus doch glatt von diesen Migrantenkindern verdorben, Unverschämtheit.

Ein Hoffnungssymbol namens Witsel

Meine Lieblingsfigur bei dieser WM ist der belgische Mittelfeldspieler Axel Witsel. Nicht, weil er so gut gespielt hat, sondern wegen seiner wundersamen Biografie. Axel Thomas Witsel hat dunkle Haut, blaue Augen, einen Afro und eben diesen wundervollen Namen. Seine Mutter ist Belgierin, sein Vater ein schwarzer Franzose mit Vorfahren von der Karibikinsel Martinique. Er hat für Standard Lüttich gespielt, für Benfica Lissabon und dann für Zenit St. Petersburg. Sein aktueller Verein ist Tianjin Quanjian. Das ist der Klub einer Stadt, die man einen südöstlichen Vorort von Peking nennen könnte, wenn sie nicht selbst mehr als 14 Millionen Einwohner hätte.

Eine globalisiertere Lebensgeschichte als die von Witsel kann man sich kaum vorstellen. Er wäre eine ideale Galionsfigur für die guten, die erstrebenswerten Seiten der Globalisierung.

Einmal, weil es im Fußball eben völlig normal ist, dass es Belgier, Deutsche, Franzosen oder Brasilianer mit sehr unterschiedlichen Hautfarben gibt. Natürlich gibt es Rassismus unter Fußballfans, aber dem internationalen Transfermarkt ist das heutzutage egal. Er interessiert sich nur für Talent, Fleiß und Disziplin.

Im Kalten Krieg hätte es das nicht gegeben

Mehr noch: Eine so globalisierte Biografie wie die von Witsel wäre vor 50 oder 60 Jahren noch undenkbar gewesen. Die Tatsache, dass ein Belgier mit Afro und blauen Augen heute nacheinander bei einem russischen und einem chinesischen Fußballklub als Profi tätig sein kann, ist ein direkte Folge der Globalisierung. Diese positiven Auswirkungen verliert man leicht aus dem Blick, weil man sie schon als selbstverständlich eingepreist hat, das sind sie aber keineswegs. Ohne den jahrzehntelangen Frieden, den wir nicht zuletzt dank einer immer stärker zusammenwachsenden globalen Wirtschaft genießen, gäbe es keine Spielertransfers von Lissabon nach St. Petersburg und Tianjin.

Natürlich gibt es weiterhin allen Grund, sich über Kommerz und Korruption im internationalen Fußball-Business aufzuregen, natürlich versuchen Politiker wie Wladimir Putin oder die Herrscher von Katar, den Sport für ihre Zwecke zu missbrauchen, natürlich wird es Zeit, dass schwule Fußballer auch auf dem Platz schwule Fußballer sein dürfen und nicht erst nach Karriereende im Fernsehstudio. Und natürlich braucht der globale Kapitalismus selbst dringend und schnell ein wesentlich effektiveres, ebenso global wirkmächtiges Gegengewicht.

Es gibt keine nationalen Lösungen für globale Probleme

Aber Länder, deren Mannschaften auf dem Platz gegeneinander antreten, führen in der Regel keine Kriege gegeneinander. Und, auch das ist interessant: Diktaturen bringen eher keine Weltklasseteams hervor. Spitzenfußball und Unterdrückung sind offenbar nicht kompatibel. Das Wichtigste aber ist: Wir haben nun einmal globale Probleme zu lösen, allen voran das des menschengemachten Klimawandels. Das wird ohne globale Kooperation nicht zu schaffen sein.

Die neuen Nationalisten überall in der Welt, all die Erdogans, Trumps, Órbans und Le Pens, negieren diesen Fortschritt, wenn sie auf "die Globalisten" schimpfen, so wie das auch Alexander Gauland gerne tut.

Was Gauland über einen wie Witsel sagen würde, wissen wir ja: dass die Leute hierzulande so jemanden nicht zum Nachbarn wollen würden nämlich. Das ist selbstverständlich Unsinn, und genau das zeigt so eine WM eben sehr schön: Wir sind längst alle Nachbarn.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
hajrudin 08.07.2018
1. Sehr schön geschrieben. Eines übersieht der Autor : .
Problematisch sind nicht, die klar Rechten unter den Fans. Was man kennt, damit lässt sich umgehen. Schwierig sind die jenen, die Özil und Co. solange akzeptieren, solange sie angepasst sind. Was wäre los gewesen, wenn Özil einfach nur mal gefragt hätte, wer aus dem motzenden Volk weiß, wie es ist in zwei Welten aufgewachsen zu sein? Ich bekomme Angst. ...
jochenhofmann68 08.07.2018
2. Quatsch
Es muss das Leistungsprinzip herrschen und nichts anderes und darum ist auch Deutschland Gruppen-Letzter geworden.
spon_4_me 08.07.2018
3. Keine Sorge, Herr Stöcker,
Sie müssen nichts von Astrophysik verstehen und können sich dennoch am Nachthimmel freuen. Zwei Ihrer Aussagen würde ich aber hinterfragen. Erstens, Diktaturen bringen keine erfolgreichen Teams hervor. Italien wurde 1934 und 1938 unter Mussolini Weltmeister, Argentinien 1978, als die Generäle herrschten, Russland in Sowjetzeiten, Spanien unter Franco Europameister. Brasilien oder Uruguay, Ungarn und des Tschecheslowakei waren in den 50ern und 60ern sagen wir mal ein gutes Stück von Demokratie entfernt. Was aber zu stimmen scheint, ist, dass Fussballerfolg nicht planbar ist, jedenfalls nicht so wie Diktaturen Erfolg im Rudern, Turnen oder Kugelstoßen planen, auswählen und austrainieren konnten und können. Deshalb entzieht er sich in gewisser Weise dem kontrollierenden Zugriff der Herrschenden. Zweitens, der hochgradig globalisierte Fussball zeigt uns irgendwie den Weg zu Kooperation und Nachbarschaft. Dass ist in etwa so wie zu glauben, die Herkunft der Gladiatoren aus allen Provinzen des alten Roms hätte die Pax Romana abgesichert. Gerade im lokalen Jugendbereich erleben Sie beim Fussball Beispiele wunderbarer Integration und Kameradschaft ebenso wie Beispiele scheußlicher Ausgrenzung und Feindseligkeit. Wenn Herr Witzel et.al. für meinen Verein spielt, ist er ein Held und ich farbenblind; wenn er für den Gegner spielt, ist er ein... ich will die Vokabeln hier nicht schreiben. Fussball ist ein Spiegel der Geselkschaft: Glücklicherweise. Leider.
moritz27 08.07.2018
4. Profifußballer ist ein Beruf.
Da geht man wegen des Geldes auch an die entferntesten Ecken der Welt, um ihn auszuüben. Jedes deutsche Kind - und ich gehe davon aus, dass dies in anderen Ländern genaus ist - hat als kleiner Fußballer den Traum Nationalspieler zu werden. An Geld denkt man in diesem Alter noch nicht. Aber Menschen mit Mehrfachstaatsbürgerschaft grübeln dann noch zusätzlich darüber, für welches Land soll ich denn spielen? Und dann weicht das Herz zurück und der Verstand meldet sich: Na klar, du spielst für das Land, dass dir internationale Turnierteilnahmen ermöglicht, du vor Millionen Fernsehzuschauern spielst und dadurch deinen Marktwert und dein Einkommen steigern kannst. Das ist alles ganz menschlich. Warum wird ein Fritz Walter, ein Max Morlock oder ein Uwe Seeler heute noch von Fans verehrt, die sie niemals kannten? Die waren stolz für "ihren" Verein und für "ihr" Land spielen zu dürfen. Heute ist ein Länderspiel eine lästige Ergänzung zur Gehaltsoptimierung geworden.
im_ernst_56 08.07.2018
5. Kleiner Hinweis
Der Berufsfussball ist auch jenseits der WM kapitalistisch und global organisiert. Deswegen finde ich es immer bemerkenswert, wenn Menschen, die sich selbst als sehr links verorten und gegen Kapitalismus und Globalisierung sind, sich als glühender Fan eines Bundesligavereins outen, so als ob nur ihr Verein nicht Teil dieses Systems ist.
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