Fußball und Physik: Wann ist das Leder im Tor?

Das Ding muss über die Linie - das weiß jeder. Die Entscheidung, Tor oder kein Tor, ist jedoch schwieriger als gedacht. Der Dortmunder Physiker Metin Tolan erklärt, warum sich selbst erfahrene Schiedsrichter täuschen können.

Knappe Sache: Der Ball muss hinter die Linie Fotos
Firo

Häufig erleben wir im Fußball umstrittene Torentscheidungen. War der Ball wirklich hinter der Linie? Das umstrittenste Tor der Fußballgeschichte ist wohl im WM-Finale 1966 gefallen und unter dem Namen "Wembley-Tor" in die Annalen eingegangen. Zinédine Zidane hat für Frankreich den ersten Elfmeter im Spiel lässig gegen die Unterkante der Latte gelupft. Von dort sprang er auf den Boden, wieder gegen die Latte und dann aus dem Tor heraus. Doch war dieser Ball wirklich im Tor? Im Elfmeterschießen hat David Trezeguet dann den entscheidenden Strafstoß gegen die Unterkante der Latte gehämmert. Der Ball sprang fast senkrecht nach unten auf den Rasen und von dort aus dem Tor heraus. War dieser Ball auch im Tor? Wir werden sehen, dass diese Fragen eigentlich nicht zu beantworten sind.

Die Regel 10 der offiziellen Fußballregeln, die der DFB im Jahr 2008 veröffentlicht hat, besagt: "Ein Tor ist gültig erzielt, wenn der Ball die Torlinie zwischen den Torpfosten und unterhalb der Querlatte in vollem Umfang überquert, ohne dass ein vorgängiges Vergehen des Teams vorliegt, das den Treffer erzielt hat." Diese Regel hört sich recht einfach an, besagt sie doch nur, dass sich ein Fußball von 22 Zentimeter Durchmesser um mehr als seinen Radius von 11 Zentimetern hinter der Torlinie befinden muss.

Ein klares Tor?

Da die Linie mit zum Spielfeld gehört, ist ein Ball also selbst dann nicht im Tor, wenn sich sein Mittelpunkt zwar vollständig, aber noch nicht mehr als 11 Zentimeter hinter der Torlinie befindet. Physikalisch könnte man es auch so ausdrücken: Nur wenn das letzte Atom des Balls hinter dem letzten Atom der Linie ist - erst dann ist er im Tor! Selbst diese einfache Regel kann recht kompliziert werden, wie das folgende Beispiel aus der Bundesliga Saison 2008/09 zeigt.

Im Spiel des VfL Bochum gegen den VfB Stuttgart kam es am 26. Spieltag zu obiger Szene (siehe Fotostrecke). Schiedsrichter Fleischer entschied, dass der Bochumer Spieler Joël Epalle ein Tor erzielte, weil der Stuttgarter Keeper Jens Lehmann einen peinlichen Fehler beging und den Ball offensichtlich erst hinter der Linie zu fassen bekam. Alle waren sich einig, dass es sich um ein klares Tor handelte. Der Spieler Epalle ohnehin, der Torhüter Jens Lehmann protestierte nicht, und die Reporter diverser Sportsendungen sprachen von einem "klaren Tor". Die "Frankfurter Rundschau" schrieb sogar: "Hoppla: Jens Lehmann liegt mit Ball hinter der Linie." Die Lage ist ja auch eindeutig. Schließlich sieht man zwischen der Torlinie und dem Ball noch ein klitzekleines Stückchen des Rasens durchschimmern. Deswegen muss der Ball doch klar hinter der Linie liegen, oder?

Die Lage sieht anders aus, wenn wir uns an die obige Regel 10 erinnern. Wenn wir bedenken, dass ein Fifa-Fußball einen Durchmesser von 22 Zentimetern hat, kann ein Ball also satte 11 Zentimeter hinter der Linie liegen und trotzdem noch nicht im Tor sein. Ein "klein wenig Ball" befindet sich dann noch in der Luft auf der Höhe der Linie, und das macht eben den Unterschied zwischen "Tor" und "kein Tor" aus. Bei einem kurz gemähten Rasen ist es nun durchaus möglich, dass man dann zwischen dem Ball und der Linie noch etwas von dem Grün sieht, obwohl der Ball noch nicht im Tor ist. Die Szene aus dem Spiel des VfL Bochum gegen den VfB Stuttgart ist also doch nicht so eindeutig, wie zuerst vermutet. Auf ein klares Tor kann man jedenfalls aus den Fernsehbildern nicht schließen!

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Fußball international
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Buchtipp

Metin Tolan:
"So werden wir Weltmeister"
Die Physik des Fußballspiels.

Piper Verlag; 367 Seiten; 16,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Zur Person
Metin Tolan, 1965 in Oldenburg geboren, lehrt Experimentalphysik an der Technischen Universität Dortmund. Er ist manchmal BVB-, bisweilen VfB-, aber immer Fußball-Fan. Seit Jahren macht sich Tolan einen Namen als Deutschlands verwegenster Physik-Erklärer. Von ihm stammt auch das Buch "Geschüttelt, nicht gerührt" über die Physik in James-Bond-Filmen.