Fußball-WM 2006: Elfmeter-Krimi gegen Argentinien sorgte für mehr Herzinfarkte

Von

Wenn das deutsche Team bei der Fußball-WM 2006 spielte, gab es deutlich mehr Herzinfarkte als sonst. Für besonders viele sorgte das Elfmeterschießen gegen Argentinien und das Halbfinale gegen Italien, berichten Münchner Mediziner. Das Spiel um Platz 3 war weniger gefährlich.

Keine Frage - sie war aufregend, die Fußballweltmeisterschaft 2006. Für manchen Zuschauer war die Aufregung aber so groß, dass er mit einem Herzinfarkt oder Rhythmusstörungen beim Notarzt landete. Mediziner von der Universitätsklinik München haben jetzt festgestellt, dass während der Spiele der deutschen Mannschaft die Zahl der notärztlich behandelten Herzattacken um das 2,7-fache angestiegen sind.

Die meisten Einsätze hatten die Ärzte am Tag des Spiels gegen Argentinien, das die Klinsmann-Truppe erst nach dem Elfmeterschießen für sich entscheiden konnte. Auf Rang zwei in der Herzproblemstatistik folgt das Halbfinale gegen Italien, das für die Deutschen in der Verlängerung verloren ging. Das Spiel um Platz 3 gegen Portugal brachte die Herzen der Zuschauer jedoch nicht messbar aus dem Tritt: Die Zahl der Einsätze bewegte sich auf normalem Niveau.

Herzinfarktraten während der WM: 1: Deutschland - Costa Rica, 2: Deutschland - Polen, 3: Deutschland - Ecuador, 4: Deutschland - Schweden, 5: Deutschland - Argentinien, 6: Deutschland - Italien, 7: Deutschland - Portugal (Spiel um Platz 3), 8: Italien - Frankreich (Finale)
NEJM Media Center

Herzinfarktraten während der WM: 1: Deutschland - Costa Rica, 2: Deutschland - Polen, 3: Deutschland - Ecuador, 4: Deutschland - Schweden, 5: Deutschland - Argentinien, 6: Deutschland - Italien, 7: Deutschland - Portugal (Spiel um Platz 3), 8: Italien - Frankreich (Finale)

Die nun vorliegenden Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Rhythmusstörungen zu, berichten die Gerhard Steinbeck und seine Kollegen im "New England Journal of Medicine" (Bd. 358, S. 475). Die lange diskutierte Rolle von emotionalem Stress als Auslöser von Herzinfarkten sei nun statistisch bewiesen.

Die Mediziner hatten Protokolle von 24 Notarztstandorten aus München und Umgebung ausgewertet und mit Daten aus den Jahren 2003 und 2005 verglichen. Für die Studie erfasst wurden nur deutsche Patienten, die wegen eines kardiologischen Notfalls den Notarzt gerufen hatten und von diesem behandelt und in eine Klinik eingewiesen wurden. Insgesamt umfasst die Studie Daten von 4279 Patienten.

Vor allem Männer nahmen sich die Spiele der Deutschen zu Herzen: Während der Spieltage des Klinsmann-Teams waren 71 Prozent der Herzpatienten männlich, in den Vergleichsperioden 2003 und 2005 lag ihr Anteil hingegen nur bei knapp 57 Prozent.

Ähnliche Daten zu Erdbeben

Die Erkenntnisse der Münchner Mediziner überraschen Experten kaum. Stress sei zwar kein klassischer Risikofaktor wie Rauchen, gelte aber als "Risikofaktor zweiter Ordnung", sagte Claus Jünger, Statistik-Experte am Institut für Herzinfarktforschung Ludwigshafen, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir gehen davon aus, dass Stress ein Auslöser für Herzinfarkte ist." Auch Fußballspiele müssten als Stress gewertet werden.

Thomas Meinertz, Kardiologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und Vorstand der Deutschen Herzstiftung, zeigte sich ebenfalls wenig überrascht von den Erkenntnissen aus München: "Das hätte ich so erwartet." Starke psychische Bewegung erhöhe die Herzinfarktquote, sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es gebe ähnliche Daten zu Erdbeben, bei denen sich Infarkte häuften, obwohl die Betroffenen nicht verletzt seien. Neu an der Studie sei aber, dass auch extrem positive Ereignisse Leute so in Anspannung versetzen könnten, dass es "zu einer Explosion" komme.

Dass besondere Ereignisse die Herzinfarktquote beeinflussen, hatten Experten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie erst im Dezember berichtet. Die Zahl der Notfälle nimmt beispielsweise während der Weihnachtstage ab. "Das ist sozusagen ein Herzensgeschenk vom Christkind, ein Bonus der Natur", sagte Jochen Senges, Direktor des Ludwigshafener Instituts für Herzinfarktforschung. Die Untersuchung fußt auf Daten des Mitra-plus-Registers, dem größten europäischen Herzinfarktregister, das Informationen aus 398 Herzkliniken umfasst.

Zu Weihnachten sinkt Herzinfarktquote

In den Tagen vom 20. bis 22. Dezember liegt die Infarkthäufigkeit demnach bei 99 Prozent, ab dem 23. Dezember sinkt sie um ganze zehn Prozent. Dieser Befund kommt laut Senges "völlig unerwartet, weil andere Festtage wie zum Beispiel der eigene Geburtstag vor allem bei Männern mit einer deutlich höheren Infarktquote verbunden sind". Weihnachten habe offenbar einen positiven Effekt, erklärte Statistik-Experte Jünger. "Die Menschen kommen zur Besinnung, zur Ruhe, entspannen."

Bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft war dies offensichtlich nicht der Fall. Die Sanitäter in den WM-Stadien rückten während eines Spiels durchschnittlich hundert Mal aus, um Spielern oder Zuschauern zu helfen. Das waren nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes doppelt so viele Einsätze wie bei einem Bundesliga-Spiel. Herz-Kreislauf-Beschwerden kamen am häufigsten vor. Fünf Prozent der Patienten mussten ins Krankenhaus gebracht werden.

Besser nicht aufregen

Für Kardiologen wie Thomas Meinertz vom Hamburger UKE sind Herzprobleme im Stadion oder vor dem Fernseher geradezu programmiert: Durch den Stress werde das sympathische Nervensystem erheblich stimuliert, Blutdruck und Herzfrequenz stiegen. "Da unter den Zuschauern auch immer solche mit koronarer Herzkrankheit, also einer Erkrankung der Herzkranzgefäße, sind, kommt es zu mehr Infarkten." Meinertz glaubt nicht, dass ein Gesunder durch die Aufregung eines Fußballspiels einen Infarkt erleiden kann.

"Männer ab 40, Frauen ab 50 sollten sich untersuchen lassen, vor allem wenn bei ihnen Risikofaktoren wie Rauchen, fehlende Bewegung und ein gestörter Fettstoffwechsel vorliegen", empfiehlt der Mediziner. All diese Faktoren könnten dazu beitragen, dass sich eine Koronarkrankheit entwickle.

Und was können Betroffene tun? "Man sollte vermeiden, sich unkontrolliert in höchste Gefühlslagen zu versetzen", meint Meinertz. "Es wäre besser, mit einer gewissen Distanz heranzugehen. Fußball ist eben nur ein Spiel."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
WM-Dramen: Fußball, der ans Herz ging