Futuristischer Flügel: Fliegen wie Batman

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Ein kleiner Flügel, ursprünglich als Extremsport-Gerät gedacht, soll Elitesoldaten künftig wie Batman zum Einsatz rasen lassen. Internationale Militärs sind begeistert - und besorgt darüber, was der Gegner alles mit dem Gerät anstellen könnte.

Der Mann mit dem mattschwarzen Flügel auf dem Rücken wird vom Wind gezaust. Die Heckklappe des Flugzeugs steht weit offen, die Motoren brüllen im Duett mit dem Sturm, 4000 Meter tiefer bedeckt saftiges Gras sanft rollende Hügel. Dann springt der schwarze Mann von der Kante, wird von der Wucht des Winddrucks getroffen wie von einer Riesenfaust, wirbelt einige Male umher und pendelt sich in eine stabile Lage ein. Binnen Sekunden ist er aus dem Blickfeld verschwunden. Unter seinem Flügel rast er mit rund 200 Stundenkilometern davon.

Die Szene stammt weder aus einem Comic noch aus einem Actionfilm, und gesprungen ist weder Batman noch James Bond - auch wenn der Flügel bereits für einen 007-Film vorgesehen war. Unter dem Fluggerät hing Erich Jelitko, Ex-Fallschirmjäger und Mitglied des Teams, das ein neuartiges Flugsystem entwickelt. Das futuristische Ding ist eine Art Flugzeug mit Tragflächen, Leitwerken und Steuerungsmechanik - nur dass es kleiner ist als der Pilot.

Erste Berühmtheit erlangte der Flügel bereits vor drei Jahren: Im Sommer 2003 flog der Extremsportler Felix Baumgartner mit einem solchen Gerät über den Ärmelkanal bis nach England. Damals hieß der Flügel noch "Skyray" und war von seinem Entwickler Alban Geissler als Funsport-Gerät gedacht. Inzwischen hat Geissler den Flügel weiterentwickelt, nur mit dem Fun ist es vorbei: Der Flügel heißt nun "Gryphon", zu Deutsch "Greif", und wird für den Einsatz bei militärischen Spezialeinheiten optimiert. Das Spaßgerät ist zum Waffensystem geworden.

"Die militärische Version hat im Moment die größeren Erfolgsaussichten", sagt Geissler, 35, während er auf dem Sportflugplatz in Eisenach-Kindel in der Sonne hockt und zwei "Gryphons" für den Testflug vorbereitet. Er klingt wehmütig dabei.

Zwischen seinen beiden Kompagnons, dem Ex-Fallschirmjäger Erich Jelitko und Frank Carreras, wirkt Geissler zuweilen wie ein Junge, der sich beim Spielen im Keller verlaufen hat und plötzlich vorm väterlichen Waffenschrank steht. Daran ändert auch das martialische Outfit des Trios aus schwarzen Kappen, schwarzen Jacken und Flecktarnmuster-Hosen nichts. "Wenn du mit Spezialeinheiten im Jemen sprichst, kannst du halt nicht daherkommen wie ein Strauß Blumen", sagt Jelitko mit breitem Bajuwaren-Dialekt. "Da musst du paramilitärisch aussehen."

"Wie ein Mofa gegen ein Rennmotorrad"

Jelitko muss es wissen: Jahrelang war der Münchner Ausbilder bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr - einer verschworenen Elitetruppe mit ausgeprägtem, teils auch umstrittenem Traditionsbewusstsein. Inzwischen ist der 44-Jährige bei der Münchner Elektroniksystem- und Logistik-GmbH (ESG) zuständig für die Entwicklung von Fallschirmspringer-Ausrüstung - und seine alten Kontakte helfen ihm noch immer. "Unter den Fallschirmjägern kennt man sich", sagt Jelitko. So etwas hilft - besonders wenn man, wie die ESG, ein derzeit einzigartiges System wie den "Gryphon" entwickeln und anschließend gewinnbringend verkaufen will.

Bei dem futuristischen Fluggerät, das auch unter der deutschen Bezeichnung "Greif" geführt wird, handelt es sich um eine Art persönlichen Flügel. "Verglichen mit einem normalen Fallschirm fühlt er sich an, als ob man ein Mofa gegen ein Rennmotorrad austauscht", sagt Jelitko. Kopfüber rauscht der Pilot mit Tempo 220 dem Erdboden entgegen, die Arme am Körper, die Hände an Drehgriffen für das Leitwerk. Obwohl man mit dem Flügel viel schneller unterwegs ist als mit einem normalen Fallschirm, ist man bei Bedarf wesentlich länger in der Luft, weil es keine Phase des freien Falls gibt.

Um wieder sicheren Boden unter die Füße zu bekommen, öffnet man in beliebiger Höhe den Fallschirm, der im Innern des Rückenteils steckt. Der Flügel wird dann von dem rucksackähnlichen Gebilde abgetrennt und baumelt mitsamt dem darin verstauten Gepäck - derzeit beträgt das Fassungsvermögen 20 Kilogramm - an einer Leine einige Meter unter den Füßen des Springers zu Boden. "Der Flügel fliegt sich wie ein Flugzeug", schwärmt Jelitko. "Das ist ein absolutes Hochgefühl."

Schwieriges Flugverhalten

Zumindest solange das Gerät keinen Ärger macht. Die Beherrschung Flügels ist bislang selbst für Spezialisten wie Jelitko und Carreras eine Herausforderung. Auch beim Übungssprung über Eisenach wurde das deutlich. "Der Flügel liegt unruhig in der Luft", brummte Jelitko, kaum dass er wieder am Boden war. Auch der 38-jährige Carreras klagte über das Flugverhalten - und vollführte obendrein eine Bruchlandung: Beim harten Aufsetzen auf die Wiese ging der "Greif" zu Bruch.

"Wir müssen ihn noch so weit verfeinern, dass auch normale Nicht-Spezialisten mit ihm umgehen können", sagt Konstrukteur Geissler. Deshalb werde der Flügel in seiner fertigen Version eine Elektronik bekommen, die dem Piloten einen Teil der Steuerung abnimmt - wie es auch bei modernen Flugzeugen geschieht.

Die Prototypen, die Jelitko derzeit gemeinsam mit Carreras testet, verheißen den Militärs schon jetzt ungeahnte Möglichkeiten. Normalerweise geht ein Fallschirmjäger-Einsatz etwa so: Ein Flugzeug setzt die Soldaten im Schutz der Dunkelheit so nahe wie möglich am Zielgebiet ab, muss aber zugleich weit genug entfernt bleiben, um nicht vom gegnerischen Radar entdeckt zu werden. Je höher die Soldaten abgesetzt werden, desto weiter können sie ins Zielgebiet hineinschweben.

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