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G-8-Gipfel: Schwellenländer unterstützen Zwei-Grad-Klimaziel

Die Erderwärmung soll auf zwei Grad Celsius begrenzt werden. Zu diesem beim G-8-Gipfel beschlossenen Ziel haben sich nun auch Schwellenländer wie China und Indien bekannt. Offen ist, was das Ergebnis wert ist - denn Russland hat den Beschluss von L'Aquila schon wieder in Frage gestellt.

L'Aquila - Die führenden Industriestaaten und Russland (G8) haben aufstrebende Volkswirtschaften wie China und Indien für ein wichtiges Klimaschutzziel gewonnen. Das sagten Diplomaten am Donnerstag am Rande des G-8-Gipfels im italienischen L'Aquila. Die Einigung hatte sich bereits am Mittwoch angedeutet.

G-8-Gipfel in L'Aquila: Einigung über Zwei-Grad-Ziel, aber keine Verständigung über konkrete CO2-Reduktionen
REUTERS

G-8-Gipfel in L'Aquila: Einigung über Zwei-Grad-Ziel, aber keine Verständigung über konkrete CO2-Reduktionen

Die G-8-Staaten wollen, dass die Erderwärmung im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius begrenzt wird. "Die zwei Grad sind jetzt unsere gemeinsame Basis", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend. Dem Temperaturziel schließen sich nun auch die übrigen acht wichtigsten Volkswirtschaften der Erde an: China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika, außerdem Australien, Südkorea und Indonesien.

Allerdings ist die bloße Einigung auf das Zwei-Grad-Ziel aus Sicht von Umweltschützern und Wissenschaftlern nur ein erster Schritt. Die G-8-Länder bekamen von ihren Partnern lediglich die unverbindliche Zusage, im Dezember für ein ehrgeiziges neues Weltklimabkommen arbeiten zu wollen, wie Diplomaten sagten. Die G8 wollen in Kopenhagen durchsetzen, dass bis 2050 alle Nationen den Ausstoß gefährlicher Treibhausgase um die Hälfte verringern.

Zwei-Grad-Ziel lediglich ein erster Schritt

Ohne konkrete Vorgaben zur CO2-Reduktion könnte das Zwei-Grad-Ziel jedoch ein wertloses Lippenbekenntnis bleiben. Zumindest die G-8-Staaten haben sich in L'Aquila zur 50-Prozent-Minderung bis 2050 bekannt. Doch schon am Donnerstag übten die Russen die Rolle rückwärts: Sein Land sei nicht bereit, das Wirtschaftswachstum dem Klimaschutz zu opfern, sagte Arkadi Dworkowitsch, Wirtschaftsberater von Präsident Dmitrij Medwedew.

Unklar blieb in L'Aquila auch, welches Referenzjahr für die Halbierung gelten soll. Zudem fällt die Einigung hinter das im März 2007 beschlossene Ziel der EU zurück, den CO2-Ausstoß bis 2020 bereits um 20 Prozent zu senken - und zwar im Vergleich zu 1990. Deutschland nahm sich daraufhin vor, sogar 40 Prozent bis zum Jahr 2020 schaffen zu wollen.

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Auch die Finanzierung der Klimaschutzziele ließen die G-8-Vertreter offen, wie es in L'Aquila hieß. Eine entsprechende Entscheidung sei auf den G-20-Gipfel in Pittsburgh (US-Bundesstaat Pennsylvania) Ende September verschoben worden.

Umweltschutzorganisationen haben die Ergebnisse des G-8-Gipfels übereinstimmend als unzureichend kritisiert. Greenpeace-Klimaexperte Tobias Münchmeyer nannte die Beschlüsse eine "Einigung auf den allerkleinsten gemeinsamen Nenner". "Es ist eine riesige Enttäuschung", sagte er. Die Festlegung des Zwei-Grad-Ziels bedeute nichts weiter als eine Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Insbesondere gebe es keinerlei Zielmarke zur Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2020.

Der WWF-Klimaexperte Kim Carstensen hob hervor, dass China und Indien erstmals das Zwei-Grad-Ziel akzeptiert hätten. Dies sei ein echter Fortschritt. Allerdings beklagte auch er, dass kein ambitioniertes Ziel zur Reduzierung der CO2-Emissionen vereinbart worden sei. "Wir müssen da noch mehr sehen." Die Entwicklungsländer warteten darauf, dass die Industriestaaten vorangehen, betonte er.

Weltklimaverhandlungen
Wichtige Punkte
Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Worum geht es?
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schrieb vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Wie ist der Stand in Europa?
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?
Es geht um Geld, Bezugsjahre und Prozente. Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, in Kopenhagen kursiert die Zahl von hundert Milliarden Dollar, die bis 2020 pro Jahr gezahlt werden sollen. Experten Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Was, wenn die Verhandlungen scheitern?
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa
Greenpeace und WWF forderten zudem übereinstimmend, die Industriestaaten müssten deutlich mehr Geld für Klimaschutzmaßnahmen in den Entwicklungsländern ausgeben. Münchmeyer betonte, pro Jahr müssten hierfür mehr als hundert Milliarden Dollar bereitgestellt werden.

Unter Forschern gilt als ausgemacht, dass das Zwei-Grad-Ziel ohnehin nur noch unter größten Anstrengungen zu erreichen ist. Sollte sich die Erde um mehr als zwei Grad erwärmen, befürchten Experten teils katastrophale Folgen. Zudem glauben manche Wissenschaftler, dass die magische Grenze schon jetzt nicht mehr haltbar ist.

Forscher und Politiker sind sich einig, dass Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien von zentraler Bedeutung im Kampf gegen die globale Erwärmung sind. Zugleich wissen die Diplomaten aus früheren Klimaverhandlungen, zuletzt beim Uno-Gipfel auf der indonesischen Insel Bali, dass die aufstrebenden Länder ihr eigenes Wirtschaftswachstum über Klimaverpflichtungen stellen. Ihr Argument: Die westlichen Industrienationen, die für die bisherige Erwärmung hauptverantwortlich sind, sollen vorangehen.

Langer Weg nach Kopenhagen

Die Industriestaaten wiederum betonen gemeinsam mit Wissenschaftlern, dass alle Klimaschutzbemühungen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, sollten die Schwellenländer nicht mitziehen. Und das heißt: konkrete Vereinbarungen statt vager Zusagen. Die bloße Einigung auf die Zwei-Grad-Grenze wäre nach Ansicht von Experten bei weitem nicht ausreichend, solange nicht geklärt wird, wie genau dieses Ziel erreicht werden soll.

Ob beim Uno-Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember aber eine solche Einigung - und damit ein funktionierender Nachfolgevertrag des Kyoto-Protokolls - zustande kommt, erscheint derzeit fraglich. Denn an den Grundpositionen der Industrie- und Schwellenländer hat sich seit den Verhandlungen auf Bali im Dezember 2007 wenig verändert.

Die Umweltorganisation WWF wertet die Klimabeschlüsse der G-8-Staats- und Regierungschefs deshalb zwar als Fortschritt, aber nicht als Durchbruch. Die Einigung aufs Zwei-Grad-Ziel sei zwar positiv, sagte die WWF-Klimaexpertin Kathrin Gutmann am Mittwoch in L'Aquila. "Es fehlt aber die Erklärung, was daraus konkret folgt." Jetzt müssten konkrete Zahlen auf den Tisch, wie die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 gesenkt werden können. Eine Aussage, was bis zum Jahr 2050 passieren solle, sei nicht ausreichend.

hda/mbe/dpa/AFP/AP/Reuters

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