Staffelfinale "Game of Thrones", kurz erklärt

Am Sonntagabend läuft die letzte Folge der vorletzten Staffel "Game of Thrones". Die Serie ist ein globales Phänomen, von Bulgarien bis Myanmar. Aber warum eigentlich? Ein Erklärungsversuch.

Staffel 7 der Serie "Game of Thrones"
HBO/ Sky

Staffel 7 der Serie "Game of Thrones"

Eine Kolumne von


Am Sonntagabend fällt der Hammer, oder, pardon: das Schwert. Nach nur sieben Folgen endet die siebte und vorletzte Staffel von "Game of Thrones", der wohl spektakulärsten Serie in der Geschichte des Fernsehens. Sie wird von einem globalen Publikum verfolgt, analysiert, diskutiert und seziert werden. Der "New Yorker" wird darüber schreiben und der britische "Guardian", "Le Monde" und die "Jakarta Post".

Menschen in Westeuropa werden sie kurz nach der Ausstrahlung auf HBO legal über eine von diversen Streamingplattformen sehen können. Noch viele mehr, rund um die Welt, werden sich wie immer illegale Kopien ansehen. Für diese illegalen Versionen wird es, wie für jede einzelne davor, auf einschlägigen Plattformen Untertitel auf Arabisch und Vietnamesisch geben, auf Bulgarisch und Indonesisch, Persisch, Schwedisch, Burmesisch und so weiter. "Game of Thrones" ist ein wahrhaft globales Phänomen.

Aber warum eigentlich?

Hier für alle, die die Serie noch nie gesehen haben, nicht sehen wollen oder alles schon wieder vergessen haben, eine kurze Zusammenfassung.

Letzte Warnung: Ab hier gibt es Spoiler en masse.

"Game of Thrones" ist, auf den ersten Blick, eine Geschichte über den bemerkenswerten Erfolg eines Inzestpärchens. Vergessen Sie Familie Stark. Cersei Lannister, mal adelige Intrigantin, mal Königin, mal Königinmutter, und ihr Bruder Jamie, ein im Grunde seines Herzens gar nicht so übler Kerl, zeugen gemeinsam drei Kinder, von denen es zwei sogar bis auf den Eisernen Thron schaffen. Von dem aus wird das quasi-mittelalterliche Reich Westeros regiert, und aus unerfindlichen Gründen halten viele diesen Job offenbar für erstrebenswert.

Unverhohlene Komplizenschaft mit den Mördern

Obwohl sogar Oma und Opa der drei Inzestkinder schon Cousin und Cousine waren, scheint keines von ihnen irgendwelche Behinderungen aufzuweisen - abgesehen von der Tatsache, dass der älteste Sohn Joffrey ein unerträglicher kleiner Psychopath ist. Über seinen qualvollen Vergiftungstod in Staffel vier waren Fans weltweit gleichermaßen erfreut, mich eingeschlossen.

Womit wir schon bei dreien der zentralen Elemente wären, die den Reiz von "Game of Thrones" ausmachen: Sexuelle Tabubrüche, detailliert dargestellte Morde, Massenmorde und Schlachten - und die unverhohlene Komplizenschaft des Publikums mit vielen der Täter.

Es gibt in der ganzen Serie kaum Figuren, die sich nicht des einen oder anderen Mordes oder Massenmordes schuldig gemacht hätten, aber manche muss man trotzdem liebhaben. Sogar die Frau, die ihre Gegner zur Abschreckung auch mal kreuzigen lässt.

Andere dagegen darf man mit Inbrunst hassen, zum Beispiel den sadistischen Soziopathen Ramsey Bolton, geborener Snow. Er veranstaltet Menschenjagden mit Hunden, schneidet einem Gefangenen im Rahmen eines Umerziehungsprogrammes den Penis ab und lässt unterlegene oder ausgetrickste Armeen gerne bei lebendigem Leib häuten.

Freude am qualvollen Tod hassenswerter Figuren

Am Ende wird Ramsey, unter dem Beifall eines globalen Publikums, seinen eigenen Bluthunden zum Fraß vorgeworfen. "Game of Thrones" gestattet dem Publikum, sich am qualvollen Tod von Figuren, die es hassen gelernt hat, uneingeschränkt zu freuen.

Ziemlich häufig mussten die Zuschauer allerdings auch den überraschenden Tod von durchaus sympathischen Charakteren verkraften. Wenn es hier eine zentrale Botschaft gibt, dann diese: Die Welt ist grausam. Freut euch, wenn es die richtigen trifft.

Während viel Gemetzel und Gerangel um den Thron im Gange ist, entfaltet sich ganz im Norden der eigentlich wichtigere Plot, von dem die meisten Figuren lange Zeit gar nichts mitbekommen: Der Winter kommt, und der kann in Westeros Jahrzehnte dauern. Und er bringt eine Armee von untoten Eiskriegern und in Eiszombies verwandelten Menschen und Tieren. Das Böse an sich also, es kommt aus der Kälte und hat leuchtend blaue Augen. Zentraler Satz aus Staffel sieben: "Wir stehen hier alle auf derselben Seite. Wir atmen alle." Stichwort kleinster gemeinsamer Nenner.

Wie der Rettungssaurier von Walter Moers

An religiöser Metaphorik mangelt es der Serie nicht, und zwar in erfrischend undogmatischer Form: Diverse Götter und Pantheone koexistieren. Manche scheinen nur ausgedachte Propagandawerkzeuge quasi-salafistischer Fanatiker zu sein, andere aber können offenbar tatsächlich Tote zum Leben erwecken. Wieder andere verstecken Abgesandte in alten Bäumen, wo sie bei Bedarf mit den Menschen plaudern können.

In George R. R. Martins Welt wimmelt es vor konkurrierenden Glaubens- und Magiesystemen, die jetzt alle bei Bedarf eingesetzt werden können, wenn sich die Drehbuchschreiber in eine Sackgasse manövriert haben. Gäbe es den Begriff "Deus ex Machina" noch nicht, man hätte ihn spätestens für "Game of Thrones" erfinden müssen.

Nehmen wir zum Beispiel Jon Snow, eine der beiden Erlöserfiguren der Serie, mit einem Gesicht, das einem Oberammergauer Kruzifix nachempfunden scheint. Einmal wird er von seinen eigenen Leuten ermordet und darf wiederauferstehen. Aber das ist noch gar nichts. In der bislang vorletzten Folge wird er binnen Minuten gleich dreimal hintereinander auf wundersame Weise gerettet: Erst von der blonden Königin - die in Wahrheit seine Tante ist, aber pssst -, die mit eiszombiegrillenden Drachen zu Hilfe eilt.

Dann kriecht er nach einem sehr ausgedehnten Tauchgang in einem vereisten See in schwerer Pelzkleidung wieder aus dem Wasser. Und zuletzt kommt ein eigentlich längst verstorbener Onkel vorbei, treibt die Eiszombies mit einer brennenden Weihrauchlaterne auseinander und schenkt König Jon sein Pferd. Shakespeare! Richard III!

Man muss unwillkürlich an den Rettungssaurier Mac aus Walter Moers' "Die 13 1/2 Leben des Käptn Blaubär" denken. Der kommt auch immer in letzter Sekunde, aber aus sportlichen Gründen.

Aber all das sind in Wahrheit Randaspekte. Der eigentliche Grund für den globalen Erfolg von "Game of Thrones" dürfte - neben den Drachen, dem Sex, den Familiendramen, dem weise-witzigen Zwerg, der Gewalt, den sympathischen Killern und den tollen Landschaften - die augenscheinliche Unfähigkeit der Menschheit sein, auf die existenzielle Bedrohung aus dem Eis angemessen zu reagieren. Das holt uns einfach alle da ab, wo wir gerade sind.

So wie die echte Menschheit den Klimawandel zwar kommen sieht, aber aufgrund von Machtspielen und Egoismen unfähig scheint, ihm adäquat zu begegnen, so sind die Mächtigen von Westeros zu sehr mit sich selbst, ihren Armeen und Geschlechtsteilen beschäftigt, um den nahenden Untergang ernstzunehmen.

Immerhin: Hier wie dort darf man weiterhin auf ein Happy End hoffen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Angabe der Staffel, in der Joffrey Baratheon vergiftet wird, korrigiert. Es war die vierte Staffel, nicht die dritte.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 163 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sebastian3003 27.08.2017
1. Joffrey starb
nicht am Ende der dritten Staffel, sondern im zweiten Teil der vierten Staffel.
spon-facebook-10000173755 27.08.2017
2. Was für ein ein Quatsch. Sorry
Warum mögen viele Die Serie? Relativ Einfach, - Verdammt gute Handlung mit Viel Spannung und Wendungen ( auch wenn in der Letzten Staffel "Teleportieren" wohl möglich geworden sein muss, so schnell wie dort von A nach B geritten wird.) - Glaubhafte Graue Charactere ( nicht dieses Idiotische Gut Böse Klische ) Es gibt nicht die Guten und Die Bösen, Sondern Viele Fassetten zwischen drinnen und es Zeigt wie schnell eine Firgur zwischen diesen Grau Schattierungen wechseln kann - Nachvollziehbarkeit: Man kann jede Figur verstehen Warum sie das Tut was Sie tut und wenn man mal 3 Folgen warten musste damit man es erklärt bekommt. Leider etwas was in den Meisten Serien und Filmen komplett fehlt!
januario 27.08.2017
3. Die Gewalt wird nicht hinterfragt
Hier fehlt eine kritische Stellungnahme zur ubiquitären Darstellung exzessiver Gewaltszenen und eine Erörterung dessen, was das mit den Zuschauern macht. Ich habe jedenfalls das Schauen noch in der dritten Staffel abgebrochen, weil mir die Gewalt zu viel war, und bereits ausgeliehene, nicht gesehene DVD-Boxen zurückgegeben.
Lotus Driver 27.08.2017
4. ????
Die Serie ist so erfolgreich weil:.....Klimawandel ! Jetzt ehrlich lieber Redakteur, geht's noch ????????
ollis.post 27.08.2017
5.
Ich habe nicht eine Folge davon gesehen. Und dabei wird es wohl auch bleiben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.