Geballte Risikofaktoren: Schotten leben extrem ungesund

Obst und Gemüse? Igitt! Bewegung? Muss nicht sein! Dafür immer mal 'ne Kippe und ein Gläschen: In Schottland pflegen viele Menschen einen besonders ungesunden Lebensstil. Forscher vermuten, dass das auch mit der sozialen Lage zu tun hat.

Schotten (mit Souvenirartikeln): "Ungesunde Verhaltensweisen bündeln sich." Zur Großansicht
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Schotten (mit Souvenirartikeln): "Ungesunde Verhaltensweisen bündeln sich."

London - Wie gesund leben die Schotten? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, hatten sich die Forscher der Universität Glasgow fünf eher problematische Lebensgewohnheiten angesehen:

Und die Bilanz fiel verheerend aus: Denn in Schottland lebt fast jeder Erwachsene mit mindestens einem dieser ernsthaften Gesundheitsrisiken. Mehr als die Hälfte haben sogar drei oder mehr Risikofaktoren. "Schotten leben gefährlich", sagte Studienleiter David Conway. "Nur 2,5 Prozent der Bevölkerung tragen überhaupt keine Risikofaktoren. Das ist furchterregend."

Die im Wissenschaftsjournal "BMC Public Health" veröffentlichte Forschungsarbeit befasst sich mit einem neuen Forschungsansatz, bei dem nicht nur einzelne Risikofaktoren, sondern auch deren Anhäufung untersucht wird. "Ungesunde Verhaltensweisen bündeln sich, die Kombination ist dabei synergetisch, dadurch steigt das allgemeine Risiko unverhältnismäßig an", sagt Conway. Bei mehreren Risikofaktoren müsse der Patient mehr "als Ganzes" gesehen werden.

Grundlage der Studie war eine staatliche Gesundheitsumfrage aus dem Jahr 2003, Daten lagen für 6574 Männer und Frauen vor. Als gefährdet stuften die Wissenschaftler beispielsweise Menschen ein, die zum Zeitpunkt der Befragung rauchten; Männer, die mehr als 24 Gramm und Frauen, die mehr als 16 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nahmen. Als fettleibig galten Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 30. Der - unter Forschern nicht unumstrittene - BMI ergibt sich aus der Größe und dem Gewicht eines Menschen.

"Wir sollten vielleicht auch die Ungleichheit ins Visier nehmen"

Und obwohl Conway mit einem wenig ermutigenden Ergebnis rechnete, wurde er vom Ernst der Lage doch überrascht. Mehr als 85 Prozent der Erwachsenen hatten mindestens zwei Risikofaktoren, 55 Prozent hatten sogar drei und fast ein Fünftel brachte es sogar auf alle fünf. Die am weitesten verbreitete Angewohnheit war schlechte Ernährung - also der Verzehr von zu wenig Obst und Gemüse. Zehn Prozent der Befragten waren sowohl Raucher als auch starke Trinker, von diesen zehn Prozent hatten sich drei Viertel noch zwei oder drei weitere Risikofaktoren zugelegt.

Als mögliche Ursachen vermuten die Forscher soziale und wirtschaftliche Faktoren: Menschen aus den ärmsten Gegenden mit dem schlechtesten Bildungsstand leben nach ihrer Ansicht am ungesündesten. In Ländern mit weniger sozialen Ungleichheiten gebe es deutlich weniger Menschen mit einer solchen Anhäufung von Risikofaktoren. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass wir auch die sozialen Faktoren anpacken sollten. Anstatt uns nur um das Verhalten der Menschen zu kümmern, sollten wir vielleicht auch die Ungleichheit ins Visier nehmen", sagte Conway.

Klar muss freilich sein: Die Schotten sind mit ihrem ungesunden Lebensstil längst nicht allein. Weltweit ist zum Beispiel die Fettsucht längst zur Epidemie geworden. Hierzulande gelten immerhin 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen als übergewichtig.

chs/afp

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Übergewicht und Fettsucht
Die Fettsuchtepidemie
Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.
Folgeerkrankungen
Die Adipositas kann Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und psychische Beschwerden hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation und auch die US-Gesundheitsbehörden sprechen inzwischen von einer Fettsuchtepidemie, die ebenso bekämpft werden müsse wie tödliche Infektionskrankheiten.
Body-Mass-Index (BMI)
Ob jemand übergewichtig oder fettsüchtig ist, ermitteln Mediziner anhand des Body-Mass-Index (BMI). Dieser Wert entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,80 Meter großer Mann wiegt 75 Kilogramm. Sein BMI beträgt 75 : 1,80² = 23,15. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24.
BMI-Tabellen
Der "wünschenswerte" BMI hängt vom Alter ab. Die linke Tabelle zeigt die entsprechenden Werte für verschiedene Altersgruppen. Die rechte Tabelle zeigt die BMI-Klassifikation (nach DGE, Ernährungsbericht 1992):

Alter BMI
19-24 Jahre 19-24
25-34 Jahre 20-25
35-44 Jahre 21-26
45-54 Jahre 22-27
55-64 Jahre 23-28
>64 Jahre 24-29

Klassifikation männl. weibl.
Untergewicht unter 20 unter 19
Normalgewicht 20-25 19-24
Übergewicht 25-30 24-30
Adipositas 30-40 30-40
massive Adipositas über 40 über 40

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