Geburt und Ernährung: Mehr Zwillinge durch Milch und Fleisch

Ein Baby oder gleich zwei auf einmal? Mütter, die Milch und Fleisch verzehren, haben eine fünf Mal größere Chance auf Zwillinge als Frauen mit veganer Ernährung. Verantwortlich für diesen Mehrlings-Segen ist für Fortpflanzungs-Forscher ein Wachstumsfaktor im Blut.

Die Ernährungsgewohnheiten der Mutter sind ein Faktor, der ihre Chancen auf eine Zwillings- oder gar Mehrlings-Geburt beeinflusst. Neben der genetischen Veranlagung bestimmen Speis und Trank der Mutter die Konzentration eines Wachstumsfaktors im Blut, der wiederum für eine vermehrte Eiproduktion sorgt. Der Schlüssel dafür, so ein US-amerikanischer Forscher, liegt offenbar in tierischer Nahrung - Milch und Fleisch.

Eineiige Zwillinge auf der Achterbahn: Die Ernährung beeinflusst die Wahrscheinlichkeit auf eine Mehrlings-Geburt
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Eineiige Zwillinge auf der Achterbahn: Die Ernährung beeinflusst die Wahrscheinlichkeit auf eine Mehrlings-Geburt

Gary Steinmann praktiziert als Gynäkologe in Long Island und hat daher die Gelegenheit, viele schwangere Frauen zu begleiten. Solche, die ein Kind bekommen, und solche, bei denen der Kindersegen gleich im Plural auftritt. Der Doktor zählte mit und kam zu einer frappierenden Erkenntnis:

Schwangere, die Milch und Fleisch aßen, bekamen fünf Mal häufiger Zwillinge als Frauen, die sich vegan - also frei von tierischen Produkten - ernährten. In der Fachzeitschrift "Journal of Reproductive Medicine" stellt der Arzt diese Zahlen vor. "Es ist die erste Studie, die zeigt, dass die Chance Zwillinge zu gebären, sowohl von der Vererbung als auch von der Umwelt abhängt - von Natur und Nahrung", sagt Steinmann, der am Long Island Jewish Medical Center forscht.

Diese Ergebnisse verstärken die Hinweise darauf, dass eine Substanz über Singular oder Plural einer Schwangerschaft entscheidet, die Wissenschaftlern bereits früher als Zwillings-begünstigender Stoff aufgefallen war, ein Wachstumsfaktor, der starke Ähnlichkeit mit Insulin hat. Entsprechend der englischen Umschreibung dieses Umstands - insulin-like growth factor - nennen Wissenschaftler ihn schlicht IGF.

Zwei frühere Forschungsergebnisse deuten auf IGF als Zwillingsmacher hin:

  • Bei Untersuchungen im großen Maßstab fanden Forscher heraus, dass bei Frauen verschiedener Bevölkerungsgruppen in den USA - Afroamerikanern, Weißen und aus Asien stammenden - die IGF-Niveaus im Blut variieren. Mehr noch, höhere IGF-Werte gehen statistisch mit einer größeren Häufigkeit von Mehrlings-Geburten einher.
  • In der US-Landwirtschaft wird IGF als Wachstumshormon sowohl bei Mast- als auch bei Milchtieren eingesetzt. Studien haben belegt: Das Hormon - das natürlich in der Leber gebildet wird - sich bei den Tieren auch in Fleisch und Milch wieder findet, die in den Handel gelangen.

Auf das zweite Ergebnis bezieht Steinmann die neu veröffentlichten Unterschiede zwischen Veganerinnen und anderen Schwangeren. Auch ohne Hormoneinsatz in der Zucht gelangt IGF von Nutztieren in Fleisch- und Milchprodukte.

Alter und Reproduktionsmedizin weitere Faktoren

Seit Mitte der 1970er Jahre steigt die Rate von Zwillingsgeburten in den USA an. Bislang hatten Wissenschaftler dafür zwei begünstigende Faktoren ausgemacht: Reproduktionsmedizinische Behandlungen wie etwa künstliche Befruchtungen führen statistisch gesehen zu einer größeren Chancen für Zwillinge. Außerdem wird ein späteres Gebäralter mit höheren Zwillingschancen in Verbindung gebracht - eben weil ältere Frauen wahrscheinlicher die Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen als jüngere.

Zwar klingen die Ergebnisse über IGF als Faktor für die Zwillingswahrscheinlichkeit geradezu nach einer Anleitung für Paare mit Kinderwunsch, dem Glück ein wenig nachzuhelfen. Doch Gary Steinmann weist darauf hin, dass eine Mehrlings-Geburt auch mit einem höheren Komplikationsrisiko einhergehe. "Frauen, die schwanger werden wollen, sollten die Möglichkeit erwägen, Fleisch und Milchprodukte durch andere Proteinquellen zu ersetzten", sagt der Arzt, "besonders in jenen Ländern, in denen der Einsatz von Wachstumshormonen in der Tierhaltung erlaubt ist."

stx

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