Gefährliche Rückstände Mediziner warnen vor miefender Raucher-Kleidung

Haare, Kleider, Hände - Raucher stinken noch nach Tabak, wenn die Zigarette längst aus ist. Tatsächlich sind die riechenden Reste ein riesiges Problem, warnen nun US-Forscher: Der sogenannte Third Hand Smoke ist ihnen zufolge eine Gefahr, die bisher völlig unterschätzt wird.

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Raucherin (in Erfurt, Juni 2008): "Wenn sie rauchen - egal wo - dann gelangen toxische Partikel aus dem Tabakrauch in ihre Haare und Kleidung"
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Raucherin (in Erfurt, Juni 2008): "Wenn sie rauchen - egal wo - dann gelangen toxische Partikel aus dem Tabakrauch in ihre Haare und Kleidung"


Man kennt das: Wer mit einem passionierten Raucher im Fahrstuhl die Kabine nach oben teilt, kann riechen, dass der Kollege oder die Kollegin zur Zigarette gegriffen hat - obwohl diese längst erloschen ist. Denn Gestank und giftige Stoffe haben sich in den Kleidern und Haaren festgesetzt.

Experten sprechen vom Third Hand Smoke: Rauch aus dritter Hand, den feine Nasen auch in früheren Raucherabteilen der Bahn noch erschnüffeln können. Medizinier wollen die Probleme, die er verursacht, nun stärker ins Bewusstsein rücken.

Fast 5000 Substanzen entstehen, wenn Raucher sich eine Zigarette genehmigen - und viele der chemischen Reaktionsprodukte sind ausgesprochen schädlich, darunter Blausäure, Toluol, Butan, Kohlenmonoxid, Chrom, Kadmium und sogar das radioaktive Polonium-210. Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums gelten mehr als 90 Stoffe im Tabakrauch als krebserzeugend.

Forscher haben bereits in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass es keine untere, unbedenkliche Wirkungsschwelle für Tabakrauch gibt. Auch kleine Mengen können schädlich sein. Und das ist das Problem mit dem Third Hand Smoke.

"Wenn Sie rauchen, egal wo, dann gelangen toxische Partikel aus dem Tabakrauch in Ihre Haare und Kleidung", warnt US-Mediziner Jonathan Winickoff vom Massachusetts General Hospital for Children in Boston. Mit Kollegen hat er in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Pediatrics" einen Artikel über die Gefahren geschrieben. Er sieht vor allem Kinder von Rauchern als Leidtragende: "Wenn Sie in Kontakt mit Ihrem Baby kommen, dann kommt dieses wiederum mit den Giften in Kontakt - ob Sie gerade rauchen oder nicht."

Das Deutsche Krebsforschungszentrum hatte sich in seinem Bericht "Passivrauchende Kinder in Deutschland" schon vor einigen Jahren ähnlich geäußert. Wissenschaftler haben vielfach über die negativen Folgen von Zigarettenqualm für Kinder berichtet. Unter anderem verkürzen die Substanzen aus dem Rauch den Schlaf von Neugeborenen, sie führen zu kognitiven Defiziten und schlechteren Leseleistungen.

Die Forscher um Winickoff verweisen nun darauf, dass Kinder von Rauchern den schädlichen Stoffen weit stärker ausgesetzt sein könnten als vielfach gedacht. Die gefährlichen Rückstände aus dem blauen Dunst hielten sich zum Beispiel in Wohnräumen lange - selbst wenn diese nach dem Rauchen gelüftet würden. Kindern drohe Gefahr, weil sie die Substanzen auch über kontaminierte Oberflächen und Teppiche aufnehmen könnten.

Martina Pötschke-Langer, Chefin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, sieht das im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ganz ähnlich: "Wohnräume von Rauchern sind eine andauernde Expositionsquelle für gefährliche Substanzen, selbst wenn dort aktuell nicht geraucht wird."

Die Forscher um Winickoff haben telefonisch mehr als 1500 Haushalte in den USA befragt, ob dieses wissenschaftlich belegte Risiko auch in der Bevölkerung wahrgenommen wird. Rund ein Fünftel der Befragten waren Raucher. Die Ergebnisse: durchwachsen. Zwar stimmte die überwiegende Mehrheit der Befragten der Aussage zu, dass Passivrauchen gefährlich für Kinder ist - rund 95 Prozent der befragten Nichtraucher und immerhin 84 Prozent der Raucher bejahten die entsprechende Frage. Doch beim Third Hand Smoke war die Einsicht deutlich weniger verbreitet. Hier sahen lediglich 65 Prozent der befragten Nichtraucher und 43 Prozent der befragten Raucher eine mögliche Gefährdung.

Die Forscher hatten danach gefragt, ob die Luft in einem Raum, in dem geraucht wurde, Kinder auch am Folgetag gefährden könnte. Den Begriff des Third Hand Smoke wollten sie bewusst nicht verwenden, weil er wohl längst nicht allen Befragten geläufig gewesen wäre. Doch genau das müsse sich ändern, fordern die Wissenschaftler. Die Gefahren durch die schädlichen Rückstände müssten stärker als bisher thematisiert werden und sollten in die Diskussion um Rauchverbote einfließen.

Die Amerikaner haben bei dieser Forderung vor allem Privaträume im Blick. Martina Pötschke-Langer hingegen denkt vor allem an die Nichtraucherschutzgesetze, die dieser Tage überall in Deutschland novelliert werden: "Das betrifft auch die Frage nach rauchfreien Arbeitsplätzen."



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