Gefährlicher Ratschlag: Viel heiße Luft gegen Kopfläuse

Von Stefan Schmitt

Statt Medikamenten empfehlen US-Forscher heiße Luft gegen Kopflaus-Befall. Deutsche Experten wundern sich, weiß man doch: Beim Föhnen gegen Läuse drohen Verbrennungen. Nicht bei ihrem ganz speziellen Gerät, erwidern die Autoren der Studie - sie wollen es bald vermarkten.

Seit 25.000 bis 30.000 Jahren wird der Mensch von der gemeinen Kopflaus (Pediculus humanus capitis) geplagt. Er trägt die Viecher in seinem Haar herum, sie saugen ihm das Blut aus - und hatten alle Zeit der Welt, sich gegen Angriffe des Geplagten zu wappnen. Auch in der Moderne hält sich der Parasit bestens als ständig wiederkehrender Quälgeist. Genervte Eltern, quängelnde Kinder, haufenweise heiß zu waschende Wäsche und - sofern es im Kindergarten oder in der Schule genügende Tratsch-Eltern gibt - auch noch Geschwätz.

Kopflaus: Parasit auf den menschlichen Häuptern seit mindestens 25.000 Jahren
University of Glasgow

Kopflaus: Parasit auf den menschlichen Häuptern seit mindestens 25.000 Jahren

Kopfläuse sind ein schmerzliches Thema. Da macht sich eine flotte Meldung gut. Zum Beispiel über "eine effektive chemiefreie Behandlung für Kopfläuse" - das versprechen Brad Goates von der University of Utah in Salt Lake City und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Pediatrics" (Bd. 118, S. 1962). Chemiefrei, das bedeutet im fachlichen Kontext, dass es sich um keinen Wirkstoff, kein Medikament handelt. Umgangssprachlich klingt die Vokabel natürlich anders. Mit so etwas spricht man Menschen an, die eine Abneigung gegenüber der Chemie an sich haben, ungeachtet dessen, wie widersinnig das in der greifbaren Welt tatsächlich ist.

Läuse und sogar ihre widerstandsfähigen Eier könnten mit heißer Luft effektiv abgetötet werden. Das wollen Goates und seine Kollegen in einem Experiment mit 169 Kindern gezeigt haben. In ihrem Artikel schreiben sie: In sechs unterschiedlichen Verfahren seien die Kopflaus-befallenen Kinderköpfe geföhnt worden. Sie alle hätten mit beinahe 90-prozentigem Erfolg Nissen abgetötet, den Läusen selbst sei hingegen unterschiedlich erfolgreich der Garaus gemacht worden. Als besonders erfolgreich ("fast 100 Prozent Mortalität") habe sich hier ein Design erwiesen, das die Autoren LouseBuster nennen: ein Haarföhn mit flexiblem Schlauch, etwa 60 Grad Celsius heißer Luft und einem grobzinkigen Handkamm.

Forscher haben Laus-Föhn-Firma

Eine dermaßen fantasievolle Bezeichnung für ein experimentelles Design in einem wissenschaftlichen Aufsatz, dass sich der Gedanke an einen Marken- oder Produktnamen förmlich aufdrängt: Das kommt nicht von ungefähr. Die Forscher wollen ihren LouseBuster innerhalb von zwei Jahren auf den Markt bringen. "Der Prototyp war die Maschine, die wir für die Studie benutzt haben", sagte Sarah Bush aus dem Forschungsteam zu SPIEGEL ONLINE. Eine Firma sei bereits gegründet: "Larada Sciences".

"Komisch, dass das durch den Gutachterprozess gelangt ist", sagt Michael Forßbohm, Infektionsschutzexperte beim Gesundheitsamt Wiesbaden. Er ist einer der ausgewiesenen Experten für Kopflausbefall in Deutschland - und warnt: Weder gebe es andere wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit von Heißluft, noch sei diese ungefährlich. "Eltern, die Kopfläuse bei ihren Kindern per Föhn behandelten, würden eine große Zahl von Verletzungen riskieren", warnt Forßbohm. In seinem Ärztemerkblatt "Kopflausbefall" vermerkt das Berliner Robert-Koch-Institut lapidar: Die Behandlung mit einem Föhn sei so unzuverlässig, dass "grundsätzlich davon abzuraten" sei. Die Experten empfehlen eines der vier in Deutschland zugelassenen Medikamente, die rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich sind.

SPIEGEL ONLINE gegenüber räumte auch Forscherin Bush ein: Es lohne sich, Eltern darauf hinzuweisen, dass sie nicht mit gewöhnlichen Haarföhns versuchen Kopfläuse zu töten - "das ist zu heiß und die Kinder könnten Verbrennungen erleiden." In der Studie hingegen ist nur davon die Rede, dass im Experiment "komfortable" Temperaturen, "ein bisschen kühler als bei Standardföhns" benutzt worden seien. In der Berichterstattung von Agenturen, Websites und Tageszeitungen, die den "Pediatrics"-Artikel aufgriffen, schlug sich die kleinlaute Warnung nicht nieder.

"Viel heiße Luft"

Auf ihrem Weg zur Vermarktung - Patente sind bereits beantragt - mag das Kopflausexperiment das Utah-Team voranbringen. Als Tipp für die Heimhygiene ist es potentiell schädlich, bestenfalls aber das, was der Untertitel des Aufsatzes verspricht: "a lot of hot air" - viel heiße Luft.

Das könnte man leider auch über den generellen Forschungsstand zu einem der ältesten Parasiten des Menschen schreiben: In Deutschland etwa fehlen grundlegende Statistiken. Etwa die immer wieder gehörten Behauptungen, dass nach der (Auslands-)Reisezeit die Zahl der Lausbefälle zunimmt, kann nicht belegt werden.

So stechen exotische Meldungen zum Thema heraus. Im Juni meldeten britische Forscher im "British Medical Journal", dass bei Läusen auf den Köpfen walisischer Kinder vier von fünf Exemplaren gegen die herkömmlichen - chemischen - Therapien resistent seien. Auch aus Los Angeles wurde ein ähnliches Ergebnis berichtet. "Wir würden uns wünschen, dass auch für Deutschland so eine Studie gemacht würde", sagte Forßbohm. Resistenzen ähnlichen Ausmaßes gebe es hierzulande allerdings wohl nicht. Auch die Abteilung Schädlingsbekämpfungsmittel des Umweltbundesamtes sieht höchstens subjektive Hinweise.

Sporadisch gemeldete Ergebnisse, denen zufolge gründliches Durchkämmen viel effektiver sei als chemische Behandlung stellen sich bei genauerem Hinsehen als wenig praktikabel heraus: Mehrere Stunden pro Abend, mehrere Abende in Folge - welche Eltern wollten diese Prozedur sich (und ihren Kinder) zumuten?

Ebenso wenig kann eine vermeintliche Zunahme von Fällen belegt werden. Dass immer mehr Kinder den blutdurstigen Parasiten zum Opfer fallen, dürfte zum Fundus urbaner Legenden gehören. Ob dereinst der LouseBuster die lästigen Gesellen vermindern hilft, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie das Gerät im Test unabhängiger Kollegen abschneiden wird - wenn das Gerät auf den Markt kommen sollte, und nicht nur heiße Luft überbleibt.

Wenigstens Frau Atkins wäre ein Markterfolg zu wünschen. Ihr Gatte Jospeh Atkins, einer der beteiligten Wissenschaftler und Patenteinreicher, hatte sie im Lauf des Experiments in Mitleidenschaft gezogen. Am Ende des Aufsatzes heißt es: "Mr. Atkins entschuldigt sich - abermals - bei seiner Frau dafür, dass er sie versehentlich mit Kopfläusen infiziert hat."

Mit Material von ddp/rtr

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