Gefährliches Kernmaterial Briten wollen Plutonium auf RoRo-Fähre transportieren

Ein einfaches Fährschiff soll potentiell atomwaffenfähiges Plutonium von Nordengland nach Frankreich transportieren, wie eine britische Zeitung berichtet. Experten halten das für unverantwortlich: Sie befürchten, dass Terroristen mit dem Material eine Atombombe bauen könnten.

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Die Warnungen der Experten, die der britische "Independent on Sunday" zitiert, könnten eindringlicher nicht sein: Das Plutoniumdioxid, das von der Nuklearanlage in Sellafield nach Frankreich verschifft werden soll, sei das "schlimmstmögliche Material" für den Transport über den Seeweg. Und es sei die für Terroristen ideale Substanz, eine sogenannte schmutzige Bombe oder gar eine funktionierende Atomwaffe zu bauen.

Wiederaufbereitungsanlage Sellafield: Ärger um geplanten Atomtransport
REUTERS

Wiederaufbereitungsanlage Sellafield: Ärger um geplanten Atomtransport

Laut dem Bericht des "Independent" soll das Plutoniumdioxid in den nächsten Tagen abtransportiert werden - an Bord eines alten RoRo-Schiffs. Fähren dieser Bauart, benannt nach dem Roll-on-roll-off-Verfahren, sind vor allem als Autotransporter bekannt. Wie die Zeitung weiter schreibt, sei die Fähre unbewaffnet und nicht durch besondere Sicherheitsmaßnahmen, geschweige denn eine Eskorte geschützt - obwohl die Nuclear Decommissioning Authority, die Sellafield betreibt, bereits bewaffnete Schiffe mit doppelter Rumpfwand für weniger gefährliche Transporte benutzt habe.

Der Seetransport von Plutoniumdioxid solle der erste in einer ganzen Serie sein. Der "Independent" berichtet unter Berufung auf die britische Anti-Atom-Organisation Core, dass die erste Lieferung aus mehreren hundert Kilogramm Plutoniumdioxid bestehen soll - "genug für eine große Zahl von Bomben". Auch britische Atomexperten reagierten mit scharfer Kritik auf die Lieferung - und warnten gar vor einer Nuklearwaffe in der Hand von Terroristen.

Warnung für Terror-Atombombe

Insbesondere der Einsatz eines unbewaffneten RoRo-Schiffs mit einfachem Rumpf provoziert die Fachleute. Das Plutoniumdioxid sei das "schlimmste Material für den Seetransport, das man sich denken kann", sagte John Large, einer der führenden Atomexperten Großbritanniens. Der Atomterrorismus-Experte Frank Barnaby äußerte sich noch deutlicher: "Eine einigermaßen gut ausgestattete Terrorgruppe hätte kein Problem, aus diesem Material eine Bombe zu bauen."

Plutoniumdioxid eigne sich auch hervorragend für eine sogenannte schmutzige Bombe - einen konventionellen Sprengsatz, der keine nukleare Explosion verursacht, aber radioaktives Material über einen weiten Bereich verstreut. Das Pulver sei extrem giftig und würde bei der Explosion verdampfen, so dass es leicht eingeatmet werden könnte, so Barnaby. Der Transport per RoRo-Fähre sei "irrsinnig und völlig unverantwortlich".

Hohe technische Hürden

Experten haben schon öfter davor gewarnt, dass Terroristen Plutoniumoxide aus Atomkraftwerken zum Bau von Atomwaffen benutzen könnten. Allerdings könnte die Pulverform von Plutoniumdioxid Probleme bereiten, da ein Pulver als Sprengsatz für eine Atomwaffe weit weniger gut geeignet sei als etwa Plutonium-Metall. Nach Berechnungen des Waffenexperten Carey Sublette, Betreiber der Website nuclearweaponarchive.org, wären rund 50 Kilogramm Plutoniumdioxid für eine Atombombe notwendig - vorausgesetzt, der Konstrukteur ist in der Lage, das Pulver vorher stark zu verdichten.

Werde in der Bombe ein sogenannter Reflektor eingesetzt - eine Metallschicht zwischen dem konventionellen und dem nuklearen Sprengstoff -, könnten auch 25 bis 30 Kilogramm Plutoniumdioxid genügen. Doch selbst dann wäre die Bombe noch ziemlich groß und über eine Tonne schwer. Sollten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver chemisch in Metall umzuwandeln, wäre laut Sublette eine weit geringere Menge an spaltbarem Material notwendig. Am Ende sei eine Bombe mit einem Gesamtgewicht von 200 Kilogramm denkbar. Der deutsche Atomphysiker Egbert Kankeleit widerspricht dem jedoch: Was die kritischen Massen betrifft, liege Sublette falsch.

Zudem steht über allem die Frage, inwieweit Terrorgruppen über das Geld und das Know-how verfügen, um solche Prozesse in den Griff zu bekommen. Plutoniumdioxid etwa ist schon aufgrund seiner Giftigkeit extrem problematisch. "Wenn ein Terrorist nicht weiß, wie er mit solchem Material umgehen muss", meint der Berliner Atomwaffenexperte Otfried Nassauer, "dann ist er tot, lange bevor er die Bombe bauen kann."

"Es kommt darauf an, in wessen Hände es gerät"

Der britische Nuklearfachmann Large will die Gefahr, dass das Pulver aus Sellafield zum Atombombenbau benutzt werden könnte, nicht allzu groß erscheinen lassen. "Das wäre schwierig, da es sich hier um reaktorfähiges und nicht um voll waffenfähiges Plutonium handelt", sagte Large zu SPIEGEL ONLINE. Zudem sei reaktorfähiges Plutonium im Falle eines Diebstahls relativ leicht aufzuspüren. Denn im Unterschied zu nahezu reinem Plutonium-239 gibt reaktorfähiges Plutonium nicht nur Alphastrahlung, sondern auch harte Beta- und Gammastrahlung ab.

Dennoch hält es Kankeleit für nicht ausgeschlossen, dass Terroristen Plutoniumdioxid für eine Bombe benutzen könnten. "Das ist ein äußerst gefährlicher Stoff", sagte Kankeleit im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber es kommt darauf an, in wessen Hände er gerät."

Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht. Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die kritische Masse erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob das Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen."

Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem."



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