Ausgegraben

Mittelalter Kreuzfahrer und die Würmer des Todes

Während der mittelalterlichen Kreuzzüge starben vielleicht ebenso viele Kämpfer an Darmparasiten wie auf dem Schlachtfeld. Auf Zypern gelang zwei Anthropologen der Nachweis vom stillen Krieg der Würmer.

Evilena Anastasiou

Sie zogen aus, um Ruhm und Ehre zu ernten. Doch statt auf dem Schlachtfeld für die Verteidigung des Christentums starben viele mittelalterliche Kreuzritter schlicht und ergreifend an Mangelernährung und Infektionskrankheiten. Der Grund dafür könnte ein ganz einfacher gewesen sein: Sie mussten ihre Nahrung mit Darmparasiten teilen. Die beiden Anthropologen Piers Mitchell und Evilena Anastasiou von der University of Cambridge haben herausgefunden, dass die Ritter nie allein waren: In der Toilette einer Kreuzfahrerburg auf der Insel Zypern fanden sie große Mengen Eier von Spul- und Peitschenwürmern.

Die Toiletten der Burg Saranda Kolones ("Vierzig Säulen") waren durchaus annehmbar - der menschlichen Anatomie entsprechend waren die Sitze halbmondförmig und relativ bequem. Die Ruinen lassen sich gut datieren: Im Mai 1191 eroberte der englische König Richard Löwenherz die Insel, ein Jahr später verkaufte er sie an den ehemaligen König von Jerusalem, Guido von Lusignan. Der begann kurz darauf mit dem Bau der Verteidigungsanlage für den Hafen der Stadt Paphos. Aber schon im Jahr 1222 zerstörte ein Erdbeben die gerade erst neu gebaute Burg. In diese dreißig Jahre fällt die Benutzung der Toiletten.

Mitchell und Anastasiou entnahmen Bodenproben aus einer Latrine im nordwestlichen Stützpfeiler der inneren Burg. Im "International Journal of Palaeopathology" berichten die Forscher, was sie unter dem Mikroskop entdeckten. Sie fanden Eier sowohl des Spulwurms (Ascaris lumbricoides) als auch des Peitschenwurms (Trichuris trichiura). Und das in rauen Mengen: Nach ihren Hochrechnungen lagen 1179 Spulwurmeier und 118 Peitschenwurmeier in je einem Gramm Erde. "Wir wussten vorher nicht, ob wir ein positives Ergebnis bekommen würden - weil es unklar war, ob der Inhalt des Sammelbeckens unter der Latrine vielleicht schon bei der Ausgrabung geleert worden war", erzählt Mitchell in einer Email an SPIEGEL ONLINE.

Eine Kontrollprobe von außerhalb enthielt keine Wurmeier: "Da wir Parasiteneier in der Erde des Sammelbeckens gefunden haben, aber keine in der Kontrollprobe aus dem heutigen Bodenlevel neben der Latrine, wussten wir, dass das Sammelbecken noch mittelalterliche Exkremente enthielt."

Abenteuerliche Wanderung durch den Körper

Auch heute gehören Spulwurm und Peitschenwurm zu den häufigsten Darmparasiten der Welt. Sie gelangen mit der Nahrung als Eier in den Körper - beispielsweise wenn eine infizierte Person sich nach dem Toilettengang nicht die Hände gewaschen und dann Nahrung angefasst hat oder wenn Gemüse mit menschlichem Kot gedüngt und vor dem Verzehr nicht ausreichend gereinigt wird. Obwohl das abwegig klingt, leben schätzungsweise 22 Prozent der Weltbevölkerung mit Spulwürmern im Körper.

Hier gehen die Parasiten auf eine außergewöhnliche Odyssee. Vom Dünndarm aus machen sich die ausgeschlüpften Spulwurm-Larven zunächst auf den Weg zur Leber. Dort durchleben sie ein weiteres Lavenstadium und wandern anschließend in Herz und Lungen - und von hier aus über die Bronchien und den Hals, wo sie - durch Verschlucken - wieder zurück in den Dünndarm gelangen. Nun hat die Larve es geschafft und wächst zum Wurm heran. Ausgewachsen bringt ein männlicher Spulwurm es auf bis zu 30 Zentimeter Länge, ein Weibchen kann bis zu 35 Zentimeter lang werden. Ist es geschlechtsreif, legt das Weibchen bis zu 200.000 Eier am Tag - und kann bis zu eineinhalb Jahre alt werden.

Das Leben des Peitschenwurmes ist nicht ganz so komplex. Er lebt lediglich im Übergangsbereich zwischen Dünn- und Dickdarm. Ausgewachsene Exemplare werden zwischen drei und fünf Zentimeter lang, ein Weibchen legt zwischen 2000 und 10.000 Eier am Tag.

Hungrige Untermieter

So brutal es auch klingt - eine schwache Infektion mit Spul- oder Fadenwürmern bemerkt der Wirt wahrscheinlich nicht. Erst wenn die Parasiten sich stark vermehren, verursachen sie Bauchschmerzen, Durchfall, Blutungen oder auch Darmverschluss. Problematisch ist allerdings, dass die Würmer mitessen, was ihr Wirt in seinen Darm befördert. Wenn die Nahrung nun knapp ist - etwa in Zeiten einer Hungersnot oder in einer belagerten Stadt - wird das Leben mit Parasiten im Darm gefährlich. Dann bleibt am Ende für den Wirt zu wenig zum überleben. Oder er ist so geschwächt, dass Infektionskrankheiten ihn leicht dahinraffen können.

Eine Studie aus dem Jahr 2004 hatte gezeigt, dass rund 15 bis 20 Prozent aller Kreuzfahrer an Mangelernährung und Infektionskrankheiten zu Grunde gingen. Möglicherweise waren es aber erst die Würmer, die sie tatsächlich in den Tod trieben. Die Anzahl der Wurmopfer wäre damit ebenso hoch wie die Anzahl derjenigen, die tatsächlich auf dem Schlachtfeld starben - auch ihr Anteil liegt bei 15 bis 20 Prozent.

Toiletten verraten unglaublich viel über ihre Benutzer - ihr Leben und ihren Tod. "Beim Studium alter Toiletten ist es immer aufregend zu sehen, welche Spezies von Parasiten im Gedärm jener gelebt hat, die sie benutzten, und welche Spezies nicht", führt Mitchell aus. "Einige Kreuzfahrertoiletten beispielsweise - allerdings nicht im Saranda Kolones - enthielten Eier des Fischbandwurms. Da der Fischbandwurm im Mittelalter zwar in Nordeuropa verbreitet war, nicht aber in Südeuropa, konnten wir sagen, ob bestimmte Toiletten von Nordeuropäern frequentiert wurden oder von Südeuropäern."

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25 Leserkommentare
cassandros 27.06.2013
Layer_8 27.06.2013
arakiel 27.06.2013
grmlfimmel 27.06.2013
snickerman 27.06.2013
snickerman 27.06.2013
omind 27.06.2013
Ursprung 27.06.2013
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piiter 27.06.2013
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joachim_m. 28.06.2013
joachim_m. 28.06.2013
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joachim_m. 28.06.2013
joachim_m. 28.06.2013
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dhbvfg 28.06.2013
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cassandros 28.06.2013
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juttakristina 04.09.2013

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