Gegengift: Neues Mittel hilft gegen Zyankali

Forscher haben ein Medikament gegen Vergiftungen mit Zyankali oder anderen Zyaniden entwickelt. Es wirkt viel schneller als bisher bekannte Gegenmittel und kann auch vorbeugend eingesetzt werden. Giftmördern damit ein Schnippchen zu schlagen, bleibt schwierig - dafür könnte es der Feuerwehr helfen.

Feuerwehrmann: Gefährliche Zyanide im Rauch
DPA

Feuerwehrmann: Gefährliche Zyanide im Rauch

Miss Marple hätte es wohl gefreut: ein Pülverchen oder eine Pille, die schnell gegen das Krimi-Gift Nummer eins, Zyankali wirkt. Das Problem: Der Stoff kann zwar Leben retten, wenn sich jemand mit Zyankali oder einem anderen Zyanid vergiftet hat - es dauert aber immer noch bis zu drei Minuten, bis er wirkt. Krimileser wissen, dass Zyankali viel schneller wirkt.

Immerhin kann die neue Substanz auch vorbeugend wirken: Bis zu einer Stunde ist der Stoff aktiv und kann so eine Vergiftung verhindern. Während potentielle Mordopfer davon nur in Ausnahmefällen profitieren dürften, gibt es andere, für die jene Substanz, die Steven Patterson und seine Kollegen nun in der Fachzeitschrift "Journal of Medicinal Chemistry" vorstellten, ein Segen sein könnte (Bd. 50, S. 6462).

Lebensrettend für die Lebensretter

Gedacht ist das Mittel vor allem für Feuerwehrmänner, die unter anderem bei Schwelbränden häufig hohen Konzentrationen von Zyaniden ausgesetzt sind. Auch Opfer von Unfällen in der chemischen Industrie könnten damit behandelt werden. In Tierversuchen habe sich das Mittel bereits als ungewöhnlich effektiv erwiesen, klinische Studien sollen daher so schnell wie möglich folgen, berichten die Forscher um Steven Patterson von der University of Minnesota in Minneapolis.

Bei dem Gegengift handelt es sich eigentlich um eine ganze Gruppe von Substanzen, deren Wirkung jedoch auf dem gleichen Mechanismus beruht: Sie werden im Körper alle in einen Stoff namens 3-Mercaptopyruvat umgewandelt. Dieses Molekül kurbelt die körpereigene Entgiftungsmaschinerie an, mit der der Organismus natürliche Zyanide wie sie etwa in Bittermandeln, Süßkartoffeln oder Leinsamen vorkommen, unschädlich macht.

Bisherige Mittel haben gravierende Nachteile

"Es wirkt viel, viel schneller als die gängigen Gegengifte", sagt Patterson. Das ist bei Zyanidvergiftungen von entscheidender Bedeutung, denn einmal aufgenommen - sei es mit der Atemluft, mit der Nahrung oder über Kontakt mit der Haut - wandeln sich die Verbindungen sehr schnell in Blausäure um. Diese hemmt die zelluläre Atmung, sprich: sie verhindert, dass der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das führt zu Atemnot, Krämpfen, Schwindel, Erbrechen, Bewusstlosigkeit und unbehandelt schließlich innerhalb kurzer Zeit zum Tod. Als Gegenmaßnahme wird im Moment hauptsächlich eine Kombination aus 4-Dimethylaminophenol (4-DMAP) und Natriumthiosulfat eingesetzt.

Dadurch wird ein Teil des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin so umgewandelt, dass er das Zyanid chemisch bindet und damit unschädlich macht, und gleichzeitig der natürliche Entgiftungsmechanismus verstärkt. Da das 4-DMAP jedoch injiziert werden muss und zudem die Sauerstoff-Aufnahmekapazität des Blutes beeinträchtigt, ist es für den Einsatz in Notfällen oder bei einer großen Anzahl von Opfern nur bedingt geeignet. Die neuen Substanzen wären hier dank der Möglichkeit der oralen Einnahme, der schnellen Wirkung und der vergleichsweise langen Wirkdauer von Vorteil, sagen die Forscher. Sie wollen innerhalb der nächsten drei Jahre mit klinischen Studien beginnen.

cis/ddp

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