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Gegenwarts-Archäologie: Was von uns übrig bleibt

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Der Brite John Schofield verschiebt mit provokanten Aktionen die Grenzen der Archäologie: Er untersucht Relikte der jüngsten Vergangenheit - einen Ford Transit, Friedenscamps der Atomkraftgegner und Uni-Hörsäle. Dabei fördert er Erstaunliches zu Tage, das wir fast schon wieder vergessen hatten.

Normalerweise vergleichen Archäologen die Pinselstriche auf griechischen Vasen. Oder sie datieren mittelalterliche Gräber aufgrund modischer Veränderungen von Haarnadeln. Manche zählen auch gewissenhaft die Locken auf den Marmorköpfen römischer Senatorenbüsten.

Doch John Schofield ist anders.

Das merkt man gleich, wenn man eines seiner Archäologie-Seminare an der University of Bristol besucht. Kaum haben die Studenten Platz genommen, scheucht der Forscher die Gruppe schon wieder vor die Tür - um ihnen ein Gespür für ihre eigenen Hinterlassenschaften aus der Pause zu vermitteln, in der sie Kaffee trinkend und rauchend vor dem Hörsaal standen.

"Ladies und Gentlemen", sagt Schofield mit einem Grinsen, "wir gehen jetzt nach draußen und untersuchen, wie wir Ihre gerade verbrachte Wartezeit archäologisch dokumentieren können."

Welche Spuren hinterlässt eine wartende Studentengruppe in zehn Minuten? Die angehenden Forscher tragen die Funde zusammen: drei leere Kaffeebecher, fünf Zigarettenstummel, zwei zerknüllte Tempotücher, die leere Hülle eines Schokoriegels, ein liegengebliebenes Lehrbuch.

Plötzlich ist Archäologie ganz nah. Ein Paradigmenwechsel treibt die Disziplin um - weg von der fernen Vergangenheit, weiter in Richtung Gegenwart, bis zur gerade vergangenen Stunde.

In Frankreich untersuchen die Archäologen Tunnelunterkünfte aus dem Ersten Weltkrieg. In den USA gräbt ein Forscher die Reste einer Hippiekommune von 1969 aus. Und in Deutschland wurde ein Archäologe beauftragt, die Reste der Berliner Mauer zu dokumentieren - nicht mal zwei Jahrzehnte nach ihrem Fall.

Hierzulande ist die sogenannte New Archaeology noch nicht selbstverständlich. England ist dagegen weit vorne - und Schofield derzeit einer der Wortführer.

"Archäologie ist, was die Archäologen machen"

Der Wissenschaftler versucht immer wieder, die Grenzen seines Fachgebiets auszuloten. Seit 20 Jahren arbeitet er für die britische Denkmalpflege-Organisation English Heritage, er unterrichtet an den Universitäten von Bristol und Southampton. Seine Studenten lässt er mit archäologischen Methoden einen 18 Jahre alten Ford Transit untersuchen, den ein lokales Museum ausgemustert hat - und veröffentlicht die Ergebnisse im renommierten Fachblatt "Cambridge Archaeological Journal". Oder er gräbt aus, was von den Friedenscamps der Demonstranten gegen die Stationierung von Atomwaffen übrig blieb.

Ist das noch Archäologie?

Schofield antwortet mit einem Zitat: "Archäologie ist, was die Archäologen machen." Den Satz prägte vor mehr als 30 Jahren einer der Vordenker der Neuen Archäologie, David Clarke - und Schofield treibt ihn mit seinen Projekten ins Extrem.

"Die Definition des Fachs hat sich verändert", sagt er SPIEGEL ONLINE. Früher habe man alte Dinge studiert, konzentriert auf definierte historische Perioden und oft als Kunst verstandene Objekte. "Heute ist die Archäologie zu einer Methode geworden, den Menschen und seine Umwelt zu verstehen." Ob dabei die Hinterlassenschaften einer Studentengruppe aus dem Jahr 2009 oder die Reste eines Lagerfeuers aus dem Jahr 2000 vor Christus untersucht werden, sei egal: Die Methode bleibe dieselbe.

Die Untersuchung des Ford Transit etwa habe mehr über die Engländer der neunziger Jahre und ihre Umwelt verraten, als er sich zunächst erhofft hatte, sagt Schofield. Er und sein Transit-Team sammelten zunächst alle verfügbaren Informationen zu dem Wagen - ein Handbuch, die Versicherungsunterlagen, das Serviceheft. Sie befragten die noch auffindbaren ehemaligen Fahrer des Kleinbusses. Und dann bauten sie das Vehikel Schicht für Schicht auseinander. Jeder Fund wurde akribisch fotografiert und in einen Plan im Maßstab eins zu zehn eingetragen.

Auf den Fußmatten etwa lagen hauptsächlich Relikte aus der letzten Nutzungsphase, als Handwerker des Museums den Kleinbus gefahren hatten. Kleine Schrauben und Muttern, Halogenglühlampen, Schlauchstücke. Aber auch Teile von Kinderspielzeugen und jede Menge Tierhaare sammelten die Archäologen. Eine Laboruntersuchung ergab, dass es sich um Fell der Spezies Canis lupus familiaris, vulgo Haushund, handelte. Die Mitarbeiter des Museums hatten sich das Fahrzeug offenbar auch für private Zwecke ausgeliehen.

Unter dem Boden, direkt auf dem Fahrgestell, fanden die Ausgräber Hinweise darauf, wer den Transit vor der Handwerkercrew gefahren hatte: die Archäologen und Kuratoren des Museums. Hier lagen kleine Scherben lange vergangener Ausgrabungen - lokale Keramik aus Staffordshire, blau bedrucktes Porzellan, Steingut und ein viktorianischer Silberpenny. Dazwischen fanden sich Konfetti und Papier von Weihnachtsschokolade.

Fehlende Fingerabdrücke erinnern an soziales Drama

Und dann kam die große Überraschung. Als das Team das Fahrgestell auf Fingerabdrücke untersuchte, fand sich - nichts. Offenbar hatte nie ein Mensch das Fahrgestell berührt.

Der Ford Transit war eines der ersten Automodelle, das in Großbritannien komplett von Robotern gefertigt wurde. Die Abwesenheit der Fingerabdrücke ist das Echo eines sozialen Dramas - die Roboter hatten Hunderte von Ford-Arbeitern in die Arbeitslosigkeit gedrängt.

Sind die Ergebnisse der Auto-Untersuchung wissenschaftlich weniger wertvoll als Betrachtungen über Locken römischer Senatoren? "Archäologie beschreibt das Leben, das Menschen gelebt haben", sagt Schofield.

Eines seiner Lieblingsgebiete ist die Fahndung nach Spuren der Friedensbewegung. "Wenn wir jetzt nicht dokumentieren, welche Spuren die Aktivisten in der Landschaft hinterlassen haben, werden diese Informationen verlorengehen und mit ihnen die Möglichkeit zur Dokumentation des Widerstandes."

Eines seiner Projekte führte ihn mit US-Kollegen in die Wüste von Nevada. Etwa hundert Kilometer nordwestlich von Las Vegas hatte sich dort von 1983 bis 2000 ein buntes Trüppchen zusammengefunden: Aussteiger, Atomgegner, Überlebende der Atombombenabwürfe über Japan, ehemalige sowjetische Anti-Atom-Aktivisten und einheimische Indianer. Sie alle protestierten gegen die US-Atomtests in der Mojave-Wüste. Um das Protestcamp herum ist der Wüstensand deswegen voll von Skulpturen. Die Atomgegner haben sie aus dem einzigen Material geformt, das der karge Ort in Massen hergibt: sonnendurchglühter Stein. Aus ihn formten die Demonstranten Peace-Zeichen und Friedenstauben, sie verewigten sich mit Graffiti und Piktogrammen an den Wänden eines Tunnels unter dem Highway 95.

"Es ist schon seltsam", sagt Schofield. "Diese Steinskulpturen und Wandmalereien unterscheiden sich kaum von denen, die Menschen in der Steinzeit geschaffen haben. Und wer weiß, vielleicht waren auch ihre Motive ähnlich."

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Spurensuche: Archäologie an der Grenze zur Gegenwart


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