Geheimnisvolle Kult-Beile Statussymbole der Steinzeit

Sie sind ein Mysterium, eines der größten Rätsel aus der Zeit der Jäger und Sammler: Steinklingen aus kostbarstem Jadeit. Wozu dienten diese Äxte, die Archäologen in halb Europa gefunden haben? Forscher sind dem Geheimnis nun dicht auf der Spur - in Neuguinea.

Von Almut Bick


Sehnsüchtig werden sie bereits erwartet. Zwei Wochen ist es schon her, seit die Männer zum heiligen Berg aufgebrochen sind. Nun erreichen sie mit ihrer schweren Last endlich das Dorf. Sie bringen grüne Steine für die besten der Handwerker mit. Nur diese können daraus die mächtigen Beile herstellen, die bis zum fernen Meer begehrt sind.

Über sechstausend Jahre ist es her, dass die steinzeitlichen Bergleute mit dem äußerst seltenen Jadeit heimkehrten. Hoch oben, jenseits der Schneegrenze des Monte Viso in den italienischen Alpen, betrieben sie einen regelrechten Steinbruch für das grüne Mineral. Unten im Tal wurden die groben Brocken behauen, geschliffen und poliert - bis daraus lange Beilklingen entstanden, die so beliebt waren, dass sie Abnehmer in Norddeutschland, Dänemark, Nordfrankreich und auf den britischen Inseln fanden. Ihre weite Verbreitung ist eines der erstaunlichsten Phänomene des vorgeschichtlichen Fernhandels.

Weil die meisten Äxte einzeln, ohne jeden weiteren archäologischen Zusammenhang entdeckt wurden, hatten die Wissenschaftler kaum eine Möglichkeit, sie zeitlich und kulturell einzuordnen - weshalb sie lange Zeit kaum erforscht werden konnten. Erst vor wenigen Jahren machte sich ein internationales Team von Geografen, Geologen und Archäologen daran, die Spuren der jungsteinzeitlichen Bergleute und ihrer Produkte zu erkunden. Mit physikalischen Methoden bekamen sie heraus, aus welchem Steinbruch der Jadeit einst stammte - und wer mit wem im neolithischen Europa Handel trieb.

Die bis zu 40 Zentimeter langen Steinklingen waren für den Gebrauch als Waffe oder Werkzeug viel zu groß: Mit ihnen konnte man keine Bäume mehr fällen. Ihr Wert war also offenbar nicht praktischer, sondern vielmehr symbolischer Natur. Dafür spricht auch, dass sie sich immer wieder in rituellen Niederlegungen fanden. Sie waren, so vermuten die Forscher, Prestigeobjekte oder für religiöse Zwecke bestimmt. Schon im 19. Jahrhundert tauchten diese merkwürdigen Objekte erstmals auf. Rätselhaft blieb vor allem der grüne Stein. Niemand glaubte, dass es dieses Mineral auch in Europa gebe. Die Beile seien wohl aus Fernost hierher gelangt.

Schließlich vermutete man doch die Ausbeutung einheimischer Vorkommen in den Westalpen. Der Beweis eines jungsteinzeitlichen Bergbaus ließ sich jedoch nicht erbringen. Zwar stieß man in den Flusstälern der Westalpen tatsächlich auf Jadeitkiesel - und die Forscher waren überzeugt, die Quelle für den Rohstoff der steinzeitlichen Beile entdeckt zu haben. Doch Pierre Pétrequin von der Université de Franche-Comté in Besançon glaubte nicht daran. Das, was da in den Flüssen zu finden sei, habe niemals ausgereicht, um daraus die mehrere tausend heute bekannten Beile anzufertigen: "Wer so hochwertige Produkte herzustellen und mit ihnen Fernhandel zu betreiben vermochte, dem ist mehr zuzutrauen."

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Seit 1992 war Pétrequin jedes Jahr zusammen mit seiner Frau Anne-Marie wochenlang durch die Täler der Westalpen gewandert. Im Jahr 2003 fand das Ehepaar dann endlich das, wonach Geologen und Archäologen über hundert Jahre lang vergeblich gesucht hatten: mehrere Jadeitlagerstätten - und Hinweise darauf, dass die neolithischen Menschen dort systematisch Bergbau betrieben hatten.

Ein besonders intensiv genutztes Vorkommen entdeckten die Archäologen am Monte Viso in den Alpen des Piemont. Es liegt auf 2000 bis 2400 Meter Höhe und ist im Jahr nur wenige Monate schneefrei. Dauerhaft konnte dort oben niemand leben, vielmehr mussten die Bergleute von ihrem Dorf im Tal mindestens zwei Tage lang beschwerlich aufsteigen.

Kulturtransfer quer durch Europa

Auch der Abbau des begehrten Gesteins war eine Knochenarbeit. "Jadeit ist ungemein hart, er lässt sich nicht einfach aus dem Fels schlagen", erläutert Pierre Pétrequin. Doch man wusste sich offenbar zu helfen. Die Überreste steinzeitlicher Holzkohle beweisen, dass die Männer einst große Feuer entfachten. Durch die Hitze entstanden in dem Gestein so große Spannungen, dass es riss und Blöcke einfach herauszubrechen waren. Vielleicht schreckte man damals den heißen Stein sogar mit Wasser ab, um diesen Effekt zu verstärken.

Die Holzkohle lässt sich überdies mit Hilfe der Radiokarbonanalyse heute genau datieren. Überraschenderweise zeigte sich dabei, dass der Jadeitabbau am Monte Viso schon in der frühen Jungsteinzeit begann. Seinen Höhepunkt erreichte er gegen Ende des 6. und zu Beginn des 5. vorchristlichen Jahrtausends. In welch großem Stil der Rohstoff damals dort abgebaut wurde, beweisen Abertausende von größeren und kleineren Steinsplittern im Umfeld der Lagerstätte. Die Forscher gehen davon aus, dass sich die Arbeiter seinerzeit für jeweils ein bis zwei Wochen oberhalb von zweitausend Metern Höhe aufhielten.



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