Ausgegraben

Ausgegraben Geheimtempel in der Hansestadt

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Tempelreste in Norfolk: Spuren einer Geheimgesellschaft
Clive Bond

Tempelreste in Norfolk: Spuren einer Geheimgesellschaft


In King's Lynn in der englischen Grafschaft Norfolk traf sich einst eine Geheimgesellschaft, die sich mit bacchischen Festen der republikanischen Herrschaft Oliver Cromwells widersetzte. Archäologen fanden bei einer Testgrabung die Reste ihres Tempels.

In den achtziger Jahren hatten Randalierer den Tempel im Wald beschädigt, danach suchte sich die Reffley-Bruderschaft für ihre Treffen eine neue Bleibe in einem mittelalterlichen Gebäude direkt in der Stadt King's Lynn. Die Archäologen mussten also gar nicht tief graben, um auf Spuren der alten Geheimgesellschaft zu stoßen: "In einem 30 Zentimeter tiefen Testschnitt fanden wir Ziegelfragmente, Kacheln, große Mengen feinen Porzellans aus dem 18. und 19. Jahrhundert, viele Fragmente von Tonpfeifen, alte Glasflaschen - und eine einzelne amerikanische Münze, einen Dime", schreibt Clive Bond, Vorsitzender der West Norfolk and King's Lynn Archaeology Society, in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE.

Die Geschichte der Geheimgesellschaft reicht jedoch noch viel weiter in die Vergangenheit zurück. "Die Reffley Bruderschaft wurde 1644 während des Bürgerkrieges in oder in der Nähe von King's Lynn gegründet", erklärt Society-Präsident Pauls Richards in einer E-Mail. "Es war ein Zusammenschluss von Landbesitzern und anderen Royalisten, die unter den Truppen Cromwells zu leiden hatten." Um geheim bleiben zu können, beschränkte die Bruderschaft die Anzahl ihrer Mitglieder auf 30 - zu wenig für militärischen Widerstand. "Die Treffen drehten sich mehr um Speis und Trank - zur Pflege der Kameradschaft, um den Mut nicht zu verlieren", erläutert Richards. "Und dann wurde ja 1660 mit der Restauration der Stuarts alles wieder gut."

Die Reffley-Bruderschaft aber traf sich weiterhin. Und hielt an den Gepflogenheiten aus der Zeit der Republik fest. Auf den Tisch kamen stets eine große Rinderhaxe, Hammelfilet und Hummersalat. Dazu gab es den berühmten Punsch, gebraut aus dem besonders eisenhaltigen Wasser einer Quelle im Wald. Mit dem Punsch wurde auf Bacchus, den römischen Gott des Weines, angestoßen. "Das Gebräu spielt auch heute noch eine zentrale Rolle bei unseren Riten", verrät Richards.

Mysteriöse Zehn-Cent-Münze

Um die geheimen Treffen nahe bei der Quelle abhalten zu können, ließ Landbesitzer Folkes, auf dessen Grund das Gewässer lag, im Jahr 1711 unmittelbar daneben den Tempel bauen. Das Heim der Bruderschaft hatte einen achteckigen Grundriss, davor wachten Sphingen. Ein großer Obelisk sorgte für weiteres ägyptisches Flair. Davon fanden die Ausgräber allerdings nichts mehr.

Sowohl die Sphingen als auch der Obelisk mussten bereits in den neunziger Jahren aus Sicherheitsgründen weichen. Dafür legten die Archäologen die Punsch-Quelle frei und fanden das gute Geschirr, von dem die Bruderschaft Rind, Hammel und Hummer speiste. Und noch weitere Artefakte der Feierlichkeiten holten sie aus dem Boden: Bruchstücke großer Tonpfeifen. In ihnen rauchten die Brüder nach dem Mahl eine spezielle geheime Tabakmischung.

Die Quelle im Wald war jedoch offenbar schon lange vor den Zeiten Cromwells ein beliebter Treffpunkt. In unmittelbarer Nähe entdeckten die Ausgräber Flintsplitter, einige davon verbrannt. "Der Flint spricht dafür, dass dieser Hügel im Neolithikum und in der frühen Bronzezeit gelegentlich besucht wurde, wenn auch immer nur für kurze Zeit", interpretiert Bond die Funde. Später ließen die Römer einige Scherben ihres typischen Terra-Sigillata-Geschirrs zurück, die Sachsen einen Brennofen. Aus jüngerer Zeit stammt ein Luftschutzbunker - und die amerikanische Zehn-Cent-Münze aus dem Tempel.

Dafür, wie sie dorthin kam, hat Bond noch keine Erklärung. Sie könnte einem weit gereisten Reffley-Bruder nach seiner Rückkehr aus Amerika aus der Hosentasche gefallen sein. Oder einem Besucher von einer amerikanischen Airforce-Basis. Die Reffley-Brüder waren jedenfalls Fremden gegenüber stets offen und freundlich gesinnt. Schließlich lief im Mittelalter der größte Teil des englischen Handels mit dem europäischen Kontinent über den Hafen der damaligen Hansestadt. Gut möglich, dass in den Gründungstagen der Bruderschaft sogar reiche Händler aus anderen Hansestädten zu den Mitgliedern zählten.

Bis 1751 unterhielten deutsche Händler immerhin noch ein Handelskontor in der Stadt - "und wir sprechen bis heute bei unserem Sommerfest einen Toast auf die Hanse aus", schreibt Richards. Seit 2005 ist King's Lynn denn nun auch wieder Mitglied der Neuen Hanse, Richards selber ist Vorsitzender des Hanseatischen Clubs. Wie tief aber die Verflechtungen zwischen Hanse und Bruderschaft gingen, ist noch unklar. "Die Bruderschaft hat keine schriftlichen Aufzeichnungen ihrer Geschichte", bedauert Richards. "Die zu erstellen soll aber meine Aufgabe werden."

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